100. Geburtstag von Dieter Schulz-Köhn Medizin von Dr. Jazz

Jazzliebhaber kennen seine Stimme noch aus dem Radio. Seine Leidenschaft für den Jazz machte ihn über viele Jahrzehnte zu einer Berühmtheit. Am Freitag (28.12.2012) wäre "Dr. Jazz", alias Dieter Schulz-Köhn, 100 Jahre alt geworden. Bernd Hoffmann, heutiger Leiter der WDR-Jazzredaktion, über Nazis, Jazz und Leidenschaft.

WDR.de: Als junger Journalist haben Sie Dieter Schulz-Köhn beim WDR Radio kennengelernt. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?


Bernd Hoffmann
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Bernd Hoffmann, Musikwissenschaftler und Leiter der WDR-Jazzredaktion

Bernd Hoffmann: Ich fing gerade als freier Mitarbeiter der WDR Jazzredaktion an und Dieter Schulz-Köhn war damals eine Institution für mich, eine Koryphäe. Er kannte zahlreiche Protagonisten der Jazz-Szene persönlich und hat viele zu Konzerten in NRW eingeladen. Beim WDR hat er mit dem Orchester Kurt Edelhagen nach 1957 zusammen gearbeitet, der ersten internationalen Big-Band vor allem mit europäischen Jazzmusikern. Schulz-Köhn präsentierte die erste Garde der damals internationalen Jazzmusikerinnen und -musiker in NRW – Künstler wie Oscar Peterson, Stan Getz, Ella Fitzgerald. Sie alle sind durch ihn einem begeisterten Radiopublikum vermittelt worden.

WDR.de: Sie selber haben viel über die Geschichte des Jazz und seine Verbreitung geforscht. Wo taucht Dieter Schulz-Köhn dabei auf?


Hoffmann: Dieter Schulz-Köhn gehört zu jenen Leuten, die die Idee der improvisierten Musik nach 1945 in Deutschland massiv vorangetragen haben und überall dafür warben, dass man sich mit ihr auseinandersetze. Auch der Studiengang Jazz an der Kölner Musikhochschule, ein absolutes Novum in der damaligen Hochschullandschaft, geht mit auf seine Initiative zurück. Sein Anliegen war es immer, den Jazz gesellschaftsfähig zu machen.

WDR.de: Über seine Verdienste für den Jazz wird Dieter Schulz-Köhns Rolle im Nationalsozialismus oft ausgeblendet: Schon 1933 war er SA-Mitglied, 1938 trat er in die NSDAP ein. Dabei versuchten die Nazis vehement, Jazzmusik wegen ihrer afrikanischen Wurzeln als „Niggermusik“ zu verunglimpfen. Wie passte das zusammen?

Hoffmann: So wird es oft dargestellt, aber tatsächlich war der Sachverhalt wesentlich komplizierter. Die Nationalsozialisten haben Jazz systematisch für ihre Auslandspropaganda genutzt. Mit der eigens gegründeten Big Band „Charlie and his Orchestra“ hat sich das Reichspropagandaministerium die „leichte Muse“ im Swingformat durchaus nutzbar gemacht. Im Deutschen Reich hingegen galt Jazz als entartete Musik. In dieser zwiespältigen Rolle sehe ich auch Schulz-Köhn: Einerseits hat er sich dem politischen System angepasst, gleichzeitig aber eine Musik propagiert, der in Deutschland das Stigma der „entarteten Musik“ anhing.

WDR.de: Es gibt ein Foto aus den 1940er Jahren, aufgenommen in Paris. Darauf posiert Schulz-Köhn in Offiziersuniform stolz mit einer schwarzen Jazzband und dem von ihm verehrten Django Reinhardt, der damals bereits als einer der Wegbereiter des Jazz in Europa galt - und aus einer Romafamilie stammte.

Hoffmann: Im Gespräch mit mir hat er immer wieder erklärt, dass die Wehrmachtsuniform für ihn eine Art Deckmantel für seine Aktivitäten war. Offensichtlich hatte er Kontakt zur französischen Jazzszene, auch zum Jazzexperten Charles Delaunay. Ob er sich dabei eher der Résistance angenähert hat oder das nur gemacht hat, um für sich Informationen über die französische Jazz-Szene zu sammeln, das sind offene Fragen.

WDR.de: Schulz-Köhn war Mit-Gründer der sogenannten „Mitteilungen“, einer Art geheimer Jazznachrichten, die 1943 eine zeitlang unter Jazzfreunden in Deutschland kursierten.

