Kulturfest zwischen Rost und Ziegelsteinen Extraschicht im Pott

Von Susanne Schnabel

So groß wie noch nie präsentierte sich am Samstag (30.06.2012) die Nacht der Industriekultur mit 53 Spielorten in 23 Städten. Zwischen 18 und 2 Uhr wurden Industriedenkmäler in der Extraschicht künstlerisch in Szene gesetzt - musikalisch, feurig und humorvoll.


Pfütze, in der sich die Zeche Zollverein spiegelt

"Eine sehr imposante, schöne Kulisse. Und so groß", sagen Lichtkünstlerin Caren und Musiker Christian aus Berlin. Die beiden bereiten auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen Licht und Sound für die Gartenlounge vor, wo sich Extraschichtbesucher auf grasbewachsenen Sitzmöbeln entspannen können. Nur wenige Meter weiter macht Isabell Schlüsener die letzten Handgriffe in dem Imbisswagen vor dem Ansturm der hungrigen Gäste. "Wir verkaufen hier Currywurst und Pommes. Die Extraschichtbesucher sind recht bescheiden, wollen was leckeres Schnelles auf die Hand und ziehen dann weiter", sagt Schlüsener. Es gebe auf dem Gelände auch ein Angebot für Vegetarier und Naschkatzen, wie Eis und gebrannte Mandeln, sagt sie.

Seit zwölf Jahren ein erfolgreiches Konzept


Fabian Lasarzik
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Fabian Lasarzik, Künstlerischer Leiter in Essen

Kulinarisch ist der typische Nachtschichtbesucher bescheiden, was das kulturelle Interesse angeht, sei er offen, neugierig und begeisterungsfähig, sagt Fabian Lasarzik, künstlerische Leiter der Stiftung Zollverein. "Die Gäste akzeptieren, dass sie hier auf den Bühnen keinen Megastars begegnen, sondern dass sie die Industriekultur als Star inszeniert erleben." Schon bei der ersten Extraschicht vor zwölf Jahren hat Lasarzik mitgearbeitet, damals als Student. "Beim ersten Mal haben alle gesagt, naja, ein weiterer Tag der offenen Tür. Wäre schön, wenn 300 Leute kommen", erinnert sich Lasarzik. Es kamen weit über 3.000 Besucher und schnell war klar, dass dies ein erfolgreiches Format für das Ruhrgebiet und auch für Zollverein werden würde.

Wohin mit der freien Zeit?


Beleuchtete Großpuppe
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Die fünf Meter hohen Großpuppen von "DUNDU"

Das diesjährige Motto im UNESCO-Welterbe Zollverein zur Extraschicht lautet: Künstliche Welten - "Freizeit.Park.Zollverein". Künstler präsentieren auf poetische und humorvolle Weise, was der heutige Mensch nach der Arbeit noch tun kann. Dabei sollen Fragen wie "Was ist Freizeit?", "Wie nutzen wir sie sinnvoll?" oder "Wo liegt der Unterschied zwischen Freizeitgestaltung und Kulturkonsum?" auf künstlerisch kreative Art und Weise den Besuchern näher gebracht werden. Sie können "Zeit angeln" oder mit Riesenpuppen, Seepferdchen und Bauklötzen spielen. Zudem gibt es Führungen durch den Denkmalpfad Zollverein, Lichtkunst, Performance und viel Musik. 

Mehr als 200 Events


Fahne mit der Aufschrift 'Kunstschacht'
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Kunst zwischen Industrie von 18 bis 2 Uhr

Insgesamt bietet die Extraschicht zwischen Duisburger Innenhafen und Dortmunder U über 200 Veranstaltungen. Stillgelegte Zechen, Hochöfen, Kokereien, Gasometer und Stahlwerke werden zur Kulisse für Theater, Musik, Artistik, Tanz und Videoinstallationen. Zentrales Thema ist die Lichtkunst. In Bochum werden etwa die Jahrhunderthalle, das Bergbaumuseum und die Ruhr-Universität in Lichtspiele getaucht. Bei der sogenannten "Emscher-Passage" wird neben Klärwerken und Faultürmen auch der "neue" saubere Fluss präsentiert. Die Veranstalter erwarten mehr als 200.000 Besucher beim Kulturfest im Pott.

Kultur mobil in Bus und Bahn


Bushaltestelle
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Per Bus, Bahn und Schiff durch die Nacht

Über 170 Busse von zwölf kommunalen Verkehrsunternehmen legen in dieser Nacht eine Strecke von insgesamt 34.000 Kilometern zurück. Die Nachschwärmer können zudem mit Straßenbahnen, Kanalschiffen oder historischen Eisenbahnen zwischen den 53 Spielorten hin und her pendeln. 80 Künstler sorgen dabei für eine kurzweilige Reise durch die Nacht mit Opernarien in Straßenbahnen, Brecht-Lesungen am Bochumer Bahnhof oder singenden Schuhputzern in U-Bahn-Stationen.

