Turbo-Abitur im Geschwistervergleich Ein einmaliges Doppel

Von Jenna Günnewig

Marleen und Chantal sind Schwestern und kurz vor den Herbstferien im Klausurstress. Die eine macht das Abitur in acht, die andere in neun Jahren. Vollgepackte Lehrpläne und das Gefühl ein Versuchskaninchen zu sein - der doppelte Abijahrgang im Geschwistervergleich.


Chantal und Marleen Willing
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Einmal G8, einmal G9 - einmal Chantal, einmal Marleen

Chemie-Grundkurs am Willibrord-Gymnasium - bei Herrn Bonekamp steht das Daniell-Experiment auf dem Stundenplan. Marleen Willing hantiert mit Krokodilklemmen, Zink- und Kupfersulfatlösung. Zwei Tische weiter führt ihre jüngere Schwester Chantal das gleiche Experiment durch.


Im Frühjahr machen die Schwestern ihr Abitur in Emmerich am Rhein. Die 18-jährige Marleen noch klassisch nach neun Jahren, Chantal absolviert das so geschimpfte Turbo-Abitur. Bei ihr endete die Sekundarstufe I schon nach Klasse neun, dann folgen wie gehabt drei Jahre Oberstufe gemeinsam mit der Stufe ihrer Schwester. Chantals Lehrplan wurde aber nur teilweise abgespeckt, stattdessen hat sie mehr Unterricht als ihre Schwester - durchschnittlich 33 statt 30 Wochenstunden.

Gitarre oder Tennis? "Keine Zeit!"


Marleen Willing mit Mitschülerin und Chemielehrer Holger Bonekamp
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Holger Bonekamp erklärt seinen Schülern das Daniell-Experiment

Ihr und den anderen G8-Schülern habe oft die Motivation gefehlt, erzählt Chantal nach der Chemiestunde. "Wenn man bis halb sechs in der Schule sitzt, hat man keine Lust, noch Hausaufgaben zu machen." Marleen war meist schon zu Hause, während Chantal noch in der Schule hockte. Gitarre und Tennisunterricht ließ die 17-Jährige irgendwann bleiben. "Keine Zeit!", sagt sie und schüttelt den Kopf. Das Pensum wirke sich auf das Arbeitsverhalten aus. "Uns fehlt es schwer, uns zu konzentrieren. Den ganzen Stoff reinzukriegen."

Ihr Chemielehrer Holger Bonekamp bestätigt die Beobachtung: "Wir haben die Curricula ändern müssen. Das führte dazu, das die Jahrgänge furchtbar vollgepackt wurden." Den Stoff durchzubekommen sei fast unmöglich. "Das führt dazu, dass jeder Lehrer irgendwo was herunterfallen lässt - und das dazu, dass in der Oberstufe hier und da was fehlt." Zudem merke man den unterschiedlichen Reifegrad der Schüler, gerade bei abstrakten Fragestellungen. Diese sehr unterschiedlichen Voraussetzungen seien auch für ihn als Lehrer schwierig.

Chantal: "Wir sind jetzt die Versuchskaninchen"


Marleen und Chantal Willing
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Chantal (r.) musste meistens länger in der Schule bleiben als Marleen (l.)

Zudem würden G8 und G9 ganz anders lernen, erzählen die Mädchen. "Wir haben oft von den Lehrern gesagt bekommen, hört mal auf Spaß zu machen: Wir haben viel Stress. Wir müssen durchziehen", erzählt Chantal. Sie hätten immer mehr machen müssen als der Jahrgang ihrer Schwester - das hätte aber auch die G9 unter Druck gesetzt. "Ich will jetzt nicht sagen, die G9-Schüler hätten gechillt, aber ich glaube, die ganze Arbeitsatmosphäre hat sich durch uns G8-Schüler schon verändert. Die G9-Schüler mussten nun auch mehr lernen, weil die Jüngeren mit einer ganz anderen Einstellung in den Unterricht gekommen sind, mehr dran gezogen haben." Ob die Schulzeitverkürzung sinnvoll sei, kann Chantal noch nicht beurteilen: "Wir sind jetzt die Versuchskaninchen. Ich hab die Reform eher negativ erlebt."

Für die G9-Schüler war es eine Umstellung, als der jüngere Jahrgang dazukam. "Insgesamt gab es schon viele Streitigkeiten", erzählt die ältere Marleen. "Auf der einen Seite der Klasse saßen die G8-, auf der anderen die G9-Schüler." Das durchmische sich nur langsam. Gerade in den Pausen und in der Cafteria blieben die verschiedenen Jahrgänge noch immer unter sich. Auf Jahrgangsstufenabschlussfahrt fuhr die G8 nach Venedig, die G9 nach Prag. Das Ganze führe sogar so weit, dass es im kommenden Jahr zwei Abiturfeiern und zwei Abi-Mottos an einer Schule geben wird.

Deutschlehrer: "Der Bogen ist ausgesprochen scharf gespannt"


Deutschlehrer Peter Klug
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Peter Klug: "Um den Kern einer Sache zu erfassen, brauche ich Zeit"

Auch Deutschlehrer Peter Klug spricht von einer "unsichtbaren Mauer", die sich zwischen G8- und G9-Schülern und quer durch den Klassenraum zieht. Klug ist nicht begeistert von der Schulzeitverkürzung. "Es ist unglaublich schlecht vorbereitet gewesen." Die Lehrbücher, die den Stoff für acht Jahre komprimieren, seien in den ersten zwei Jahren noch gar nicht gedruckt gewesen. "Wir haben uns mit G8 keinen Gefallen getan. Der Bogen ist ausgesprochen scharf gespannt."

