Interview zum Film "In den besten Jahren": Nacktes Gesicht und aufgerissene Seele
Kurzer Mini und laute Jazzmusik helfen ihr, sich nach schwierigen Dreharbeiten zu entspannen, sagt Senta Berger. In der WDR-Produktion "In den besten Jahren" spielt sie eine traumatisierte Polizistenwitwe.

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Senta Berger bei der Premiere zu "In den besten Jahren"
"In den besten Jahren" erzählt die fiktive Geschichte der Polizistenwitwe Erika Welves. 1970 hatte ihr Mann eine harmlose Verkehrskontrolle durchgeführt und wurde dabei von einem RAF-Mitglied erschossen. Aufgrund der Kronzeugenregelung ist der Täter nie verurteilt worden. Er konnte stattdessen ein neues Leben beginnen. Anders Erika: Auch nach mehr als 40 Jahren lässt sie das nagende Gefühl der Ohnmacht und der himmelschreienden Ungerechtigkeit nicht los. Sie kann das tief sitzende Trauma einfach nicht überwinden.
In Erikas Wohnung kleben noch die gleichen Tapeten wie vor vierzig Jahren. Sie scheint in ihrer Vergangenheit gefangen zu sein, hat kaum etwas verändert seit dem Morgen, als ihr Mann zum letzten Mal zur Arbeit fuhr. Berührt Sie das tragische Schicksal dieser Frau?
Senta Berger: Ja, sehr. Ich bin ein Kriegskind und ich habe sehr bewusst die Tragik der Frauen miterlebt, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. In meiner Familie gab es eine geliebte Tante, deren Mann "im Krieg geblieben" war. Nicht zu wissen, wie und wo und warum es geschehen ist und ob er wirklich tot war, das hat sie sehr belastet. Über Jahre hinweg hat sie seinen Kleiderschrank nicht öffnen können, wir Kinder durften seine Kleider nicht berühren und sie hat sein Bett noch viele Jahre frisch bezogen, obwohl er nie zurückgekommen ist.
Der zerreißende Schmerz steht Erika förmlich ins Gesicht geschrieben...

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Senta Berger als Erika Welves
Berger: Das darzustellen, ist mir nicht immer leicht gefallen. Es ist auch eine Überwindung, weil ich auf all das verzichtet habe, was eine Schauspielerin morgens in der Maske anwendet, um beispielsweise Müdigkeit oder andere Spuren zu kaschieren. Wir haben ein Gesicht gesucht, das sehr nackt ist und Erikas aufgerissene Seele zeigt. Dazu gehören die innere Konzentration, ihre Angespanntheit und die aufgerissenen Augen. Diesen Ausdruck über die ganze Zeit hinweg aufrecht zu halten, war schon eine Herausforderung für mich.
Wie haben Sie die Rolle abends von sich abgleiten lassen?
Berger: Das habe ich in diesem Fall sogar zwischendurch immer wieder gemacht. Wenn ich besonders dramatische Rollen übersetze oder den ganzen Tag an sehr ernsten Stoffen arbeite, will ich zwischendurch besonders viel Quatsch machen. In den Drehpausen oder wenn umgeleuchtet wird zum Beispiel. Es entsteht dann eine merkwürdige Gegenreaktion. Um das Schwere für einen Moment abzuschütteln, brauche ich so kleine Ausbrüche, die ganz dumm sein können. Kleine Verbrüderungen, in denen eine Runde geschmissen wird. Das können Eis oder Bier und Weißwürschte sein. Und danach kann ich wieder ganz schnell in die Rolle einsteigen. Abends zieh ich mir einen besonders kurzen Minirock an, höre laute Jazzmusik und fahre ganz fetzig Auto. Das bricht dann ein wenig die Atmosphäre, die ja bei einem solchen Film besonders konzentriert sein muss.
Sie haben "in den besten Jahren" überwiegend in Köln und Holland gedreht...
Berger: Ja. Ich bin sehr gerne in Köln und liebe den Rhein. Ich habe einen ganz besonderen Bezug zu der Stadt, weil meine geliebte Schwiegermutter Doris Kölnerin war. Sie wurde in Deutz geboren, vis-a-vis vom Bahnhof, das hat sie mir gezeigt. Und ich höre, wenn ich in Köln bin, natürlich sofort ihren Zungenschlag. Ich hab auch Freunde in Köln, die mir ein paar sehr schöne Kneipen gezeigt haben. Elke Heidenreich natürlich auch.
Sie sind in mehreren WDR-Produktionen zu sehen, darunter der preisgekrönte Film "Frau Böhmer sagt Nein", "Satte Farben vor Schwarz" und am 22. März 2012 feiert "Ruhm" Kinopremiere, ein Film nach dem Bestseller von Daniel Kehlmann,...
