Ein Domführer bei der Arbeit Eine Kirche wie ein Bahnhof

Von Andreas Sträter

Am Mittwoch (06.03.2013) begann die ITB in Berlin. Das beliebteste Ausflugsziel Deutschlands ist der Kölner Dom – noch vor dem Schloss Neuschwanstein. Hier trifft Massentourismus auf Kirche. Und irgendwo dazwischen steht Domführer Carsten Schmalstieg. WDR.de hat ihn begleitet.


In der Kathedrale geht es zu wie am Hauptbahnhof gleich gegenüber. Bei sechs Millionen Menschen im Jahr herrscht im Kölner Dom täglich hektisches Treiben. Domführer Carsten Schmalstieg (41) ist immer mittendrin.

"Schnell noch einmal Sonne tanken", sagt er, bevor er die Schüler einer Kölner Abendschule in den Dom lotst. "Wir dutzen uns, oder?", fragt er in die Runde. Die Schüler nicken. "Gleich besuchen wir die heiligen Drei Könige", sagt er dann und macht den 16- bis 30-Jährigen Lust auf eineinhalb Stunden Kirchenführung. Schmalstieg spricht die Sprache der Jugend. Als Grundschüler war der studierte Kunsthistoriker aus dem Bergischen Land zum ersten Mal im Dom. Seitdem fühlt er sich mit der Kirche tief verbunden und lernt dort täglich Menschen aus aller Welt kennen.

"Langweilig wird mir nie"

"Mir fällt kein Land ein, aus dem noch kein Besucher bei mir war", sagt Schmalstieg. Er ist einer von 35 Domführern des Domforums und führt die Besucher auf Deutsch oder Englisch. Seit 18 Jahren erklärt er bis zu 30 Gruppen monatlich die Besonderheiten der mächtigen Kathedrale im Herzen Kölns. "Aber langweilig wird mir nie." Die meisten internationalen Gäste kommen aus den Vereinigten Staaten, Australien oder aus Kanada. Das von der katholischen Kirche in Köln betriebene Domforum bietet Führungen auch auf Französisch, Italienisch, Spanisch und neuerdings auch Bulgarisch an. Im Domforum werden die über 8.000 Führungen organisiert.


Schmalstieg hat schon viel erlebt im Dom. Es komme oft vor, dass er als erstes nach der Toilette gefragt werde, erzählt er: "Das ist eben Massentourismus hier, für mich aber kein Problem, sondern Alltag." Andere wollen wissen, ob im Dom tatsächlich Gottesdienste gefeiert würden. Es gebe viele Besucher, die nichts mit dem christlichen Glauben anfangen könnten. Schmalstieg macht das an dem Ost-West-Gefälle der deutschen Besuchergruppen fest: "Bei Gruppen aus Thüringen oder Brandenburg sind oft noch nicht mal Grundkenntnisse vorhanden. Da hat der Kommunismus ganze Arbeit geleistet", sagt er. Umso mehr müsse er eine Sprache finden, die jeder versteht.

Ist eine kurze Hose erlaubt?

Wäre da noch die Kleiderordnung. Ist eine kurze Hose erlaubt? "Ist nicht gerne gesehen, geht aber", sagt Schmalstieg. Und bei Frauen? "Schulterfrei wird toleriert. In italienischen Kirchen wäre das undenkbar", sagt der Domführer. Er findet, dass eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber dem Gotteshaus zu beobachten sei. "Aber das ist ja alles kein böser Wille, weiß ich doch." Was ihn viel mehr auf die Palme bringe sei hemmungsloses Telefonieren.


Den Schülern der Abendschule erklärt er, dass sie sich den Dom als Torte vorstellen müssen. "Der Boden ist römisch und der Zuckerguss obendrauf ist von heute", sagt er. Die meisten Schüler müssen da lachen. Schmalstieg muss Vergleiche finden, die die Besucher verstehen. Afrikanischen Touristen könne er zum Beispiel nicht viel vom europäischen Mittelalter erzählen. "In Afrika war das Mittelalter anders." Viel einfacher ist es da mit Vergleichen: "Dann sage ich: Für so viele Autos bekomme ich ein Altarbild." Das versteht jeder.

Erst die Kirchengeschichte, dann der Einkaufsspaß


Schmalstieg versucht im Dialog auf die jeweilige Gruppe einzugehen und bereitet sich vor. "Es gibt auch Schüler, die wollen schnell wieder zurück in die Fußgängerzone." Dann gibt er ihnen Einkaufstipps und bittet um ein bisschen Geduld: erst ein bisschen Bildung, dann das Vergnügen. Und wem es dann im Dom gut gefallen hat, dem gibt Schmalstieg mit: "Der Dom ist nach einer Führung längst nicht zu Ende erzählt."


Stand: 06.03.2013, 12.49 Uhr