Aleviten ziehen in christliches Gotteshaus Wirbel um Kirchen-Verkauf

Von Marion Menne

Wo vorher ein christliches Kreuz war, hängen nun Bilder von alevitischen Heiligen. Der Verkauf einer methodistischen Kirche in Mönchengladbach hat bundesweit für Aufruhr gesorgt. Die eingezogenen Aleviten können das nicht verstehen - und regen sich noch über etwas ganz anderes auf.


Mitglieder der Alevitischen Gemeinde Mönchengladbach-Rheydt und Gäste

Der unscheinbare Backsteinbau, der an einer viel befahrenen Straße in Mönchengladbach-Rheydt liegt, hat weder Kirchturm noch Minarett. "Alevitisches Kultur Zentrum" steht über dem Eingang. Drinnen ist ein langer Tisch reich gedeckt, es gibt starken Tee und süßen Kuchen. Fast zwei Dutzend Menschen sind gekommen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Aleviten und auch Methodisten.

"Wir Aleviten sind keine Muslime"


Eingang des Versammlungshauses der Alevitischen Gemeinde Mönchengladbach-Rheydt
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Ein Backsteinhaus, nicht Moschee

"Wir sind keine Muslime, wir haben mit Moscheen nichts zu tun, und wir Frauen tragen auch keine Kopftücher", fängt eine ältere Dame an. Auch die Vorsitzenden der alevitischen Gemeinde und die geistlichen Führer stellen klar, dass die Aleviten sich nicht zu den Muslimen zählen, sondern eine eigenständige - in Deutschland anerkannte - Religionsgemeinschaft sind. Grund des Ärgers sind Medienberichte, in denen zugespitzt von "Kirche wird Moschee" die Rede war. Fakt ist, dass sich die zu klein gewordene freikirchliche evangelisch-methodistische Gemeinde aufgelöst hat und ihre Gemeinderäume an die örtliche alevitische Gemeinschaft veräußert hat.

Eine ganz eigene Kultur

Die alevitischen Gläubigen, die zwar auch den Koran lesen, aber Vorschriften wie die Pflichtgebete oder das Ramadan-Fasten ablehnen, reagieren empfindlich, wenn sie mit Muslimen gleichgesetzt werden. Das hat viel damit zu tun, dass die Religionsgemeinschaft in ihrem Heimatland Türkei verfolgt wurde und sich noch heute in Deutschland von türkischstämmigen Muslimen als "ungläubig" diskriminiert fühlt.


Mustafa Mengütay spielt im Kreis der Gemeindemitglieder die Baglama Saz, das traditionelle Saiteninstrument
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Die "Saz" gehört zu den Aleviten wie die Orgel zu den Christen

Kritik an der Kritik des katholischen Bischofs

Während sich die Aleviten also einmal mehr falsch verstanden sahen, brachte die Methodisten etwas anderes in Rage: die Kritik der - unbeteiligten - katholischen Kirche an dem Verkauf. Denn der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der in der Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog zuständig ist, hatte gesagt: Wenn in einer ehemaligen Kirche nach Jesus der Prophet Mohammed angebetet werde, dann sei das für katholische Christen "schon eine harte Zumutung".

Jaschke mischt sich ein, weil bei der katholischen und der evangelischen Kirche der Konsens herrscht, dass aufgegebene Kirchbauten nicht zu Moscheen werden sollten. Im Gegensatz dazu haben die Methodisten, die sich auch evangelisch nennen, aber eine Freikirche sind, nie einen Verkauf an Aleviten ausgeschlossen. Die Kirchenübernahme ist jetzt allerdings ein Novum in NRW. Als zuständiger Superintendent der Methodisten rechtfertigte sich Rainer Bath mit den Worten, die Räume seien guten Gewissens verkauft worden: "Aleviten achten unsere Grundwerte und betreiben auch keine aktive Missionierung."

