Interview zum Kinofilm "Unter Menschen" Gefangen unter Menschen

Sie sind hoch aggressiv, misstrauen Menschen und haben allen Grund dazu: 40 Schimpansen, die im Versuchslabor eines österreichischen Pharmakonzerns mit HIV und Hepatitis infiziert wurden. "Unter Menschen" zeigt eine wahre Geschichte um Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung.


Hand eines Schimpansen lugt durch Gitterstäbe
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"Unter Menschen": Traurige Geschichte mit gutem Ausgang

In einem ehemaligen Safaripark am äußersten Ende Österreichs, mitten im Wald, leben 40 Schimpansen aus einem ehemaligen Versuchslabor des Pharmakonzerns Immuno. Sie werden von vier Pflegerinnen betreut, von denen zwei bereits im Labor gearbeitet hatten. Illegal aus Afrika nach Österreich importiert, waren die Affen seit den 1980er Jahren mit HIV infiziert und jahrelang in Gitterkäfigen gehalten worden, die kaum größer als sie selbst waren. Als Versuchstiere sollten sie der Suche nach einem Impfstoff gegen Aids dienen. Im Jahr 2000 hatte der Pharmakonzern die Versuche als gescheitert erklärt. Doch wohin mit den mittlerweile hochgradig traumatisierten Großaffen? In ihrem Kinofilm "Unter Menschen", der am Donnerstag (21.03.2012) anläuft, dokumentieren die Regisseure Claus Strigel und Christian Rost die beklemmende, aber auch anrührende Geschichte ihrer Rettung.

WDR.de: Der Film beginnt mit einem Gang durch das Affenhaus. Aus den Käfigen dringt ohrenbetäubender Lärm, die Affen scheinen zu toben. Entspricht das Ihrem ersten Besuch bei den Affen?


Regissseur Claus Strigel
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Regissseur Claus Strigel

Claus Strigel: Ja. Der Empfang der Schimpansen gleicht einem unglaublichen Inferno: Jeder will zeigen, wie toll er ist, und die Gäste sollen durchaus auch ein bisschen eingeschüchtert werden. Der zweite Eindruck ist dann allerdings sehr berührend: Wenn sich die Affen irgendwann beruhigt haben, kommen sie ans Gitter und schauen einen an. Man versenkt sich dann in deren Augen und fragt sich unwillkürlich: "Was denkt der jetzt über mich"? Das sind erstaunlich persönliche Momente.  

WDR.de: Eine der Pflegerinnen erzählt, dass sie Jahre brauchte, um das Vertrauen der hochgradig verstörten Affen zu gewinnen. Wie haben Sie es geschafft, auch die ruhigeren, intimen Szenen drehen zu können?

Strigel: Das war ein langer Weg. Erstmal waren wir einfach anwesend, haben mit allen Kontakt aufgenommen. Irgendwann lag dann die Aufmerksamkeit der Schimpansen nicht mehr ausschließlich auf uns, und wir konnten sie in ihrem Gruppenleben beobachten. Dann konnten wir anfangen zu drehen. Es hat auch lange gedauert, die Pflegerinnen kennzulernen, ihre Geschichten und ihr Involviertsein.

WDR.de: Eine zentrale Figur im Film ist die Pflegerin Renate Foidl. Sie war schon bei Immuno für die Betreuung der Affen zuständig und hat dann dafür gekämpft, dass dieses Refugium entstand, in dem sie jetzt leben. Im Film bekommt man den Eindruck, dass sie sich mit ihrer gesamten Existenz den Schimpansen verschrieben hat.


