Regisseurin Hella Wenders im Interview Mitfiebern mit den Kindern aus Berg Fidel

Wer sich bisher nicht vorstellen konnte, wie behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen können, der bekommt mit dem Kinofilm über die Münsteraner Grundschule Berg Fidel im gleichnamigen Stadtteil ein Paradebeispiel geliefert. Zu Wort kommen ausschließlich die Kinder - zum Filmstart spricht bei WDR.de die Regisseurin.


Vier Kinder in der Berg Fidel Grundschule in Münster
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Das sind die kleinen Stars des Films: (im Uhrzeigersinn) Jakob, David, Anita, Lucas

WDR.de: Frau Wenders, ab heute läuft Ihr Film "Berg Fidel - eine Schule für alle" in ganz Deutschland in den Kinos an: Eine Dokumentation über das sperrige Thema Inklusion als Kinofilm - das ist ungewöhnlich!

Hella Wenders: Ja, aber in erster Linie habe ich ja einen Film über die vier Kinder gemacht, die in einer Inklusions-Schule leben, und ich glaube, dass es so lebendig und emotional wird, weil man mit den Kindern mitfiebert. Dieses Inklusionsthema ist ganz beiläufig Teil des Films, deswegen vermittelt sich das so schön.

WDR.de: Hatten Sie von vorne herein geplant, den Film ins Kino zu bringen?

Wenders: Nein, aber das war natürlich ein großer Wunsch. Wir wussten, das wird eine Langzeitdokumentation und wir brauchen einen langen Atem. Wir wussten nicht, was rauskommt - es war schon auch ein Experiment.

Regisseurin Hella Wenders
Die Regisseurin und das Filmplakat

Mit diesem Debütlangfilm schloss Hella Wenders ihr Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ab. Die 35-Jährige, die eine Nichte von Wim Wenders ist und in Münster geboren wurde, studierte vorher Filmwissenschaft an der Ruhr-Uni Bochum. Neben diversen Kurzfilmen drehte sie mit den "Toten Hosen" einen Dokumentarfilm in Südamerika. Für "Berg Fidel" erhielt sie auf dem Kinofest Lünen den Hauptpreis "Lüdia".

WDR.de: Sie haben eine Grundschule gewählt, an der Ihre Mutter und Ihre Tante arbeiten, wie war das für Sie?

Wenders: Meine Tante, die Fotografin Donata Wenders, hat da nur einmal Fotos gemacht und mich darauf hingewiesen, dass der Klassenrat (Schüler besprechen regelmäßig und eigenständig die Probleme in ihrer Klasse; Anm. der Redaktion) so besonders ist. Dann bin ich hin und war wahnsinnig begeistert, wie die Kinder ihre Probleme lösen, wie die Altersmischung ist, die Teamarbeit der Erwachsenen und wie alle miteinander gut lernen und behinderten Kindern die gleichen Chancen gegeben werden. Zeitgleich hatte ich ein Dokumentarfilmseminar an der Filmakademie angefangen. Und so ging das Hand in Hand. Meine Mutter ist Sonderschulpädagogin und Klassenlehrerin von Jakob, insofern habe ich sie da mitbekommen. Der Direktor der Schule hat den Film von Anfang an unterstützt und uns ganz viele Möglichkeiten gegeben. Man muss ja erstmal das Vertrauen der Eltern gewinnen und viel erzählen, was man vor hat. Zwischendurch haben wir ihnen immer mal etwas gezeigt.

Die Kinder aus Berg Fidel

David, der Hochbegabte, der seh- und hörbehindert ist, hat ein Weihnachtsagedicht verfasst und trägt es mit anderen Schülern vor. "Ich vertusche das jetzt mal, dass ich das allein gemacht habe", sagt er in die Kamera. Sein Bruder Jakob, der ein Down-Syndrom hat, erzählt etwas im Sitzkreis, wild gestikulierend und begeistert und für den Zuschauer nicht verständlich. Ein anderes Kind übersetzt, die Kinder haben ihn verstanden. Lucas, ein Junge mit besonderem Gerechtigkeitssinn, hat gerade sein Zeugnis bekommen und nimmt sich vor, die ganzen Ferien zu lernen, um besser zu werden. Er hat eine Rechtschreibschwäche. Anita ist als Kind aus dem Kosovo geflohen. Zu Hause muss sie sich um den kleinen Bruder und ums Putzen kümmern. Aber ihre Augens strahlen, wenn sie sagt, dass sie es auf die Gesamtschule schaffen und Topmodel werden will.

