Filmregisseur Heinrich Breloer wird 70: Die Lust am Detektivischen - Teil 2
Der vielfach ausgezeichnete Autor und Regisseur Heinrich Breloer wird am Freitag (17.02.2012) 70 Jahre alt. Mit Mehrteilern wie "Die Manns" oder "Speer und Er" schrieb der Erfinder des Doku-Dramas Fernsehgeschichte. Doch noch denkt der Kölner keineswegs an Ruhestand: Ein neuer Film ist in Vorbereitung. Teil 2 des Interviews.

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Heinrich Breloer wird 70 Jahre alt
WDR.de: Der Deutschen Kinemathek in Potsdam haben Sie rund 1.000 Dokumente überlassen, die ab heute auf deren Homepage als eine Art Breloer-Online-Archiv für jedermann zugänglich sind: Auszüge aus Drehbüchern, Szenefotografien, Korrespondenzen und Produktionspläne.
Breloer: Das ist ein lebendes, wachsendes organisches Archiv. Einige Texte müssen wir allerdings prüfen vor der Veröffentlichung. Zum Beispiel sind da zwei Stunden Material aus meinen Gesprächen mit dem SPD-Politiker Karl Wienand. Das meiste davon habe ich bisher gar nicht veröffentlicht. Selbst für den Gerichtsprozess gegen Wienand haben wir damals die Akten nicht herausgegeben, als Wienand sie haben wollte. Da muss ich prüfen, was der da gesagt hat.

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Szene aus "Wehner - Die unerzählte Geschichte"
Oder wenn der damalige SPD-Abgeordnete Eugen Selbmann über die erotischen Affären von Willy Brandt und Wehners Kenntnis darüber berichtet, oder wenn ein SPD-Sekretär aus seinem Tagebuch über Engholm vorliest. Auch bei dem privaten Interview mit Helmut Schmidt, mit der Hand mitgekritzelt, muss Schmidt einer Veröffentlichung erst zustimmen.
WDR.de: Gerade haben Sie die Recherchen für ein neues Projekt begonnen. Es geht um das Leben und Werk des Dramatikers Bertolt Brecht. Brecht war schon Thema eines Ihrer allerersten Filme: "Bi und Bidi in Augsburg" von 1978. Was führt Sie jetzt wieder zurück zu Brecht?
Breloer: Mein gesamtes Werk ist im Grunde ein großes Thema, das ich auf verschiedene Weise recherchiert und variiert habe. Die Ausforschung des Glücks am Beispiel von Brecht und Wehner, auch die Suche nach dem Glück für andere Menschen – in der Politik. Die Sehnsucht nach dem Glück am Beispiel der Lebensgeschichte von Thomas Mann und seiner Familie. Und nun greife ich auf eine Figur zurück, deren Geschichte ich nicht zu Ende erzählt habe. Das ist das Leben des Jahrhundertgenies Bertolt Brecht.
WDR.de: Wie gehen Sie vor?

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Heinrich Breloer mit der Brechtschauspielerin Regine Lutz
Breloer: Ich gehe einmal durch das Leben von Bertolt Brecht und versuche zu verstehen: Wer war er? Wer war der Mann, der, nach einer anarchistischen Phase, so rational mit einem klaren Weltbild ausgerichtet war, und sich trotzdem in einen Stahlsarg hat legen lassen, aus Angst, von Würmern gefressen zu werden? Jemand, der aus Angst, scheintot begraben zu werden, seinen Arzt verpflichten will, ihm ins Herz zu stechen. Ein Mann, der zu seiner DDR steht und doch immer wieder der große Kritiker der SED wird.
Also gehe ich ran: Fragen stellen, Material suchen, die Akten der SED wälzen. Hausbesuche bei Leuten machen, die ihn kannten. Frage mich immer weiter durch: Ist da noch jemand, der ihn kannte? Ich frage die Haushälterin, die seine Kostüme gebügelt hat, die Assistenten, die bei den Proben neben ihm gesessen haben, die Schauspielerin, der er das Spielen beibrachte, die Fotografin, die seine Stücke dokumentierte. Alle Mitarbeiter, die dieser Menschenfänger in seine Nähe zog und deren Leben er verändert hat. Wir gehen in die Archive und suchen die Spuren dieses Lebens und fragen nach den Kosten des Genies. Es ist der Versuch, sich aus all den Fundstücken, den Bruchstücken dieses Lebens, die ich finden kann, ein Bild zusammenzusetzen. Ob das gelingt, kann ich jetzt noch nicht sagen.
Das Interview führte Nina Magoley.
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- Karl Wienand
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Karl Wienand, geboren 1926, war bis zu seinem Parteiaustritt im Jahr 2002 eine der umstrittensten Figuren der SPD. Als parlamentarischer Geschäftsführer wurde er 1972 beim gescheiterten konstruktiven Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt verdächtigt, eine CDU-Stimme gekauft zu haben. Später stellte sich heraus, dass der CDU-Parlamentarier Julius Steiner 50.000 Mark vom DDR-Geheimdienst erhalten hatte.
Nach der deutschen Wiedervereinigung geriet Wienand in den Verdacht, Stasispion gewesen zu sein - was er immer bestritt. In einem Indizienprozess wurde er 1996 dennoch wegen geheimdienstlicher Tätigkeit für die DDR zu zweieinhalb Jahren Haft und einer Zahlung von einer Million Mark verurteilt. Die Haft musste er nicht antreten, da seinem Gnadengesuch vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog statt gegeben wurde.
Anfang 2002 wurde bekannt, dass Wienand in den 1990er Jahren bei Planung und Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage Schmiergelder in Millionenhöhe angenommen haben sollte. Zusammen mit dem Müllunternehmer Hellmut Trienekens kam er in Untersuchungshaft. Es folgte eine zweijährige Bewährungsstrafe, nach einem Einspruch des Bundesgerichtshofs aber stellte das Landgericht Köln das Verfahren ein. Wienand starb am 10. Oktober 2011 im Alter von 84 Jahren.
Stand: 17.02.2012, 00.00 Uhr
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