Im Cem-Haus wird nicht nur gebetet


Gemeindemitglieder Senem Deniz (rechts) und Eylem Solmaz (links) trinken zusammen Tee
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Männer und Frauen beten und feiern zusammen

Eben nicht Moschee, sondern Cem-Haus nennen die Rheydter Aleviten ihr neues Gemeindezentrum, das sie renoviert und umgebaut haben. Hier wird nicht nur bei dem "Cem", den rituellen Gottesdiensten, gebetet, hier wird auch gefeiert, geklönt und gelernt. Die Kinder bekommen Religionsunterricht und lernen Saz spielen, das traditionelle Saiteninstrument. Wenn Tanz statt Gebet auf dem Plan steht, wie zum 1. Mai, dann wird aus Respekt vor den Heiligen einfach der rote Vorhang zugezogen, so dass sie dahinter verschwinden.

"Wir setzen unsere Kultur einfach oben 'drauf"


Feramoz Solmaz, Vizevorsitzender der Alevitischen Gemeinde Mönchengladbach-Rheydt
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Feramoz Solmaz, der Vize-Vorsitzende

Grund für den Kauf sei einfach gewesen, dass die Gemeinde hier Eigentum habe erwerben können und nicht mehr Miete zahlen müsse wie in den vorherigen Räumen in Rheydt, erzählt Feramoz Solmaz. Der 56-Jährige ist Vize-Vorsitzender und Mitbegründer der alevitischen Gemeinde, die 120 Mitglieder hat. Wie viele hier gehört er zur zweiten Einwanderer-Generation. Während der Woche ist er als Lkw-Fahrer in ganz Europa unterwegs, das Wochenende verbringt er in der Gemeinde. Was die Aleviten an dem Kirchbau verändert haben? "Nicht viel - wir setzen unsere Kultur einfach oben 'drauf", sagt er und lacht herzlich. Die Lampen und der Steinboden sind geblieben, neu ist die Polster-Sitzecke vorn und ein Unterrichtsraum auf der früheren Empore. Dass die Polster-Ecke ein paar Stufen höher liegt, stört Feramoz etwas. "Kein Mensch ist höher als ein anderer", meint er.

Lob vom letzten Rheydter Methodisten-Pfarrer

Bodo Laux, zuletzt Pfarrer der evangelisch-methodistischen Gemeinde Rheydt, sieht an diesem Tag zum ersten Mal, was aus seinem Kirchenraum geworden ist. Die 130 Jahre alte Gemeinde hatte sich bereits 2009 aufgelöst, die letzten knapp zehn Kirchgänger sind in die evangelische Kirche am Ort eingetreten, wie er berichtet. Für das leerstehende Haus einen Käufer zu finden, gestaltete sich schwierig - die Aleviten waren die einzigen Interessenten. Dass sie dann den Zuschlag bekamen, habe er nie bereut, sagt Laux und zeigte sich beeindruckt von der "vielen Arbeit", die in die Renovierung gesteckt wurde.

Herzliche Gastfreundschaft für "den Klaus"


Mitglieder der Alevitischen Gemeinde Mönchengladbach-Rheydt trinken Tee, rechts Klaus Thimm, methodistischer Laienprediger
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Kein Fremder mehr: Klaus Thimm (rechts)

Den Verkauf eingefädelt hat der methodistische Laienprediger Dr. Klaus Thimm aus Bonn, der sich seit Jahren um alevitisch-christliche Freundschaft bemüht und ein Kenner der Kultur ist. Kommt der 77-Jährige in das Cem-Haus, wird er umarmt und begrüßt wie ein alter Bekannter. "Diese Herzlichkeit und Freundlichkeit - da ist man manchmal fast beschämt", sagt Ehefrau Gisela Thimm. Während Bischof Jaschke von einer "Zumutung" sprach, ist die Gebäude-Übergabe für Klaus Thimm eine "großartig gelungene Integration". Fragt man Feramoz Solmaz, ob er Bischof Jaschke überhaupt kenne, schüttelt er mit dem Kopf, lächelt freundlich und sagt: "Eigentlich nicht, das interessiert uns weniger, wir leben unser Leben..."

