Interview zum Film über Gerhard Richter: Dokumentation eines zurückhaltenden Stars
Es wird wenig gesprochen in Corinna Belz' Kinofilm "Gerhard Richter Painting", der den Künstler bei der Arbeit beobachtet. WDR.de sprach mit der Regisseurin über die Schüchternheit des Malers, und warum seine Wortkargheit angenehm ist.

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Gerhard Richter beginnt die Arbeit an einem seiner Gemälde
Fast drei Jahre, zwischen 2008 und 2010, durfte Regisseurin Corinna Belz den höchstdotierten bildenden Künstler der Welt, Gerhard Richter, bei seiner Arbeit mit der Kamera begleiten. Zuvor hatte Belz, deren filmischer Schwerpunkt Kulturdokumentationen sind, bereits 2006 und 2007 Richter bei seiner Arbeit am Südfenster des Kölner Doms beobachtet.
WDR.de: Frau Belz, warum ist Gerhard Richter schon seit Jahren der höchstdotierte bildende Künstler der Welt?
Corinna Belz: Schwer zu sagen. Mit den Marktgesetzen habe ich mich gar nicht so sehr beschäftigt. Ich kann nur mutmaßen: Richter hat eine lange Entwicklung genommen, sein Werk ist reichhaltig und vielfältig und es gibt schon lange ein breites Interesse an seiner Arbeit. Dass er so hoch gehandelt wird, liegt auch daran, dass die Menschen sich von den verschiedenen Thematiken und der unterschiedlichen Materialität, der Vielschichtikeit seiner abstrakten Bilder angezogen fühlen. Die Ausstellung "Abstrakte Bilder" im Kölner Museum Ludwig war ja ein großer Erfolg. In wenigen Sätzen kann man das aber nicht abschließend zusammenfassen.
WDR.de: Richter gilt als unnahbar und medienscheu. Wie haben Sie ihn dazu gebracht, sich fast drei Jahre lang immer mal wieder mit der Kamera über die Schulter schauen zu lassen?

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Regisseurin Corinna Belz
Belz: 2006 und 2007 habe ich bereits einen Film über seine Arbeit für das Südfenster des Kölner Doms gedreht. Damals lernte ich Richter, wenn auch auf größere Distanz als diesmal, bereits etwas kennen. Zu Beginn der Arbeit am Fensterfilm hatte er gesagt, er stehe für das Projekt nicht zur Verfügung. Langsam hat sich das dann aber entwickelt, vor allem, weil die Dombaumeisterin, Barbara Schock-Werner, den Film unterstützt hat. So kam es allmählich zu einem Vertrauen und ich konnte Besprechungen während der Arbeit an den Entwürfen des Domfensters drehen. Diese Aufeinandertreffen damals waren wichtig als Vorarbeit für den nun vorliegenden Dokumentarfilm.Trotzdem war für "Gerhard Richter Painting" die andauernde Ermutigung sämtlicher Beteiligten notwendig - einschließlich meiner selbst.
WDR.de: Gleich zu Anfang des Films zeigen Sie eine Szene, in der man ein kurzes Gespräch zwischen Ihnen und Gerhard Richter mitbekommt. Der Tonfall ist nicht unbedingt freundschaftlich, aber er wirkt vertraut. Heißt das, Sie haben die Schale des scheuen Stars geknackt?
Belz: Also von Schale knacken würde ich nicht sprechen. (lacht) Das ist nicht das Ziel, mit dem ich in eine Drehsituation gehe. Die Szene stammt einfach aus einer Zeit, in der wir bereits viele Monate miteinander gedreht hatten. Da klingt das dann einfach nicht so, als würden zwei Fremde aufeinander treffen.
WDR.de: Ihr Film macht deutlich, dass Richter in keinster Weise dem gängigen, leicht romantisierten Künstlerklischee entspricht: Stattdessen ist er zurückhaltend, wirkt uneitel, hat keinen Spleen und pflegt keine auffällige Außendarstellung.
Belz: Das, was Sie beschreiben ist ein Klischee, das aus einer Zeit stammt, in der man sich unter diesem Begriff eine genialische Persönlichkeit vorgestellt hat. Richter hat überhaupt keine Absichten, ein solch exzentrisches Image von sich zu kultivieren, das vermeidet er ganz bewusst. Und ich habe auch den Eindruck, dass es ihm tatsächlich nicht entspricht.
WDR.de: Diese extreme Zurückhaltung ist also keine Form der Künstlerattitüde?
Belz: Nein, es ist ein Bedürfnis, sich abzugrenzen, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Wahrscheinlich ist es für ihn sogar eine Notwendigkeit, aber auf keinen Fall Attitüde. Die Skepsis, die ihn auszeichnet, war aber schon immer vorhanden. Das kann man auch in den Ausschnitten aus alten Interviews aus den 1960ern sehen, die in meinen Film integriert sind.
WDR.de: Ist Richter dann auch egal, wie seine Arbeit aufgenommen wird?
Belz: Nein. Ich denke, ihm ist schon wichtig, dass seine Bilder ein Publikum finden und dass darüber geschrieben wird.
WDR.de: In Ihrem Film wird relativ wenig gesprochen. Warum?
Belz: Richter hat den Sinn, über Malerei zu sprechen, immer mal wieder angezweifelt. Er geht von einer Art Arbeitsteilung aus. Für die Interpretation des Werks sind andere zuständig. Ein Filmemacher schreibt ja auch nicht eine Filmkritik über seinen eigenen Film. Dazu kommt, dass er eine überlegte Art hat, mit Sprache umzugehen. Für den Film war das durchaus von Vorteil, dass er niemand ist, der zwei Stunden am Stück spricht. Deswegen waren die Drehsituationen auch sehr schön: Am Rand hat sich hin und wieder ein Gespräch ergeben. Aber in erster Linie ging es darum, ihn bei der Arbeit zu zeigen.
WDR.de: Im Film verfolgen Sie Richter während seiner Arbeit an zwei seiner Bilder kommentarlos mit der Kamera.

