Rollstuhltennis in Wimbledon Auf die Bereifung kommt es an

Rollstuhltennisspielerin Sabine Ellerbrock ist am Freitag (05.07.2013) im Halbfinale von Wimbledon ausgeschieden. Vor dem Spiel hat die Bielefelderin mit WDR.de über ihren Weg in die Weltspitze gesprochen und sie hat erklärt, warum das richtige Profil auf Rasen wichtig ist.


Rollstuhltennis-Athletin Sabine Ellerbrock
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Rollstuhltennis-Athletin Sabine Ellerbrock

Sabine Ellerbrock ist seit Kurzem im Rollstuhltennis der Damen weltweit auf Platz Nummer 1. Und das, obwohl sie aktuell eine Doppelbelastung zu stemmen hat. Ellerbrock arbeitet als Lehrerin für Mathematik und Biologie an einem Bielefelder Gymnasium. Die 37-Jährige spielt seit 2009 Rollstuhltennis. Zuvor hat sie viele Jahre als Fußgängerin erfolgreich gespielt und sogar einige Einsätze in der Bundesliga gehabt. Ellerbrock musste sich 2007 einer Operation am rechten Fuß unterziehen. Es kam zu Komplikationen mit der Folge, dass sich ihr rechter Fuß in Sichelform versteifte. Ihr bisher größter Erfolg war der Sieg bei den French Open Anfang Juni. Ihr erster Grand Slam-Titel. Am heutigen Freitag startet sie ins Turnier in Wimbledon.

WDR.de: Frau Ellerbrock, wie fühlt es sich an, die Nummer 1 der Welt zu sein?

Sabine Ellerbrock: Es ist auf jeden Fall ein schönes Gefühl. Und auch Lohn für die harte Arbeit der letzten Wochen und Monate, die doch ziemlich anstrengend waren.

WDR.de: Was hat es so anstrengend gemacht, das Tennisspielen auf dem Platz?

Ellerbrock (lacht): Nein, Tennis war eher der erholsame Teil. Es ging um die Doppelbelastung. Ich habe erst vor Kurzem als Lehrerin an einer neuen Schule angefangen und dort direkt mit Korrekturen. Aufgrund meines Jobs konnte ich zu den Turnieren immer erst später als alle anderen anreisen und hatte dadurch auch weniger direkte Vorbereitung. Bei einigen Turnieren musste ich zum Beispiel direkt vom Flughafen auf den Platz. Das sind alles andere als optimale Voraussetzungen, ein gutes Turnier spielen zu können.

WDR.de: Das hat Ihnen aber insgesamt offensichtlich nicht geschadet.


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Das Training ist trotz Doppelbelastung möglich.

Ellerbrock: Was mich selbst wundert. Ich glaube einfach, dass ich im Moment ein sehr gutes Trainingsumfeld habe. Sowohl mein Heimtrainer als auch der Bundestrainer erzeugen keinen Druck. Beide bringen viel Verständnis für die aktuellen Rahmenbedingungen auf. Das ist wichtig und nicht selbstverständlich. Auf dem Trainingsplatz brauche ich immer wieder mal eine halbe Stunde, um voll dazu sein, weil ich einfach oft direkt und abgehetzt aus der Schule komme.

WDR.de: Wie erklären Sie sich dennoch ihren aktuellen Erfolg?

Ellerbrock: Ich glaube der Schlüssel liegt darin, dass ich noch mehr zu schätzen weiß, dass es einfach ein Privileg ist, auf der Tour spielen zu dürfen. Für mich ist der rote Tennisplatz im Moment eine grüne Insel, auf der ich mir die nötige Kraft für meinen Beruf hole, obwohl es körperlich sehr anstrengend ist.

WDR.de: Jetzt geht es für Sie nach Wimbledon, für viele Fußgänger das wichtigste Turnier des Jahres. Welchen Stellenwert hat das Turnier für die Rollstuhltennisspieler?