Stichworte

Aleviten

Rund 30 Prozent der nach Deutschland gekommenen Türken sind Aleviten. In Möchengladbach leben nach Angaben der örtlichen Gemeinde 2.000, zehn Prozent davon seien organisiert. Aleviten werden oft als "liberale Muslime" bezeichnet. Viele sehen sich jedoch als eigenständige Religionsgemeinschaft - die in Deutschland auch anerkannt ist.

Die Aleviten lehnen die Vorschriften der Scharia und die fünf Säulen des Islam ab, zum Beispiel die Pflicht, mehrmals täglich zu beten. Sie lesen zwar den Koran, haben aber eine mysthisch geprägte Lehre. Sie beten auch zu Jesus Christus. Ihr Name verweist auf Ali, den Vetter Mohammeds und vierten Kalifen, den sie tief verehren. In Deutschland gelten Aleviten als besonders gut integriert.

Evangelisch-methodistische Kirche (EmK)

Der Evangelisch-methodistischen Kirche gehören in Deutschland nach eigenen Angaben 57.000 Menschen an, die sich auf 500 Gemeinden verteilen. Weltweit gibt es 70 Millionen Methodisten. Sie nennen sich evangelisch, weil das Evangelium von Jesus Christus Mittelpunkt ihres Glaubens ist. "Methodistisch" geht auf einen Spottnamen zurück für die Begründer John und Charles Wesley, die im 18. Jahrhundert in England lebten. Die Studenten führten einen konsequenten - methodistischen - Lebensstil und kümmerten sich neben dem Gebet um Arme und Kranke.

Die EmK ist eine Freikirche, gehört also nicht zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).


Stand: 25.06.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (27)

letzter Kommentar: 29.06.2012, 11:19 Uhr

Baal schrieb am 29.06.2012, 11:19 Uhr:
Ich weiß wirklich nicht wo da ein Problem sein soll? Ohne die Nutzung als Kirche ist jede Kirche auch nur eine Imobilie. Wenn die Nutzung als Kirche vorbei ist kann doch jeder, der diese Imobilie erwirbt, damit machen was er will! Ich persönlich würde einen Nachtclub daraus machen den ich "Sündenpfuhl" nennen würde. Ich bin mir sicher das würde eine Goldgrube! Leider bekommt man so ein Objekt selten zum Kauf oder zur Pacht angeboten. Religion ist das Opium für die einfachen Gemüter und sollte wirklich nicht überbewertet werden.
Simpel schrieb am 26.06.2012, 09:14 Uhr:
Es ist doch ganz simpel: wenn Christen nicht wollen, dass "Heiden" in ihre Gotteshäuser ziehen, müssen sie selbst mal in die Kirche gehen. Die Kirche wurde - wie soviel protestantische und katholische Kirchen auch - geschlossen, weil keiner mehr hinging.
Kleiner Mann schrieb am 26.06.2012, 07:19 Uhr:
Berger, ja klar ist das Durcheinandergeglaube immer eine Verbesserung der Kränkelung der Menschheit. Ungefähr so viel wie die vieltausendfache Strahlung durch Erdverkabelungen, Kabeln in der Luft, Handys, Motorengedröhne und Zugluft in fensterlosen vollklimatisierten Räumen, oder? :-)
heinzb aus nrw schrieb am 25.06.2012, 20:51 Uhr:
Mich würde der Kaufpreis, der gezahlt wurde, interessieren und was für ein Wert die Gebäude und das Grundstück wirklich gehabt haben, denn es stecken ja auch Steuergelder drin, die jetzt vielleicht zweckentfremdet wurden ???
Berger schrieb am 25.06.2012, 15:30 Uhr:
In welchem Jahrhundert leben wir denn? Die Kirchen/Religionsgemeinschaft haben immer die Kirchen der "Ungläubigen" geschändet und die Andersgläubigen gleich mit. Dann ist es doch eine Verbesserung, wenn ein Übergang von Gebäuden/Räumen von einer Religionsgemeinschaft zu einer anderen so friedlich geschieht. Aber wie man sieht, sind die religösen Schrafmacher nicht aufzuhalten. Dabei vertreten sie, wenn sie überhaupt jemanden vertreten, eine Minderheit.

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