Hoffmann: Die „Mitteilungen“ waren eine Fan-Zeitschrift, die heimlich unter Jazzfans herumgereicht wurde. Darin wurde über neue Schallplatten berichtet, biografische Details zu Musikerinnen oder Musikern geklärt oder andere Informationen verbreitet. Schulz-Köhn hat mir später ein Exemplar für meine Untersuchungen gegeben. Für das Jazzforschungsinstitut in Darmstadt habe ich diese Texte untersucht und zeigen können, dass es tatsächlich im Umgang mit der Jazzmusik im Dritten Reich verschieden Formen der Jazz-Rezeption  gegeben hat.

WDR.de: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Schulz-Köhn dann einer der Gründer des Hot Clubs Düsseldorf. Solche „Hot Clubs“ gab es in einigen Städten in Deutschland. Welche Rolle spielten sie?

Hoffmann: Zweck dieser Clubs war es vor allem, die Tradition der frühen Werke von Hot-Jazz-Musikern wie Louis Armstrong oder Duke Ellington lebendig zu halten. Dort wurden Schallplatten gehört und getauscht, man diskutierte über bestimmte Themen des Jazz, über Musikerinnen und Musiker. Es gibt über 300 hektografierte Informationsblätter, die an das Publikum des Hot Club Düsseldorf – damals etwa 50 Aktivisten - verteilt wurden. Manchmal veranstalteten die Hot Clubs auch Konzerte junger Musiker, deren Auftritte deutlich machten, dass man sich in Deutschland nicht nur hörend dem Jazz nähern wollte.  

WDR.de: Erste Berühmtheit bei Radiohörern erlangte „Dr. Jazz“ mit der Sendung „Der Jazz Almanach“.


Hoffmann: Das war eine Sendereihe mit 90 Ausgaben, die zwischen 1948 und 1952 beim NWDR lief und von Köln aus übertragen wurde. Darin wurden rund 1.500 Jazzaufnahmen vorgestellt – vor allem Beispiele des frühen Jazz, des Hot Jazz. In dieser Sendereihe tauchten allerdings nur wenige „moderne“ Jazzmusiker auf wie etwa der Trompeter Dizzy Gillespie oder Charlie Parker auf.

WDR.de: Bei WDR-Radiohörern wurde Dr. Jazz später vor allem bekannt mit seiner Sendung „Rauhe Rille“, die er ab 1974 moderierte und für die er immer wieder auf seine eigene, enormen Plattensammlung zurückgriff. 1992 gab er die Moderation ab – mit immerhin 80 Jahren. Wie haben Sie ihn damals erlebt?


Hoffmann: Ich habe ihn immer sehr distanziert und zurückgezogen erlebt. Das war allerdings zu einer Zeit, wo er, bei all seiner Begeisterung für den Mainstream-Jazz, auch merkte, dass die stilistischen Konzepte der 1960er Jahre sich weit von den alten Formen des Jazz entfernt hatten. Dabei saß er auf einem großen jazzmusikalischen Archiv, er war aber inzwischen nur einer von zahlreichen Jazz-Experten beim WDR-Hörfunk.

WDR.de: Spielt Dr. Jazz heute noch eine Rolle in den WDR-Jazzsendungen?

Hoffmann: Ich habe im Lauf der Jahre verschiedene Sendung über ihn gemacht. Er hat definitiv noch immer eine Fangemeinde. Wenn wir Stücke aus der Zeit mit dem Orchester Kurt Edelhagen spielen, bekommen wir immer wieder starke Hörerreaktionen, die zeigen, dass sich viele an die Konzerte jener Zeit erinnern.

WDR.de: Und woher kommt der Name Dr. Jazz?

Hoffmann: Es gibt einen Titel aus den 1920er Jahren des Pianisten Jelly Roll Morton: "Doctor Jazz Stomp". Darin heißt es „Hello Central give me Doctor Jazz. He's got what I need, I'll say he has…“, Jazzmusik wird als eine Art heilende Medizin beschrieben. Ich vermute, dass sich der Name darauf bezieht.

Das Interview führte Nina Magoley.


Stand: 28.12.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 29.12.2012, 21.59 Uhr

Herrmann Hasse schrieb am 29.12.2012, 21.59 Uhr:
Die Zeiten aendern sich aber die menschlichen Schwaechen bleiben die gleichen. Fuer Jeden, der sich nach dem verlorenen Krieg den Siegern angedient hat, war die deutsche Uniform von davor "nur eine Art Deckmantel". Das galt fuer alle "unsere" Politiker (und die der "DDR"), die "Kulturschaffenden" und die neuen (alten) Schmierer der Lizenzpresse gleichermassen. (Ausser fuer Herbert Frahm, dieser "Willy Brandt" trug von Anfang an die Uniform des Feindes)
Bert Brech schrieb am 29.12.2012, 21.48 Uhr:
Oh Schreck (was fuer ein Glueck)! Die Nazis haben AUCH Jazz gemacht. Der "Bewaeltigungsnachschub" scheint also auch fuer dieses Jahrhundert "gesichert".