Partnerbörsen feiern "Virtual Love Day" : Wenn die Liebe im Netz begonnen hat
"Steht dazu, dass ihr den Traumpartner im Netz gefunden habt!" Das ist das Anliegen diverser Online-Partnerbörsen zum "Tag der virtuellen Liebe" am 24. Juli 2012. Was vielen Paaren peinlich ist, nennt der Sozialpsychologe "besonders effizient".
Jana und Martin sind seit zwei Jahren zusammen, gefunden haben sie sich online. Familie und Freunde wissen das. Aber als neulich Janas Chefin fragte, woher sie denn ihren Partner kenne, wich die 28-Jährige aus: "Ich hab dann erzählt, dass ich mich auf einem Konzert in Martin verliebt habe. Und das stimmt ja auch." Zu dem Abend verabredet hatten sich die beiden allerdings im Netz, nach Wochen voller kurzer Nachrichten und längerer Telefonate. "Aber das muss ich ja niemandem auf die Nase binden", sagt Jana.
Nicht selten empfinden Paare den virtuellen Start ihrer Beziehung als Makel. Oder zumindest als etwas, wofür sie fragende Blicke ernten. Aus diesem Grund haben mehrere Online-Partnerbörsen im Jahr 2001 den "Virtual Love Day" ausgerufen. Immer am 24. Juli sollen sich Liebende stolz dazu bekennen, dass sie ihr Glück eben nicht auf der Arbeit oder einer Party gefunden haben.
"Eine besonders effiziente Form der Partnersuche"
Auch der Wuppertaler Sozialpsychologe Prof. Dr. Manfred Hassebrauck befürwortet den offenen Umgang mit Liebe aus dem Netz: "Online-Dating ist doch nichts Unanständiges oder Anrüchiges. Es ist vielmehr eine besonders effiziente Form der Partnersuche." Effizienter als Abend für Abend in der Stammkneipe den Blick schweifen zu lassen. Eine Einschätzung, die auch der Soziologe Dr. Jan Skopek von der Universität Bamberg teilt: "Kennenlernen im Netz ist inzwischen ein so weit verbreitetes Phänomen, dass es eigentlich keinen Grund gibt, es zu verschweigen."
Problematisch, sei eher, sich als suchend zu outen, sagt Hassebrauck. Singles stellten sich lieber entspannt dar, nach dem Motto: "Ich lass' es einfach auf mich zukommen". Wer darüber spricht, dass er aktiv Ausschau hält, müsse später mit der Nachfrage rechnen, ob es was Neues gibt. Noch vor 15 Jahren las er in gedruckten Kontaktanzeigen häufig Rechtfertigungen wie "sucht auf diesem Wege, mangels anderer Gelegenheit" oder "aus Zeitmangel". Das sei heute verschwunden. Die riesige Auswahl an potenziellen Partnern mache die entsprechenden Portale besonders reizvoll für Menschen mit "Jagdfieber". Diese würden unablässig die langen Listen oder Fotoreihen mit Singles durchklicken und ihr Werben weit streuen. Eine andere Strategie sieht Hassebrauck bei den Nutzern der Matching-Verfahren, die das Feld der Kandidaten eingrenzen. Er selbst hat an einem solchen System mitgearbeitet, bei dem die Partnervorschläge durch das eigene Persönlichkeitsprofil gefiltert werden. "So vermeidet man zum Scheitern verurteilte Beziehungen", erklärt der Wissenschaftler.
Das Kennenlernen im Netz hat aus Sicht des Bamberger Soziologen Skopek allerdings noch weitere Facetten: "Auch die sozialen Netzwerke und Diskussionsforen sind Orte, an denen sich Menschen begegnen und austauschen können." Zwar gehe es dabei nicht vorrangig um die Partnersuche, möglich sei das Verlieben aber auch dort.
Angst vor dem Stempel "schwer vermittelbar"
Aktuelle Studien sprechen von mehr als 50 Millionen deutschen Internetnutzern. Die Partner-Portale schätzen die Anzahl ihrer registrierten Mitglieder auf bundesweit 15 bis 20 Millionen und sprechen von mehreren Millionen dauerhafter Beziehungen, die im Netz ihren Ursprung haben. Belegen lassen sich diese Zahlen allerdings nicht.
Warum verschweigen Paare, dass ihr Kontakt über das Internet entstanden ist? Ist es die Angst vor dem Getuschel "Die hat im echten Leben wohl keinen abbekommen"? Jana sagt: "Es ist mir einfach peinlich. Auch, weil ich Leute kenne, deren Beziehung im echten Leben nicht lange gehalten hat." Liebesforscher Hassebrauck kennt diese Haltung. "Viele befürchten negative Reaktionen ihres Umfelds und wollen diese vermeiden", sagt er. "Dabei muss es gar nicht so kommen. Vielleicht hat ja das Gegenüber selbst Erfahrungen mit der Partnersuche im Internet. Das wäre dann eine neue Gemeinsamkeit."
Gelegenheit macht Liebe
Christian versteht die Geheimniskrämerei um das Kennenlernen im Internet nicht: "Liegt vielleicht daran, dass ich schwul bin." Wenn er neue Männer treffen wolle, dann finde er die fast immer bei einer Partnerbörse im Netz. "Mir ist nur ein einziges Mal ein interessanter Typ an der Supermarktkasse begegnet."
Tatsächlich gehen viele Homosexuelle selbstverständlicher mit der Suche im Netz um. Für den Soziologen Skopek liegt das auch an der sogenannten "Oppurtunitätsstruktur". "Die Wahrscheinlichkeit einen passenden Partner zu finden, ist für Schwule und Lesben im realen Leben geringer als für Heterosexuelle: Da ist das Internet eine sehr gute Option, um die Gelegenheiten, den Richtigen zu treffen, zu steigern."
Wann fängt die Beziehung an?
Dass Jana lieber die Geschichte von dem Konzert erzählt, auf dem sie ihren Freund Martin zum ersten Mal geküsst hat, wundert den Sozialpsychologen nicht. "Wahrscheinlich ist das für sie der eigentliche Startpunkt der Beziehung. Das sehen Partner übrigens oft sehr unterschiedlich. Bei dem einen ist es der erste Kuss, beim nächsten der erste Sex oder sogar schon der erste Blick." Die erste E-Mail komme als Kriterium eher selten vor.
Stand: 24.07.2012, 06.00 Uhr
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