NRW kürzt Mittel für Frauenarchiv: Die Frauen, das Geld und der Turm
Frauenmediaturm heißt ein Archiv zur Geschichte der deutschen Frauenbewegungen, das von Alice Schwarzer gegründet wurde. Weil zwei NRW-Ministerien ihre Zuschüsse halbieren, sieht Schwarzer die Existenz des Archivs gefährdet.

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Frauenarchiv im mittelalterlichen Wehrturm am Rheinufer
Seit 1994 residiert das Frauenarchiv in einem trutzigen mittelalterlichen Wehrturm am Rhein. Der Bayenturm wurde mit dem Einzug des Archivs in "Frauenmediaturm" umbenannt. "Wer den Turm hat, hat die Macht" – so hieß es lange Zeit in Köln. Um Macht und vor allen Dingen Geld geht es nun in einer Auseinandersetzung zwischen Alice Schwarzer und der NRW-Landesregierung. Schwarzer, die das Archiv 1984 gründete und Vorsitzende der gemeinnützigen Träger-Stiftung ist, beklagt, dass die öffentlichen Fördermittel vom Land um die Hälfte gekürzt werden: "Nimmt NRW die Kürzung der Förderung nicht zurück, ist die Existenz des in dieser Form weltweit einmaligen Frauenarchivs bedroht." Die Landesregierung teilte am Montag (30.01.2011) mit, dass sie "trotz aller Wertschätzung für die großen Verdienste von Alice Schwarzer" aufgrund der schwierigen Haushaltslage sparen müsse. Zudem müsse man "die Verhältnismäßigkeit der Fördermittel für den Frauenmediaturm zu anderen Frauenkulturprojekten wahren." Seit 2008 hat der Frauenmediaturm nach Angaben der Landesregierung Fördermittel in Höhe von rund 800.000 Euro erhalten.
Rüttgers versprach großzügige Förderung

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Ehrung im Jahr 2005: Bundesverdienstkreuz für Alice Schwarzer
2008 hatte die Förderung mit NRW-Geldern unter der schwarz-gelben Landesregierung begonnen. Es war das Jahr, indem Alice Schwarzer dem Ruf von Jürgen Rüttgers (CDU) folgte, Mitglied seiner "Zukunftskommission" zu werden. Das 23-köpfige Gremium hatte damals unter dem Vorsitz von Ralf Dahrendorf die Landesregierung beraten. Die Fördergelder in Höhe von 210.000 Euro wurden auf drei Ministerien (Frauen, Wissenschaft und Kultur) verteilt. Laut Schwarzer sagte Jürgen Rüttgers diese Förderung bis 2017 zu, also weit über seine damalige Amtszeit hinaus.
Streichung und Kürzung von NRW-Fördermitteln
Doch mit dem Verlust der Macht in Düsseldorf haben Parteien und Personen gewechselt. Und die setzen andere Schwerpunkte: So hat das Emanzipationsministerium von Barbara Steffens (Grüne) bereits vor einem Jahr die Fördersumme von 70.000 Euro gestrichen. Und das Familien- und Kulturministerium unter der Leitung von Ute Schäfer (SPD) sowie das Wissenschaftsministerium von Svenja Schulze (SPD) kürzen ihren Förderanteil für 2012 jeweils um die Hälfte. So bleiben unterm Strich für das Archiv nur noch NRW-Mittel von insgesamt 70.000 Euro. "Diese Summe deckt gerade mal die Betriebskosten", klagt Alice Schwarzer.
