Fünf Fragen zum Hochwasser Hochwasser ist in NRW normal

Historische Hochwasser hat es in der Geschichte immer wieder gegeben - aber häufen sich diese Ereignisse in Zeiten des Klimawandels auch in Nordrhein-Westfalen? Ingenieur Bernd Mehlig gibt Antworten.


Überschwemmung in Duisburg
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Überschwemmung in Duisburg

Der Ingenieur Bernd Mehlig ist Fachmann für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW. Für WDR.de beantwortet er die häufigsten Fragen zum Thema Hochwasser.

1. Gibt es eigentlich häufiger Hochwasser in NRW?

Bernd Mehlig: An kleineren Flüssen in NRW beobachteten wir in den vergangenen etwa 15 Jahren eine leichte Zunahme von kleineren und mittleren Hochwassern. Das sind die Wasserstände, die im langjährigen Mittel etwa alle zwei bis 20 Jahre erreicht werden. Extreme, seltene Hochwasser - so genannte Jahrhundert-Hochwasser wie sie am Rhein 1993 und 1995 empfunden wurden - treten bisher nicht häufiger auf. Auch wenn das viele Menschen so wahrnehmen. Zu dieser Wahrnehmung tragen auch die Medien bei.

Das, was wir über den Klimawandel wissen, rechtfertigt die Annahme, dass es künftig häufiger Hochwasser geben könnte. Ob das wirklich so kommt, weiß niemand genau.

2. Welche Bedeutung hat denn Hochwasser?

Mehlig: Hochwasser an sich ist ein ganz natürlicher Vorgang und als solcher nicht schlimm. Schwankungen beim Wasserpegel sind normal, die Natur braucht diese Schwankungen sogar. Es gibt beispielsweise Organismen, die sowohl die Luft als auch das Wasser zum Leben brauchen. Und diese Organismen sind wichtig, damit das Gewässer biologisch funktionieren kann. Schlimm für den Menschen sind nur die Hochwasserschäden. Auf diese Schäden hat der Mensch durchaus einen Einfluss. Aber die Menschen haben schon immer gerne am Wasser gebaut. Extreme Hochwasser sind für Wasserwirtschaftler in der Regel Ereignisse, die im langjährigen Mittel seltener als 100jährlich auftreten. Der Niederrhein hatte laut Statistik in den vergangenen etwa 200 Jahren kein solches Ereignis.

3. Wann kommt es zu Hochwasser?

Mehlig: Am Rhein entsteht Hochwasser in der Regel, wenn großflächig im Einzugsgebiet die Böden gefroren oder mit Wasser gesättigt sind und dann große Niederschlagsmengen auftreten. Für unsere Region hier am Niederrhein kann man sagen, dass der Rhein hier nur Hochwasser hat, wenn auch an der Mosel Hochwasser ist. Als Faustregel gilt: Wenn es allein in NRW viel regnet, juckt das den Rhein nicht.

Anders sieht das bei kleineren Flüssen in NRW aus. Da gilt, dass viel Regen im Einzugsgebiet - also häufig mehr oder weniger lokal in NRW - ausreicht, um zu Hochwasser zu führen.

4. Welche Einflüsse des Menschen haben Auswirkung auf die Hochwassersituation?

Mehlig: Die entscheidenden Einflüsse der Menschen auf den Rhein gehen ins 19. Jahrhundert zurück, auf die Arbeit des Ingenieurs Johann Gottfried Tulla. Er hat vor allem den Oberrhein beengt und begradigt. Im Zuge seiner Arbeiten wurde der Fluss vertieft, Dammanlagen zum Hochwasserschutz wurden gebaut, um die Siedlungsflächen zu schützen. Nach damaligen Wertvorstellungen wurden diese Arbeiten als Erfolg bewertet. Diese Eingriffe haben den Fluss aber auch negativ verändert. So hat sich zum Beispiel die Fließgeschwindigkeit erhöht, es gibt weniger natürliche Überschwemmungsflächen. Weiter nördlich am Rhein haben die Maßnahmen, auch durch das zeitliche Zusammentreffen der Hochwasserwellen der Nebengewässer - zu einer Verschärfung der Hochwassergefahr geführt. Die häufig kritisierte Versiegelung durch Siedlungs- und Verkehrsflächen ist für einen großen Fluss wie den Rhein weniger von Bedeutung, sie wird häufig überschätzt.

Bei kleineren Gewässern ist das anders, da hat die Versiegelung sehr wohl einen Einfluss, insbesondere bei der kleinräumigen Betrachtung in den Siedlungen selbst. Auch die Wirksamkeit der Rückhaltung von Hochwasser in Stauanlagen (also Talsperren und Rückhaltebecken) ist besonders bei kleineren Gewässern ausgeprägt, dies betrifft beispielsweise die Talsperrensysteme im Einzugsgebiet der Ruhr und in der Eifel.

5. Wie kann sich der Mensch vor Hochwasser schützen?


Jahrhunderthochwasser in Köln; Rechte: dpa

Jahrhunderthochwasser in Köln

Mehlig: Einen absoluten Schutz vor Hochwasser gibt es nicht. Wichtig ist die Verringerung - oder im Idealfall die Vermeidung - von Hochwasserschäden. Man kann Deiche höher bauen - aber solche Maßnahmen werden inzwischen auch durchaus kritisch gesehen. Denn wenn ich an einer Stelle den Deich erhöhe, bedeutet dies, dass der Fluss hier keinen Platz hat zum Abfließen und zum Über-die-Ufer-Treten. Das verschärft unter Umständen die Situation weiter flussabwärts. Deswegen arbeitet man beispielsweise am Rhein inzwischen auch eng mit den zuständigen Stellen in den Niederlanden zusammen. Es gibt Modelle, die auch Szenarien für ein Hochwasser am Rhein durchspielen, das alle Deiche überströmt. Wichtig ist meines Erachtens, dass all diese Erkenntnisse und Möglichkeiten sowohl in die strategische Planung (wie etwa die Raumplanung), als auch in die Notfallpläne mit eingebunden werden.


Stand: 09.02.2010, 17.14 Uhr