Pflegerin Renate Foidl steht einem Schimpansen an der Glasscheibe gegenüber
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Renate Foidl mit dem Schimpansen Johannes

Strigel: Das ist für mich die wirklich spannende Geschichte und das eigentliche Thema des Films: Zwei junge Mädchen lernen Tierpflegerin und landen mit ihrer ersten Stelle zufällig in einem Versuchslabor. Den Moment, als sie diese komplett isolierten Affen sehen, die nach Kontakt hungern, beschreiben sie so: "Entweder, ich gehe jetzt hier raus und vergesse, was ich gesehen habe, oder ich muss diesen Tieren helfen." Schließlich bleiben die beiden zehn Jahre lang Labormitarbeiterinnen – und sind letztlich auch an den Tierversuchen beteiligt. Dass dann ihr Entschluss, den Affen zu einem besseren Leben zu verhelfen, diese Dimension annimmt – sie schaffen ein riesiges Refugium für die Affen, wo sie ihre Resozialisierungsarbeit leisten können – das ist eine großartige Geschichte.  

WDR.de: In einer langen Szene spricht Tierpflegerin Renate Foidl selber sehr bewegt über den Aspekt der Wiedergutmachung und die Schuld, die sie bei sich selber sieht.

Strigel: Sie hat das Gefühl, sich schuldig gemacht zu haben, obwohl sie den Tieren helfen wollte. Das ist eine Last und Zerrissenheit, die sie trotz der heutigen Erfolge für die Affen einfach mit sich trägt.  Nach unserem ersten Treffen mit ihr wussten wir, dass das Thema des Films Schuld, Verantwortung, Wiedergutmachung sein würde.

WDR.de: Während dieses Gesprächs hört man plötzlich einen dumpfen, anschwellenden Rhythmus im Hintergund. Für die Pflegerin scheint in diesem Moment klar, dass die Affen das Gespräch mitbekommen und kommentieren.


Pflegerin Bianca im Gang zwischen den Schimpansenkäfigen
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Pflegerin Bianca zwischen den Affenkäfigen

Strigel: Genauso war es. In den Gehegen leben meistens acht bis zehn Schimpansen zusammen. Sie alle kommunizieren akustisch miteinander über das gesamte, riesige Gebäude. Das klingt manchmal wie bei einer Gefängnisrevolte. Wenn wir bei einer Gruppe standen, haben alle anderen das lautstark kommuniziert und begleitet – nicht nur mit Schreien, sondern auch, indem sie rythmisch gegen die Metallgitter der Gehege schlugen. Das ergab dann so einen tiefen Bass, der in manchen Szenen wie eine Filmmusik wirkt.  

WDR.de: Die US-Firma Baxter, die Immuno 1999 übernahm, zahlt seit dem Ende der Tierversuche viel Geld für den weiteren Lebensunterhalt der Affen. Wie kam es dazu?


Das Refugium aus der Luft
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Das "Refugium": Rettung für 40 Schimpansen

Strigel: Natürlich stellt Baxter es so dar, dass man dieses sehr teure Refugium aus reiner Menschlichkeit gebaut hat. Allerdings wurde genau zu dem Zeitpunkt, als Baxter Immuno übernommen hat, in den USA ein neues Gesetz beschlossen, das verbietet, Primaten, die als Versuchstiere gedient haben, zu töten. Hätte Baxter diese neue Gesetz in Europa noch überschritten, hätte man einen riesigen Imageschaden riskiert. Der wäre möglicherweise teurer gewesen als das Refugium. Aber der Film schildert beides: Das, wozu die Menschheit fähig ist, was sie anderen Lebewesen antun kann. Aber auch den großen Aufwand, mit dem dieses Refugium gebaut wurde, um den Affen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben. Das ist auch eine große kulturelle Leistung.

WDR.de: Welche Ergebnisse hat die Forschung der Firma Immuno an den Schimpansen der Medizin gebracht?

Strigel: Gar keine. Die HIV-Versuche wurden schon 1997 erfolglos eingestellt. Es liess sich einfach kein Impfstoff finden. Da stellt sich übrigens die interessante Frage: Wäre ein Impfstoff gefunden worden, würden wir dann das, was den Affen angetan wurde, anders beurteilen?