Die Gründe des Emanzipationsministeriums
Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter sagte auf Anfrage, man habe nach Übernahme des Ministeriums alle Fördermittel überprüft. "Dabei haben wir gesehen, dass da ein Frauenarchiv in Köln gefördert wird. Es gibt aber mehrere Frauenarchive in NRW und keins der anderen erhält Fördergelder", sagte Ministeriumssprecher Christoph Meinerz. Die einzige Ausnahme sei ein minimaler einmaliger Zuschuss für ein Regal gewesen. Es sei nicht Aufgabe seines Hauses, Archive zu fördern. Darum habe man mit dem Haushalt 2011 die Gelder gestrichen. Auch, weil man in anderen Bereichen mehr Finanzmittel einsetzen wollte. Meinerz nennt die Unterstützung von Frauenhäusern und die Wiedereingliederung von Frauen in den Beruf. Und zudem sei das Archiv "nur sehr eingeschränkt öffentlich zugänglich". Die Nutzung des Frauenmediaturms ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Mit dem Besuch fällt eine Gebühr von fünf Euro an. Nutzerinnen müssen mitunter wochenlang auf einen Termin warten. Eine WDR-Hörfunkjournalistin wartete sogar drei Monate und durfte bei ihrem Besuch das Aufnahmegerät nicht nutzen.
Archiv wurde zum Großteil durch Spenden finanziert

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Alice Schwarzer
Dass die Fördermittel gekürzt werden, ist bereits seit Dezember 2011 bekannt. Doch erst jetzt sucht Alice Schwarzer die Öffentlichkeit und hat für Dienstag (31.01.2012) eine Pressekonferenz in Düsseldorf angekündigt. Über die Kritik an der Mittelstreichung durch das Emanzipationsministerium von Barbara Steffens zeigt sich deren Sprecher überrascht: "Wir haben vor einem Jahr Frau Schwarzer darüber informiert. Sie hat damals nicht darauf reagiert."
Hausverbot und "Lex Schwarzer"
Der Frauenmediaturm ist nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen. Der Verdacht der verdeckten Subventionierung der Zeitschrift "Emma" warf 1994 einen ersten Schatten auf das Prestigeobjekt. Der damalige Mietvertrag mit der Stadt Köln schloss eine kommerzielle Nutzung des Bayenturms aus. Dennoch - so der Vorwurf – tagte dort die Redaktion der Frauenzeitschrift. Offiziell wurden die Räume von einem "Förderverein Frauenmediaturm" genutzt. Dessen Mitglieder arbeiteten jedoch zugleich auch in der "Emma"-Redaktion. Der Kölner Journalistin Marianne Lange, die kritisch über die Arbeitsbedingungen im FMT berichtet hatte, wurde ein Hausverbot für das öffentliche Archiv erteilt. Nach zahlreichen Protesten, unter anderem durch die damalige IG Medien (heute Verdi), wurde dies jedoch später wieder zurückgenommen.
Gut zehn Jahre später, 2005, versuchte der damalige Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) den Pachtzins für den Turm von 14.500 auf einen symbolischen Euro pro Jahr zu reduzieren. Das hätte bis zum Vertragsende 2024 für die klamme Stadtkasse einen Einnahmeverlust von knapp 300.000 Euro bedeutet. Von einer "Lex Schwarzer" war damals spöttisch die Rede. Doch die Vorlage des OB wurde vom Rat der Stadt wieder kassiert, es blieb bei der vertraglich vereinbarten Miete.
Zahlreiche Spenden für das Archiv
Entstanden ist das Archiv dank einer großzügigen Anschubfinanzierung von Jan Philipp Reemtsma. "Alles in allem wurden bis 2008 von privaten Kräften rund acht Millionen Euro in das Projekt investiert", bilanziert Schwarzer. Ein Teil des Geldes ermöglichte die Gründung der Stiftung Frauenmediaturm (FMT). Zudem gab es in der Vergangenheit Spenden der Krupp-Stiftung und der Sparkasse Köln. Ob mit der Reduzierung der NRW-Fördermittel wirklich die Existenz des Archivs gefährdet ist, wird sich zeigen.