Ellerbrock: Für mich ist es auf jeden Fall ein besonderes Turnier. Ich freue mich vor allem auf die Atmosphäre. Von der sportlichen Wertigkeit an sich ist es für mich aber nicht so hoch einzuschätzen. Es gibt ja nur eine Doppelkonkurrenz und da bin ich natürlich auch abhängig von meiner Partnerin, Sharon Walraven.

WDR.de: Mit welchen Chancen gehen Sie in das Turnier?


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Ellerbrock ist trotz Lospech optimistisch gestimmt.

Ellerbrock: Leider hatten wir Lospech. Wir müssen gleich gegen die Titelverteidigerinnen Aniek van Koot und Jiske Griffioen ran. Das wird eine schwere Aufgabe für Sharon und mich. Sharon ist zwar sehr erfahren, aber zusammen sind wir über 80 Jahre alt. Für uns ist es wichtig, dass wir uns auf und neben dem Platz gut verstehen. Und dann wird es von der Tagesform abhängen. Ich glaube, dass uns das Spiel auf Rasen eher entgegenkommt. Wir spielen beide gerne Slice und gehen gerne ans Netz. Das ist auf Rasen ein Vorteil. Nur, Aniek und Jiske können leider verflixt schnell spielen.

WDR.de: Spielen Sie auf den gleichen Plätzen wie die Fußgänger?

Ellerbrock: Ja, aber nicht auf dem Center Court, sondern auf Nebenplätzen. Das ist aber auch nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist die Chance, unseren Sport zu präsentieren und die Gleichbehandlung mit den Fußgängern. Ich will hier gar nicht vom Preisgeld reden. Obwohl das auch in den vergangenen Jahren etwas erhöht wurde. Allerdings liegen wir bei den Grand Slams immer noch bei unter einem Prozent der Fußgänger-Preisgelder. Wichtig wäre es generell bei unseren Turnieren, dass auch Spielerinnen, die ausscheiden, Gelder in angemessener Höhe bekommen. Wir müssen uns ja auch refinanzieren. Ich gehe schon mit einem Minus aus der Saison. Spielerinnen, die unterhalb der Nummer 25 in der Rangliste liegen, haben es da noch schwerer. Daneben sind für uns noch andere Dinge wichtig, zum Beispiel der Zugang zur Physiotherapie während eines Turniers. Hier sind die Bedingungen bei den Grand Slams natürlich optimal.

WDR.de: Sie feiern in Wimbledon ihre Premiere auf Rasen im Rollstuhl. Was erwarten Sie?

Ellerbrock: Ich kenne das Absprungverhalten des Balles aus meiner Zeit als Fußgänger. Aber ich weiß nicht, wie es sich auf Rasen fährt. Ich habe natürlich rumgefragt. Auch im Hinblick auf die Bereifung. Ich habe die Wahl zwischen zwei Profilen. Auf dem Hartplatz fährt man mit glatten Reifen ohne Profil. Auf Rasen brauche ich etwas Profil, sonst wird es rutschig. 

WDR.de: Mit der ersten Teilnahme in Wimbledon geht für Sie auch ein Wunsch in Erfüllung, oder?


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Das letzte große Ziel: Eine Medaille bei den Paralympics 2016.

Ellerbrock: Das stimmt. Ich hatte mir nach den Olympischen Spielen in London fünf große Ziele gesetzt: Einmal wollte ich unbedingt Wimbledon spielen. Dann wollte ich mich für die US-Open qualifizieren, danach sieht es in diesem Jahr auch aus. Und dann wollte ich gerne ein Grand Slam-Turnier gewinnen und eine Woche auf Platz 1 der Weltrangliste stehen. Das habe ich alles erreicht. Das letzte Ziel werde ich vor 2016 nicht erreichen können: die in London verpasste Paralympics-Medaille zu gewinnen. 