Gerade in Deutsch sehe er, dass bei den G8-Schülern einfach weniger Muße und Spielmöglichkeit gewesen sei, was auszuprobieren. "Um den Kern einer Sache zu erfassen, braucht man Zeit. Und ich meine, dass in G8 diese Zeit fehlt. Nun haben wir dann plötzlich Schüler dasitzen, die es gewöhnt sind, Arbeitsblätter und Fragebögen auszufüllen. Die aber nicht ans selbstständige Denken herangeführt worden sind", so Klug.

Klausuren: Keine Leistungsunterschiede zwischen G8 und G9

Im Düsseldorfer Schulministerium will man eine solche Kluft nicht erkennen. Am Ende des vergangenen Schuljahres sind in ganz NRW in Deutsch und Mathematik zentrale Klausuren geschrieben worden. Mit einem Mittelwert von 2,9 in beiden Fächern wurden keine Leistungsunterschiede zwischen G8 und G9 festgestellt . "Dieser Befund deckt sich mit Notenvergleichen des Doppeljahrgangs anderer Bundesländer", heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.


Chantal Willing
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Chantal: Nach dem Abi erstmal als Au-Pair ins Ausland

Eins sieht aber auch die Politik: Durch den doppelten Abiturjahrgang wird die Konkurrenz um Studien- und Ausbildungsplätze härter. 123.000 Studienanfänger, so viele wie nie zuvor, werden nach den aktuellen Prognosen der Kultusministerkonferenz in NRW um Studienplätze konkurrieren. "Davor habe ich schon ein wenig Angst. Man muss genau wissen, was man will", sagt Marleen. Sie will wahrscheinlich Hotelmanagement studieren, ihre Schwester überlegt noch: "Ich fühle mich persönlich noch nicht reif genug, um zu entscheiden, was ich nach dem Abitur mache." Chantal will das Jahr, was sie durch die Schulzeitverkürzung eingespart hat, als Au-Pair im Ausland verbringen. "Eine Art und Weise, dem ganzen Gedränge zu entgehen."


Stand: 02.10.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 03.10.2012, 08:37 Uhr

Lebensqualität schrieb am 03.10.2012, 08:37 Uhr:
Es ist mir völlig unverständlich wozu das sein muss, noch mehr billiges Kanonenfutter für das Bonzenpack produzieren? Immer mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller, früher und länger und vor allem billiger. Wer nicht mithalten kann oder am Ende seiner Kräfte ist wird selektiert -> Hartz4. Wenn schon die Kleinsten auf Hobbies verzichten müssen und mit Ritalin vollgepumt werden um lediglich Abitur zu machen. Das Abitur ist der erste und einfachste Schulabschluß in unserem Bildungssystem, alles darunter befähigt noch nicht einmal dazu, eine Berufsausbildung aufzunehmen. Lebensqualität?
RML schrieb am 02.10.2012, 21:07 Uhr:
1. Die ganze Schulzeitverkürzung ist völlig unausgegoren und nicht einmal im Ansatz durchdacht. 2. "Im Düsseldorfer Schulministerium will man eine solche Kluft nicht erkennen. Am Ende des vergangenen Schuljahres sind in ganz NRW in Deutsch und Mathematik zentrale Klausuren geschrieben worden. Mit einem Mittelwert von 2,9 in beiden Fächern wurden keine Leistungsunterschiede zwischen G8 und G9 festgestellt . " Wenn das wirklich so vom Schulministerium gesagt wurde, dann unterstreicht es, dass man dort keine Ahnung hat. Die zentralen Klausuren wurden nämlich am Ende der Einführungsphase (10. Schulj.) geschrieben. Und in dem Jahrgang saßen nur noch G8-Schülerinnen und Schüler. Der gemischte Jahrgang ist bereits zwei (!) Jahre älter.
Sebastian schrieb am 02.10.2012, 17:49 Uhr:
Komisch das die guten Länder der PISA Studie, ihre Kinder alle erst mit 7 einschulen. Bei uns sollen sie am besten mit 5 Jahren rein und mit 15 Jahren raus und Geld verdienen. Kindheit kennt keiner mehr und die psychischen Probleme nehmen ihren Lauf.
Johanna schrieb am 02.10.2012, 12:46 Uhr:
@Horst - Da diese Generation vermutlich bis zum 70 (!) Lebensjahr arbeiten wird, kommt sie locker auf 45 Beitragsjahre. Aber Steuerzahler werden gebraucht, mehr denn je! Allerdings verkalkuliert sich unser Staat erneut. Denn die wenigsten Kids sind diesem Druck gewachsen, egal ob G8 oder G9.
Flunker schrieb am 02.10.2012, 11:29 Uhr:
Das Problem sind nicht G8 oder G9. Das Problem sind die Verantwortlichen, die den Stoff von G9 in die Unterstufe und Mittelstufe gequetscht haben ohne Sinn und Verstand. Es gibt erfolgreiche G8 Modelle in unserem Land, aber warum sollte man sich daran orientieren? Warum soll man sich vielleicht Hilfe aus Bundesländern holen, wo G8 Modelle erfolgreich laufen? Nein NRW muss natürlich das Rad neu erfinden. Leider hat das Rad in NRW nun lauter Ecken, die unsere Kinder zu spüren bekommen. Deswegen finde ich nicht, dass G8 falsch ist. Nur diesen Großfeldversuch auf dem Rücken der Kinder und auch Lehrer auszutragen ist eine Frechheit. Letzter Elternabend: Thema neues Fach neuer Stoff - O-Ton "Den Stoff schaffen wir sowieso nicht. 20% fallen hinter rüber."

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