Erster "Wikipedian in Residence" Der Schatzgräber der Wikipedia

Von Sabine Tenta

Im Deutschen Archäologischen Institut in Berlin ist gerade ein Schatzsucher der besonderen Art tätig: Marcus Cyron will als "Wikipedian in Residence" neue Ressourcen für das Online-Lexikon freibuddeln.


Montage: Foto einer archäologischen Ausgrabung und eine Wikipedia-Weltkugel
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Wissensschatz wird geborgen

Fachwissen satt, dazu Fotos in Bildarchiven und üppige Bibliotheken – all das bietet das Deutsche Archäologische Institut (DAI). Und all das würde auch gut in das Online-Lexikon Wikipedia passen – wenn denn beide zueinander fänden. Diese Vermittlungsaufgabe soll der langjährige Wikipedia-Autor Marcus Cyron übernehmen. "Wikipedian in Residence" darf er sich seit dem 01.06.2012 nennen. Er ist der erste seiner Art in Deutschland. Den ersten Residenten weltweit gab es 2010 im British Museum in London, weitere Einrichtungen folgten, wie das Museum of Modern Art in New York oder das Picasso Museum in Barcelona. "Meine Aufgabe ist es, in beide Richtungen zu wirken und zwei Institutionen miteinander zu verknüpfen." So umreißt Marcus Cyron seine Tätigkeit zwischen dem DAI und der Wikipedia-Community. Seine Stelle ist auf ein halbes Jahr befristet und wird je zur Hälfte vom DAI und von Wikimedia, dem Trägerverein der Wikipedia, finanziert.

Die Vorbehalte der Wissenschaftler


Zwei Griechen diskutieren miteinander, im Hintergrund ist das Wikipedia-Logo
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Diskussionsfreudige Wikipedia-Gemeinde

"Wir stellen immer wieder fest, dass es Vorbehalte unter den Kollegen gibt und sie darum keine Wikipedia-Artikel schreiben", sagt Nicole Kehrer vom DAI. Denn ein Wikipedia-Artikel ist offen – für Verbesserungen ebenso wie für groben Unfug. Wer seine Artikel pflegt, kann nervende, zeitraubende Diskussionen erleben, die sich mal um formalen Kleinkram oder auch mal um das Grundsätzliche drehen. Gemessen daran wirkt ein Aufsatz in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wie in Stein gemeißelt: Der Autor wird so und nicht anders zitiert. "Es gibt durchaus eine Angst, die Deutungshoheit zu verlieren." Das beobachtet Cyron, der in Berlin Archäologie studiert hat. Besonders groß sei diese Angst bei Geisteswissenschaftlern, in deren Fachgebieten ohnehin viel gedeutet werde. Hinzu komme, dass vielen Wissenschaftlern schlicht die Zeit fehle. Zumindest die Einarbeitung in die Wikipedia-Welt will ihnen der 36-Jährige erleichtern: In Workshops erklärt Cyron den DAI-Mitarbeitern, wie man einen Artikel schreibt, mit Änderungen umgeht und wie die Wikipedia-Gemeinde so tickt. Die kennt Cyron gut, denn seit 2005 ist er selbst als Autor bei Wikipedia aktiv.

Wikipedia-Abstinenz für die Zeit der Residenz


Marcus Cyron
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Marcus Cyron

"Es ist nicht so, dass sich eine Institution einen Autor kauft, der nach ihrem Gusto schreibt", stellt Marcus Cyron klar. Um erst gar nicht in diesen Verdacht zu geraten, hat er sich für das halbe Jahr als bezahlter Wikipedianer eine strikte Abstinenz auferlegt: "Ich werde keine Artikel über das DAI schreiben, denn das wäre ganz klar ein Interessenskonflikt." Stattdessen will er "die DAI-Mitarbeiter couragieren, diese Arbeit selbst zu tun." Denn das Verfassen der Wikipedia-Artikel soll nach wie vor ehrenamtlich sein, an diesem Grundprinzip wird nicht gerüttelt. Im ersten Monat seiner Tätigkeit hat der "Wikipedian in Residence" bereits Mitarbeiter-Schulungen gegeben. "Die Leute waren sehr neugierig und interessiert", freut sich Cyron. Und er habe Reisen zu den Niederlassungen des DAI in Istanbul, Athen, Madrid und Rom geplant. Auch dort werde er Workshops geben und vor Ort nach weiteren Schätzen in Form von Bildarchiven oder Büchern recherchieren.

Wikipedia-Community ermutigen

Die Mitarbeiter des DAI Wiki-fit zu machen, ist nur die halbe Arbeit. Die andere wartet für den Vermittler in der Gemeinde der Wikipedia-Autoren. Sie sollen dazu ermuntert werden, mehr archäologische Fachartikel zu schreiben. Erfahrungsgemäß würden Schreibwettbewerbe bei den Autoren gut ankommen, so Cyron. Ein guter Aufhänger könnten die bald beginnenden Olympischen Spiele in London sein. Das DAI beteilige sich an einer Ausstellung zu den antiken Spielen in Berlin. "Ich kann mir vorstellen, dass man als ersten Preis eine exklusive Führung durch die Ausstellung mit einem Experten des DAI auslobt."

DAI ist erst der Anfang


Eingang des DAI in Berlin
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DAI in Berlin

Die Initiative zur Zusammenarbeit mit einem Wikipedianer ging vom Deutschen Archäologischen Institut aus. "Um ganz genau zu sein, ging es von Professor Reinhard Förtsch aus", erklärt Cyron. Förtsch ist Leiter der Online-Bilddatenbank "Arachne" des DAI. Er habe gemerkt, dass es sehr viele Zugriffe darauf aus Wikipedia-Artikeln heraus gebe, obwohl nur ganz wenige Artikel vorhanden seien. "Da ist also ein großes Potenzial vorhanden." Zu den Aufgaben des "Wikipedian in Residence" gehört darum in den nächsten Wochen und Monaten auch, nach technischen Möglichkeiten zu suchen, um Daten zusammenzuführen, Automatismen einzurichten und mehr Verlinkungen zu erreichen.

Das DAI ist die erste Institution in Deutschland, die in Zusammenarbeit mit Wikimedia einen Hauptamtler beschäftigt, weitere sollen folgen. Aktuell ist eine Stelle als "Wikipedian in Residence" für das Berliner Stadtmuseum ausgeschrieben. Für Marcus Cyron ist noch offen, wie es für ihn beruflich nach seiner Zeit beim DAI weitergehen wird. Kann er sich vorstellen, als Wiki-Nomade durch die Institutionen zu ziehen? "Klar, warum nicht."


Stand: 01.07.2012, 00.00 Uhr