WDR.de: Wie ist der Rücktritt Esther Vergeers, die von 1999 bis zu ihrem Ausscheiden im Februar 2013 die unangefochtene Nummer 1 der Welt war, für ihren Sport zu bewerten?

Ellerbrock: Im Moment ist das sicher gut für die Turniere, weil sie einfach offener sind, was den Ausgang angeht. Vorher war eigentlich klar, überall wo Esther aufgetaucht ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auch den Titel gewinnt. 

WDR.de: Würden Sie in Ihrer derzeitigen Form gerne noch einmal gegen Esther spielen?

Ellerbrock: Das würde ich gerne, ja, weil die Spiele gegen sie immer Spaß gemacht haben. Unser letztes Aufeinandertreffen war relativ knapp. Bei einem Einladungsturnier Ende des vergangenen Jahres haben wir drei Sätze gegeneinander gespielt. Esther war ein Vorbild für mich.

WDR.de: Sie hat sehr professionell gearbeitet und konnte sich immer auf Tennis konzentrieren. Sie haben die Doppelbelastung und haben es trotzdem auf die Ranglistenposition 1 geschafft. 

Ellerbrock: Deshalb bin ich auch durchaus zwiegespalten. Ich freue mich natürlich, dass ich die Nummer 1 der Welt innehabe. Auf der anderen Seite sage ich mir, unter den jetzigen Umständen dürfte ich eigentlich nicht konkurrenzfähig sein. Ich würde mir schon wünschen, dass auf Dauer eine Spielerin die Nummer 1 belegt, die wirklich alle Möglichkeiten ausreizen kann. Ich glaube, dass es für den Sport wichtig ist, dass signalisiert wird, dass man hart dafür arbeiten muss, um es bis ganz nach oben zu schaffen und dort zu bleiben. Das heißt nicht, dass ich das nebenbei erreicht habe. Es ist ja ein langer Prozess und unter den gegebenen Umständen arbeite ich sehr diszipliniert und wirklich hart an meinem Erfolg. Ich glaube aber, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft habe, weil es unter den bisherigen Rahmenbedingungen und mit der aktuellen Jobsituation noch nicht möglich war.

WDR.de: Die Konkurrenz muss also weiter Angst vor Ihnen haben?

Ellerbrock: Das hoffe ich. Im Moment driften einige junge Spielerinnen mit sehr professionellen Rahmenbedingungen nach oben. Ich weiß, dass ich gegen diese Spielerinnen immer verlieren kann, denke aber, dass mein Weg noch nicht vorbei ist und ich da oben noch lange mitspielen kann.

Das Gespräch führte Jürgen Bröker


Stand: 05.07.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 06.07.2013, 13.07 Uhr

Kerstin Wöhle schrieb am 06.07.2013, 13.07 Uhr:
Ich kenne Sabine schon eine ganze Zeit und habe sie immer als eine bescheidene und sehr engagierte Sportlerin erlebt. Auch nach ihren großen Erfolgen ist sie eine geblieben! Meine Familie und ich unterstützen sie so gut wir können und wünschen ihr weiterhin eine tolle Karriere als Tennisspielerin aber auch als Lehrerin. Ich selbst arbeite in dieser Branche und weiß, dass die Schüler und Schülerinnen total begeistert von ihr sind. Also liebe Leute, gebt euch einen Ruck und lasst Bine noch lange spielen! Schaut euch mal ein Match an. Ihr werdet begeistert sein! Setzt euch mal in einen Rolli, dann könnt ihr teilweise nachempfinden wie sich Menschen mit Beeinträchtigung fühlen. Ihnen werden einfach zu viele Steine in den Weg gelegt!!! Fangt an diese Steine weg zu räumen! Es wird sich lohnen! Und Du Bine, mach weiter , lass Dich nicht unterkriegen! Deine Wöhlis helfen sehr sehr sehr gerne!!! In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen tollen Tennissommer !!