Europa feiert gemeinsam Extraschicht


Ruhrmuseum in Essen bei Nacht
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Motto der Extraschicht: Licht an!

In diesem Jahr findet die Extraschicht erstmals zeitgleich auch im polnischen Oberschlesien und im ukrainischen Donbass statt. "Das ist eine inspirierende Zusammenarbeit", sagt Fabian Lasarzik, der im historischen Steinkohlebergwerk "Guido" in der polnischen Stadt Zabrze eine Ausstellung unter anderem mit Industriefotografien und Porträts berühmter Persönlichkeiten aus dem Ruhrgebiet organisiert hat. Im Gegenzug präsentiert die polnische Zeche in Essen Installationen und Musik aus Schlesien. In den kommenden Jahren soll die Extraschicht auf weitere europäische Länder ausgedehnt werden. Mittelfristiges Ziel sei eine europäische Nacht der Industriekultur, sagt Rainer Klenner, der im NRW-Verkehrsministerium für die Europäische Route der Industriekultur zuständig ist. Für 2013 hätten bereits Norwegen, Tschechien und Dänemark Interesse angemeldet.


Stand: 30.06.2012, 10.00 Uhr




Kulturnachrichten

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    In Köln findet im Juni erstmals ein Festival der Philosophie statt. Die "Phil.Cologne" steht unter dem Motto "Die Suche hat begonnen...". In 44 Veranstaltungen geht es um den aufrechten Gang, den Tod, den Weltraum und auch um Fußball. Zu den Veranstaltungen werden Philosophen wie Richard David Precht, Oskar Negt und Rüdiger Safranski erwartet, aber auch die frühere Bischöfin Margot Käßmann und Astronaut Reinhold Ewald. Die "Phil.Cologne" ist eine Tochter des etablierten Literaturfestivals "Lit.Cologne", das in diesem Jahr mehr als 90.000 Besucher anzog. Das Festival der Philosophie beginnt am 26. Juni und dauert fünf Tage.

  • Wagner-Nachlass soll in öffentliches Archiv

    Die Bayreuther Festspielchefin Katharina Wagner will den Nachlass ihres Vaters Wolfgang in Kürze dem Bayerischen Staatsarchiv zur Verfügung stellen. Im Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel sagte sie, damit habe die Forschung Zugang zu dem Material. Nachlässe des Wagner-Clans sind von besonderer Brisanz, weil die Familie in der NS-Zeit einen engen Umgang mit den Nazi-Größen pflegte. In den vergangenen Jahren wurde diskutiert, wie mit dem Nachlass Wolfgang Wagners umgegangen werden soll. Der Enkel von Richard Wagner hatte die Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen und sich auch mit der braunen Vergangenheit der Familie auseinandergesetzt. Er starb 2010.

  • Andris Nelsons wird Chefdirigent in Boston

    Der Lette Andris Nelsons wird neuer Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra. Das Orchester zählt zu den fünf bedeutendsten in den USA. Es nominierte den 34-Jährigen als 15. Musikdirektor seit seiner Gründung vor mehr als 100 Jahren. Nelsons löst James Levine ab, der den Posten seit 2004 innehatte. Nelsons leitete bis 2009 die Nordwestdeutsche Philharmonie in Herford und arbeitete in letzten Jahren mehrfach mit dem WDR Sinfonieorchester Köln zusammen.

  • Rattenfängersage soll UNESCO-Kulturerbe werden

    Die Sage über den Rattenfänger von Hameln soll UNESCO-Kulturerbe werden. Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann sagte, die Rattenfängersage gelte als hohes, weltweit verbreitetes Kulturgut und sei einzigartig. Hameln hat eine Wissenschaftlerin engagiert, die das Antragsverfahren vorantreiben soll. Die Rattenfängersage wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und ist nach Schätzungen rund einer Milliarde Menschen bekannt. Die UNESCO schützt nicht nur Bauwerke, sondern auch herausragende immaterielle Kulturgüter als gemeinsames Erbe der Menschheit.

  • Moers Festival beginnt mit John Zorn

    Das internationale Musikfestival in Moers beginnt am Freitag mit einem Konzert des New Yorker Komponisten und Saxofonisten John Zorn. Am Eröffnungsabend sind gleich vier Konzerte seiner Musik gewidmet, die mit Elementen des Jazz, der Klassik und des Rock arbeitet. Bis Sonntag treten Musiker aus Europa, Afrika, Lateinamerika und den USA im Moerser Schlosspark auf. Es ist das letzte Mal, dass das Moers Festival im Zirkuszelt stattfindet. Aus Kostengründen zieht das traditionsreiche Musikfest im kommenden Jahr in eine feste Veranstaltungshalle um.