WDR.de: Ich habe den Film gesehen und war gerührt, mit wie viel Ehrgeiz und Ernsthaftigkeit die Kinder gelernt haben und wie lieb alle miteinander umgegangen sind. Das ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein ...


Sitzkreis in der Grundschule Berg Fidel
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"Bänkchenrunde" in der Klasse

Wenders: Ja (lacht). Als wir mit unserem Team, mit Kamerafrau und Tonmann, die ersten Male da waren, haben wir auch gesagt: Irgendwie ist es doch ganz normal hier. Wir wussten ja, dass die Schule im sozialen Brennpunkt liegt, wir wussten, dass so viele Kinder Förderbedarf haben und es viele Migrantenkinder gibt. Aber man hat es kaum gemerkt. Da haben wir gedacht: Wie filmen wir das denn jetzt als etwas Besonderes? Und dann haben wir geschnallt, dass eben genau das die Stärke ist. Unter anderem treffen sich die Lehrer von jeder Klasse einmal die Woche im Team und besprechen wirklich jedes Kind und machen einen Plan, wie sie jedem helfen können. Das merkt man. Die Kinder verbessern sich stetig. Ich habe schon gedacht, das wäre eigentlich ein zweiter Film...

WDR.de: Das heißt, es gibt bald einen zweiten Film über die Lehrer?

Wenders: So etwas Ähnliches schwebt mir vor. Ich muss mal gucken, jetzt läuft erstmal dieser Film an. Wenn ich nochmal etwas mache, würde ich den Fokus auf die Erwachsenen legen, ja.

WDR.de: Sie haben von 2007 bis 2010 gedreht. Wie geht es den Kindern heute?


Wenders: Ich habe sie bei der Premiere in Münster gesehen. David und Jakob geht es gut, sie sind jetzt beide auf der Montessori-Schule. David sagt, er möchte gerne Wissenschaftler werden, Physiker wahrscheinlich. Bei Jakob hat sich der Berufswunsch nicht geändert, er möchte ja Bauarbeiter werden. Lucas ist riesengroß geworden, er ist jetzt größer als ich und geht auf die Realschule. Er hat in Mathe Schwierigkeiten. Es geht ihm auch gut, aber er sagt, für ihn wäre es besser gewesen, Berg Fidel wäre weiter gegangen. Bei Anita ist es ähnlich. Sie ist auf der Sonderschule und würde immer noch gerne zurück. Sie hofft, dass die Berg-Fidel-Schule die Klassen bis Jahrgang 13 ausbauen kann. Vielleicht kann sie dann nochmal wechseln. Alle sind jetzt in der Pubertät! Wenn ich in Zukunft in Münster bin, werde ich versuchen, sie zu besuchen, um zu horchen, wie es Ihnen geht.

WDR.de: Sie leben in Berlin und sind vor weniger als drei Wochen zum ersten Mal Mutter geworden. Wenn Sie auch vielleicht noch keinen Kita-Platz haben, aber die Art der Schule steht bestimmt schon fest, oder?

Wenders: Hier in Berlin gibt es viele intregrative, inklusive Einrichtungen, viel mehr als in Nordrhein-Westfalen. Ja, ich werde versuchen, so eine Schule wie die in Berg Fidel hier zu finden.

Das Gespräch führte Marion Menne.


Stand: 13.09.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 13.09.2012, 08:27 Uhr

Klaus schrieb am 13.09.2012, 08:27 Uhr:
Wenn sich auf den kleinsten Nenner geeinigt wird ist diese Schulform umsetzbar. Es fehl aber die ( teurere ) extrabehandlung / Lehrpläne für Behinderte. Ebenso wird man hier den nicht Behinderten nicht gerecht. Aus Kindersicht sicher toll. Toll wäre aber auch aus deren Sicht jeden Tag zum Mittagessen ein Eis mit Gumibärchen. Grüne Ideologie zum Schaden der schwächsten der Gesellschafft was anderes erkenne ich dort nicht. Übrigens ich bin öffter in der Schule heiße aber nicht Klaus.


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