Günter Grass feiert Geburtstag Ein "unerschrockener Bürger" wird 85

Literaturnobelpreisträger, politischer Provokateur, Zeichner und vor allem Geschichtenerzähler - Günter Grass hat in seinem Leben verschiedene Rollen ausgefüllt. Am Dienstag (16.10.2012) wurde der Schriftsteller 85 Jahre alt. Ein Gespräch mit dem Grass-Biografen Volker Neuhaus.


Günter Grass
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Günter Grass wird 85 Jahre alt.

Volker Neuhaus ist emeritierter Germanistik-Professor an der Universität Köln und Herausgeber der Grass-Werkausgabe. Anlässlich des 85. Geburtstags des Literaturnobelpreisträgers hat er die Biografie: "Günter Grass: Schriftsteller - Künstler - Zeitgenosse" geschrieben.

WDR.de: Herr Neuhaus, haben Sie Herrn Grass bereits zum Geburtstag gratuliert?

Volker Neuhaus: Ich habe ihm ein kurzes Glückwunschtelegramm geschickt und ihm auf Lateinisch gratuliert – dem "Poeta Laureatus", dem realistisch-fantastischen Maler und dem unerschrockenen Bürger.

WDR.de: Offizielle Feierlichkeiten hat er quasi verboten. Ist Grass nicht in Feierlaune?


Volker Neuhaus
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Grass-Kenner Volker Neuhaus

Neuhaus: Seine runden Geburtstage werden seit seinem Sechzigsten ja durchaus sehr aufwendig gefeiert, mit Glückwünschen von Bundespräsidenten und Bundeskanzlern. Das kann man aber nicht immer machen. Dieses Jahr steht anderes im Vordergrund. Am Sonntag wurde nach zehnjährigem Bestehen das völlig neu konzipierte Grass-Haus in Lübeck vorgestellt - unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit. Und in Göttingen wird am nächsten Wochenende der wunderschöne Gedichtband "Eintagsfliegen" vorgestellt. So steht gerade mehr das Werk als die Person Grass im Mittelpunkt. Dennoch schlägt ihm viel öffentliche Verehrung entgegen.

WDR.de: Nun hat Grass mit 85 Jahren schon ein langes literarisches Leben hinter sich. Sein erster Roman "Die Blechtrommel" erschien 1959. Können Sie sich an Ihr erstes Grass-Leseerlebnis erinnern?

Neuhaus: Ja, ich gehöre ja der Grass-Lesegeneration an. Ungefähr zu meinem sechzehnten Geburtstag ist "Die Blechtrommel" erschienen, und ich habe heute noch die Erstausgabe, die ich druckfrisch gelesen hatte. Damals war das keine Schullektüre, ich habe das als literarisch interessierter Jugendlicher gelesen. Ich war hin und weg, und habe mich von Vornherein mit der Hauptfigur, Oskar Matzerath, identifizieren können. Genauso wie er sah ich die Welt. Ab dann habe ich jedes Werk von Grass spätestens 14 Tage nach Erscheinen gelesen.

WDR.de: Es gibt sicherlich einige, die in ihrem Leben bis heute keinen Grass-Roman gelesen haben. Was würden Sie denen denn als Einstiegslektüre empfehlen?

Neuhaus: Den wunderschönen Roman "Ein weites Feld" und natürlich "Die Blechtrommel". Ich bin mir ganz sicher, dass "Die Blechtrommel" bei einer weltweiten Abstimmung für die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum wichtigsten Roman der Welt gewählt würde. Das ist wirklich ein Roman, der die größten und wichtigsten europäischen Romantraditionen aufnimmt und in einer nicht wiederholbaren Weise modern variiert. Es ist ein Schelmenroman, ein Entwicklungsroman und ein großer Gesellschaftsroman, der auf satirisch-komische Weise das erschreckend-faszinierende Thema aufgreift, wie es  zum Dritten Reich, zum Zweiten Weltkrieg und zur Judenvernichtung kommen konnte.

WDR.de: In Köln gab es kürzlich eine Stadtführung, die auf den Spuren von Günter Grass wandelte. Gibt es viele Bezüge zu Nordrhein-Westfalen in Grass’ Werk?