Berger: Natürlich bin ich sentimental gebunden an den WDR, das aber schon viel länger. Meine erste große Show habe ich hier gemacht, sie hieß "Männer, wir kommen!". Das war 1970 zusammen mit dem holländischen Regisseur Bob Rooyens. Er war großartig. Ich hab mir die Show neulich noch einmal angesehen und muss sagen: Das war wirklich toll, was wir da gemacht haben. Und wenn ich heute beim WDR mal ein Interview gebe, spaziere ich da fast so hinein, als wäre es mein zu Hause.
Der schon vielfach ausgezeichnete Hartmut Schoen hat das Buch zu "In den besten Jahren" geschrieben und auch Regie geführt. Er hatte Sie von Anfang an als Erika im Kopf, sorgte sich aber, ob sie in ein "so dunkles Loch" hineingehen würden...
Berger: Für mich zählt nur: Will ich diese Geschichte erzählen oder will ich es nicht? Und dass daraus kein heiterer Stoff werden kann, ist klar. Hartmut Schoen ist ein ganz großartiger Autor und Regisseur. Sehr ernsthaft, sehr konzentriert. Er arbeitet sehr bestimmt und leise, was ich schätze. Er hört zu, wählt aus. Und er schafft Vertrauen, eine Atmosphäre, in der ich mich als Schauspielerin traue, etwas anzubieten, selbst wenn ich mich dabei vielleicht lächerlich mache, weil ich auf dem falschen Weg bin. Er hat die Geduld zu sehen, wie eine Arbeit wächst und schreibt wunderbare Dialoge, die ineinander verzahnt sind. Ich habe einen Satz als Erika, den ich sehr liebe: Sie lernt Autofahren und fühlt sich natürlich beobachtet von dem Mann, der ihr seinen Wagen zum Üben überlässt. Und sie sagt dann zu ihm, während sie fährt: "Allein wäre ich gut!". Das ist so ein typischer Satz, den würde kein anderer Autor schreiben. Das ist herrlich.
Matthias Brandt spielt Karl, den Mann, den sie eben erwähnten. Mit ihm verbindet Sie im Film eine ungewöhnliche Freundschaft. Privat bildet sein Vater Willy Brandt eine Art Verbindung zwischen Ihnen. Kann man das so sagen?
Berger: Ja, ich war ja in der Wählerinitiative für Willy Brandt und ich habe durch all die Jahre hindurch die Sozialdemokratische Partei unter Willy Brandt begleitet. Das weiß er und das hat natürlich sehr viel Gesprächsstoff gegeben, mit vielen Fragen. Ich freue mich sehr, dass er diese Rolle angenommen hat. Er hat mir, der Erika, in seiner feinen lakonischen und dann auch wieder sehr diskreten Art einen Widerstand geleistet und sie an ihr verschüttetes Mitgefühl erinnert. Das Angenehme an Matthias Brandt ist, dass er nie brillieren möchte. Es war unser erster gemeinsamer Film. Wir haben sehr gut zusammen gespielt und haben natürlich auch sehr viel über seine Familie gesprochen.
Wie sieht es mit Ihrer eigenen Familie und der Ihres Mannes Michael Verhoeven aus? Fanden bei Ihnen politische Diskussionen und Auseinandersetzungen statt?
Berger: Ja, in der Familie wurde viel debattiert, eigentlich immer. Wir hatten eine sehr schöne Streitkultur. Als Rudi Dutschke angeschossen wurde am Kurfürstendamm in Berlin, hatten wir gerade Ostern in dem Landhaus meines Schwiegervaters Paul Verhoeven verbracht, Schwiegereltern, Michaels Schwestern und deren Männer. Und wir stritten: Wie es dazu kommen konnte, ob die Springerpresse eine Teilschuld trage und aus welchem Grund man überhaupt an der Gesellschaft zweifeln und rütteln sollte. Es waren dramatische Zeiten, wenn ich an die Jugendrevolten in all ihren Auswüchsen denke. Da waren ja auch viele kindliche und kindische Dummheiten dabei: Die ausgestellte Nacktheit, die propagierte sexuelle Freiheit, die Drogen, die plötzlich das Bewusstsein hätten verändern sollten und eine furchtbare Tragödie hinterlassen haben. Meine Schwiegereltern waren sehr liberal, das darf man nicht vergessen. Aber in dieser Nacht hatten wir bis zu Tränen, Schreien und völliger Erschöpfung gestritten, bis wir morgens um vier erschöpft in die Betten gekippt sind.
Das Interview führte Susanne Rabsahl.
Stand: 13.12.2011, 06.00 Uhr
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