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Gerhard Richter mit einem Rakel in seinem Atelier
Belz: Wir schildern während des Films chronologisch die Entstehungsstadien dieser beiden Bilder: Deren erste Schicht, die Primärfarben, trägt Richter mit dem Pinsel auf. Danach setzt er den Rakel, eine Abstreifleiste für überschüssige Farbe, ein, die ein zentrales Werkzeug seiner abstrakten Arbeiten ist. Die Bilder verändern sich Schicht um Schicht um Schicht um Schicht. Dadurch entsteht ein differenzierter Farbauftrag, am Ende erreichte er bei diesen Bildern eine fast monochrome Fläche, was zu Anfang noch gar nicht vorhersehbar war.
WDR.de: Was haben die Bilder in Ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien in Ihnen ausgelöst?
Belz: Während des Drehs ist man mit zu vielen anderen Sachen beschäftigt: Was macht der Kameramann, drehen wir eine Nahaufnahme oder eine Totale? Ich muss die ganze Zeit darauf achten, dass ich später alles für den Schneideraum habe, was ich brauche. Deswegen freue ich mich darauf, wenn ich sie im Februar im Rahmen der großen Ausstellung in der Neuen Berliner Nationalgalerie wieder sehe.
WDR.de: Ist es seltsam bei der Entstehung von Bildern zuzuschauen, die auf dem freien Markt teilweise den Gegenwert von Eigentumswohnungen erzielen?
Belz: Ganz ehrlich? In der Zeit, als wir das gedreht haben, habe ich an diesen Aspekt überhaupt nicht gedacht. Ich habe diese Komponente, seinen finanziellen Erfolg, auch ganz bewusst aus meinem Film herausgehalten. Der Marktwert als Eigenschaft eines Künstlers hat mich nicht interessiert. Außerdem ist das der Aspekt, über den bei Richter sowieso schon die ganze Zeit gesprochen wird. Für eine Betrachtung seiner Arbeit braucht man das aber nicht, es sei denn, man will sie kaufen.
WDR.de: Worüber gibt der Film nun am meisten Aufschluss?
Belz: Ich hoffe, der Film gibt Aufschluss über seine Arbeitsweise und auch seine Art, Bilder zu sehen. In einer Szene, in der er über die Bilder und Postkarten spricht, die damals in seinem Arbeitszimmer hingen, sieht man beispielsweise ein mögliches kunsthistorisches Bezugssystem und den Maßstab, den er sucht.
Das Interview führte Sven Gantzkow
Der Film "Gerhard Richter Painting" läuft ab 8. September in den Kinos.
Stand: 03.09.2011, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 05.09.2011, 11:35 Uhr
- Alla GrAnde schrieb am 05.09.2011, 11:35 Uhr:
- Gerhard Richter ist einer der wenigen Künstler auf der Welt, die mich faszinieren. Ich bin sehr gespannt auf Ihren Film, liebe Corinna Belz.
- Irma Lintenhofer schrieb am 03.09.2011, 23:27 Uhr:
- Der Film ist fantastisch - ein Wunderwerk!!! Danke Corinna Belz! Danke Gerhard Richter!
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