Neuhaus: Ja, in hohem Maße. Die zweitwichtigste Stadt nach Danzig ist für ihn Düsseldorf gewesen. Er hat als Steinmetz in Düsseldorf gearbeitet, und das Werkzeug musste damals in einer Werkstatt in Köln nachgehärtet werden. Da ist er als Lehrjunge von Düsseldorf nach Köln geschickt worden und hat die völlig zerbombte Stadt durchwandert. In seinem Buch "Mein Jahrhundert" taucht das zerstörte Köln wieder auf. In der bebilderten Ausgabe hat er jedes Jahr von 1900 bis 1999 mit einem für das Jahr typischen Bild versehen. Das Bild für das Jahr 1942 zeigt Köln in Trümmern, und aus der Mitte der Trümmerfläche ragt der Dom heraus.

WDR.de: Er hat sich ja in den letzten Jahren auf sehr umstrittene Weise politisch eingemischt. Waren sein Gedicht "Was gesagt werden muss" und auch die Reaktionen darauf für Sie eine Überraschung?

Neuhaus: Die Reaktionen darauf waren für mich schon überraschend - nicht, dass er das Gedicht geschrieben hat. Es wurde aber weithin falsch verstanden. Die ganz eigentümliche Lesart, dass Israel die Auslöschung des Iran plane, stimmt ja so nicht  – das ist aber leider nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

WDR.de: Ist denn von Günter Grass auch in Zukunft noch einiges zu erwarten?

Neuhaus: Da äußert er sich selbst sehr vorsichtig: An ein 700-Seiten-Projekt würde er wohl sich nicht mehr wagen. Beachtlich für sein Alter ist aber, dass er mit seinen drei autobiografisch gefärbten Texten "Vom Häuten der Zwiebel", "Die Box" und "Grimms Wörter" sieben Jahre lang wieder sehr intensiv Prosa geschrieben hat. Davon hat er sich jetzt erstmal als Zeichner und Lyriker erholt - und wie der von ihm geliebte Fontane sagen würde: "Der Rest ist Gnade".

Das Gespräch führte Nina Giaramita.


Stand: 16.10.2012, 14.29 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 17.10.2012, 10:40 Uhr

Grass - wortgewandt, stark schrieb am 17.10.2012, 10:40 Uhr:
Günter Grass in die antisemistische Ecke drängen zu wollen, können nur ungebildete Hohlköpfe. Vielleicht mal mit Lesen probieren und das Gesamtwerk dieses Schriftstellers anschauen. Bei einigen Kommentatoren scheint es, als könnten sie zwar ihren Namen tanzen, aber bei Literatur und Kultur fehlt der blasse Schimmer. Und wenn auf seine SS-Vergangenheit gedeutet wird, dann dürfte die BRD nach dem Krieg fast keinen Politiker gehabt haben, der an die Macht gedurft hätte. Oder war wieder mal "nur" Adolfs Schäferhund in der NSDAP und sonst niemand?
Werner schrieb am 17.10.2012, 09:50 Uhr:
Was für ein Müll über Grass hier verbreitet wird. Dieser Mann hat dem Springer-Mob der ihn mit der Antisemitismus-Keule erledigen wollte, widerstanden und zurecht auf die Gefahr eines Angriffskrieges hingewiesen, ungeachtet seiner schriftstellerischen Karriere.
Kevin schrieb am 16.10.2012, 22:51 Uhr:
Lasst über Grass Gras wachsen, mehr hat er nicht verdient.
Hans schrieb am 16.10.2012, 21:52 Uhr:
Herzlichen Glückwunsch! Du hast uns immer den Spiegel vorgehalten. Genährt aus eigener Erfahrung, warst Du nie außerhalb des Lebens, über das Du geschrieben hast. Du hast gefehlt, weil Du ein Mensch bist und keine Ikone. Wie viele aus Deiner Zeit. Und Du hast Deine Lehre daraus gezogen. Vor allem bist Du auch mit über acht Jahrzehnten immer noch in der Gegenwart mit Deinem Wort präsent. Und das freut uns. Es gibt zu wenig von Leuten Deines Schlages auf dieser Welt. Und auch deshalb wünschen wir Dir noch viele Jahre, in denen Du Dich einmischt, dich äusserst oder verurteilst. Auch wenn die, die Dich verstehen oder begreifen, intellektuell nie die Mehrheit des deutschen Volkes darstellten. Bleib und mach weiter so!
Auchgut schrieb am 16.10.2012, 20:13 Uhr:
Ich halte nichts von Grass. Der Mann wird völlig überbewertet und hat auch eigentlich nichts zu sagen. Seine "Gedichte" sind keine und inhaltlich... ...m.E. leider nichts als banale Probleme mit einem Leben um dass man ihn nicht beneidet. Unfassbar, dass es Menschen gibt, die zu dieser Person aufblicken.

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