  • Kleist-Preis für Katja Lange-Müller

    Der Kleist-Preis 2013 geht an die Schriftstellerin Katja Lange-Müller. Die Kleist-Gesellschaft teilte mit, die 62-Jährige sei eine der sprachmächtigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Lange-Müller wuchs in der DDR auf und reiste 1984 nach West-Berlin aus. Sie schreibt Erzählungen und Romane. Zuletzt erschien ihr Roman "Böse Schafe", in dem sie eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte im Berlin der 80er Jahre schildert. Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

  • Letzte Wohnstätte von Kaiser Wilhelm II. bleibt erhalten

    Die letzte Wohnstätte von Kaiser Wilhelm II. im niederländischen Exil bleibt erhalten. Das "Huis Doorn" in der Nähe von Utrecht wird von September an ein Museum über den Ersten Weltkrieg beherbergen. Der Museumsdirektor sagte zur Begründung, Wilhelm II. habe eine Hauptrolle im Ersten Weltkrieg gespielt. Nachdem im vergangenen Jahr die staatlichen Subventionen für das Haus drastisch gekürzt worden waren, drohte der Villa das Aus. Der Museumsdirektor kündigte an, dass das neue Museum ausschließlich mit Ehrenamtlichen arbeiten werde. Kaiser Wilhelm II. hatte von 1920 bis zu seinem Tod im Jahr 1941 auf dem kleinen Landgut gelebt.

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    In China ist ein bekannter tibetischer Autor zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Wie der Radiosender "Radio Free Asia" berichtet, wurde der 36-jährige Gartse Jigme zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ihm wird vorgeworfen, sein Buch "Der Mut des Königs" verbreitet zu haben. Jigme schildert darin die Leiden Tibets und der Tibeter und schreibt auch über den Dalai Lama, die Exilregierung und die Selbstverbrennungen. Gartse Jigme war im Januar festgenommen worden. Seitdem hat seine Familie keine Nachrichten mehr von ihm erhalten.

  • Civis-Medienpreise in Berlin vergeben

    In Berlin ist der Civis-Medienpreis für Integration und kulturelle Vielfalt verliehen worden. Der mit gut 20.000 Euro dotierte Preis ging an acht Radio- und Fernsehprogramme aus Deutschland, Polen und der Schweiz. Auch zwei Produktionen des Westdeutschen Rundfunks wurden ausgezeichnet. So kürte die Jury das Porträt eines iranischen Boxtrainers als beste lange Radioreportage. Einen Preis erhielt auch die Fernsehdokumentation "Die story: Friedhof der Illegalen". Autor Andreas Morell zeigt darin das Elend der Flüchtlinge, die über die türkisch-griechische Grenze nach Europa einreisen wollen. Der Civis-Medienpreis würdigt Beiträge, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft fördern.

  • Mäzen Udo van Meeteren erhält Stifterpreis

    Der Düsseldorfer Unternehmer und Mäzen Udo van Meeteren wird am Freitag mit dem Deutschen Stifterpreis geehrt. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen teilte mit, der 86-Jährige habe an Rhein und Ruhr viele mäzenatische Spuren hinterlassen. Die von ihm 1980 gegründete Stiftung van Meeteren fördert Wissenschaft, Kultur, Naturschutz, den internationalen Jugendaustausch sowie soziale und karitative Projekte. Außerdem war er an der Gründung der Stiftung Schloss und Park Benrath sowie weiterer Einrichtungen beteiligt. Die undotierte Auszeichnung wird Udo van Meeteren im Rahmen des Deutschen Stiftungstags in Düsseldorf übergeben.

  • Beuys-Witwe darf Foto-Ausstellung nicht verbieten

    Im jahrelangen Rechtsstreit um Fotos einer Kunstperformance von Joseph Beuys hat der Bundesgerichtshof sein Urteil verkündet. Demnach kann die Witwe von Joseph Beuys dem Museum Schloss Moyland nicht mehr verbieten, Fotos einer Fett- und Schokoladenaktion ihres Mannes auszustellen. Die Witwe hatte argumentiert, dass die Kunstaktion ihres Mannes urheberrechtlich geschützt sei und die Fotos eine unzulässige Bearbeitung darstellten. Die Richter der beiden ersten Instanzen gaben der Witwe Recht. Der Bundesgerichtshof urteilte dagegen, dass Beuys die Fotoserie selbst inszeniert habe. Beuys hatte 1964 in einer Fernsehsendung live aus Margarine-Riegeln eine Fettecke hergestellt und mit Schokolade ein Transparent gemalt.