WDR.de: Der Film endet damit, dass die Affen das erste Mal ihr neues Freigehege betreten. Erstmals im Leben stehen sie im blendenden Sonnenlicht, umarmen sich und machen sich offensichtlich gegenseitig Mut, den ersten Schritt zu gehen. Sind Sie später nochmal dort gewesen?

Strigel: Nein, aber wir haben uns noch lange regelmäßig nach einzelnen Schimpansen erkundigt. Manche sind ja in den ersten fünf Minuten hinaus gelaufen, andere haben wochenlang gezögert. Aber inzwischen nutzen alle Schimpansen die Außengehege. Auch die, die in Einzelhaltung leben, weil sie nicht mehr resozialisierbar sind, gehen hinaus in ihre kleinen, abgetrennten "Schrebergärten" und genießen es.  

WDR.de: Welche Wirkung hatten die Dreharbeiten auf Sie als Regisseure?

Strigel: Vor den Dreharbeiten kannte ich Schimpansen nur aus dem Zoo. Zu sehen, dass das sehr soziale Individuen sind, die den ganzen Tag soziales Leben leben, Politik machen, bei denen es Gemeinheiten, Ausschlüsse und Mobbing genauso gibt wie unglaubliche Zärtlichkeit - da ist bei mir ein ganz großer Respekt entstanden.   

Das Interview führte Nina Magoley.


Stand: 21.03.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (27)

letzter Kommentar: 24.03.2013, 10:17 Uhr

keira schrieb am 24.03.2013, 10:17 Uhr:
Ehrfurcht vor allem Leben lehren und helfen es zu praktizieren. Insbesondere Recht und Gerechtigkeit für unsere Mitgeschöpfe als Teil unserer Mitwelt fordern und fördern. Sonst sägen wir am Ast auf dem wir sitzen.
katrin schrieb am 23.03.2013, 18:38 Uhr:
Warum macht der Mensch das Tier und die Natur zu seinem Sklaven. Kein Lebewesen ob Insekt oder Säugetier zerstört seinen Lebensraum. Warum. Dann soll es so sein. Lieber jetzt gut und kurz leben als lang und krank. Der Film zeigt es deutlich Tiere haben eine Seele und Gefühle nur der Mensch sagt, Tiere sind Gefühslos. Alles Quatsch. Leider gibt es keinen Gott. Warum läßt er sowas zu. Warum müssen Tiere gequält werden. Sie wissen genau was mit Ihnen passiert. Schau in die Augen der Tiere (ob im Massetierstall oder zur Schlachtbank) dann siehst Du viel mehr als dir lieb ist. Mann könnte die Diskussion noch weiter führen. Wer das möchte kann dies gern tun. Katrin (Link entfernt)
Maria schrieb am 23.03.2013, 10:18 Uhr:
Dank an Herrn Michael Aufhauser - Salzburg, der diese Affen mitretten konnte und Dank ihm, dass dieses "wunderbare" Freigehege für die ge- gschundenen Tiere erbaut werden konnte. Diejenigen - die diese Rettung als zwecklos sehen, sollten lieber den Mund bzw. die Schrift halten.
meira schrieb am 22.03.2013, 01:14 Uhr:
So gefühllos wie mancher Mensch, ist kaum ein Tier. im Göttlichkeitswahn und im Glauben, er sei - so viel mehr -, ward der Mensch gegen Natur und Kreatur zum Monster auf dieser Erde hier.
Holzkopf schrieb am 21.03.2013, 21:54 Uhr:
Nur weil der Mensch mit seiner eigenen Überbevölkerung an immer neue Grenzen stößt, müssen Tiere leiden, ob bei der Ernährung, Kleidung, Medizin oder Kosmetik, ich mag Menschen nicht die glauben sie seien das Beste und Größte auf der Welt. Diese Erde braucht Tiere und Pflanzen, den Mensch braucht sie nicht!

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