Stichworte
- Der Frauenmediaturm
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Im Archiv des Frauenmediaturms (FMT) finden sich folgende Sammelschwerpunkte: Die Neue Frauenbewegung von 1971 bis zur Gegenwart, die Historische Frauenbewegung von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 sowie zu "Pionierinnen aus allen Zeiten – also rollensprengende, herausragende, prägende Frauen aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Sport". Zum Bestand gehören nach Angaben des Frauenmediaturms 15.000 Bücher, 25.500 Zeitschriften verteilt auf 929 Titel, 32.650 Aufsätze sowie 600 Presseordner, Fotos, Plakate, Filme, Tondokumente und eine Chronik der Neuen Frauenbewegung. "Der FMT ist im deutschsprachigen Raum die thematisch umfassendste, modern erschlossene Spezialbibliothek zu Geschlechtergerechtigkeit und Genderforschung", heißt es in einer Selbstdarstellung.
1984 wurde das Archiv in Frankfurt am Main gegründet, zehn Jahre später bezog es Räume in Köln im Bayenturm, einem Wehrturm der mittelalterlichen Stadtmauer in unmittelbarer Rheinnähe. Finanziert wurde das Archiv bislang durch Spenden und öffentliche Gelder. Getragen wird der Frauenmediaturm von der gleichnamigen gemeinnützigen Stiftung. Deren Vorsitzende ist Alice Schwarzer.
Stand: 30.01.2012, 16.57 Uhr
Kommentare zum Thema (24)
letzter Kommentar: 01.02.2012, 10:16 Uhr
- Sonja schrieb am 01.02.2012, 10:16 Uhr:
- Wie nötig ein Frauenarchiv gebraucht wird, zeigt sich an diesen Kommentaren: Nix kapiert vom Kampf für Gleichberechtigung. Anstatt stolz auf diese Einrichtung zu sein, wird so getan, als sei es Schwarzers Privatsache. Hier geht es doch um unsere Gesellschaft! Ich will Gleichberechtigung, ich will ein Archiv, in dem ich meine Geschichte nachlesen kann; ich will, dass weiter geforscht wird - damit in den Köpfen endlichw as passiert.
- Ulrike schrieb am 31.01.2012, 10:43 Uhr:
- Soll diese Alice Schwarzer doch dieses, an sich überflüssige, Archiv zur deutschen Frauenbewegung selber finanzieren wenn sie nicht möchte das seine Existenz bedroht ist. Ich finde es völlig korrekt in Zeiten knapper Kassen überflüssige Ausgaben herunter zu fahren. Ein Archiv zur Geschichte der deutschen Frauenbewegungen ist nicht wirklich von Bedeutung und kann gut mit der Häfte der Mittel angemessen weiterbetrieben werden.
- Anonym schrieb am 31.01.2012, 07:42 Uhr:
- Wann wird eigentlich mal was für die Männerbewegung getan? Frauen haben "Frauenparkplätze", "Frauenhäuser" und "Frauenschwimmen" in öffentlichen Bädern. Ich als Mann fühle mich da diskriminiert. Wenn ich nun ein Archiv über "Männerdiskriminierung" eröffne, bekomme ich dann auch Gelder von der Landesregierung?
- *kopfschüttel+ schrieb am 31.01.2012, 07:29 Uhr:
- ""Wer den Turm hat, hat die Macht" ? so hieß es lange Zeit in Köln." Das lässt sich auch in diesem Gästebuch beobachten. Erstaunlich, wie viele Kommentatoren bereitwillig die Verantwortung für ihr eigenes Leben an eine einzelne Frau abgeben, um ihr für alles, was schief gelaufen ist, die Schuld geben zu können. Die Frau scheint wirklich jede Menge Macht zu haben; ich bin beeindruckt ...
- Marie schrieb am 30.01.2012, 22:29 Uhr:
- Es gibt also mehrere Archive in NRW zum Thema Frauenbewegung und nur das von Frau Schwarzer wurde subventioniert. Ich bin für Gleichbehandlung. Dann soll das von Frau Schwarzer auch kein Geld bekommen. Es gibt wirklich bessere Verwendungsmöglichkeiten. Ich wußte nicht, dass es so etwas gibt und habe auch nichts vermißt.
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