Das Kleine-Welt-Phänomen im Test Du kennst mich um sechs Ecken

Von Insa Moog

"Wie klein die Welt ist", hat fast jeder schon einmal festgestellt. Amerikanische Forscher wollen nun prüfen, ob wirklich jeder jeden um sechs Ecken kennt. Das hatte der Psychologe Stanley Milgram 1967 behauptet.


Vernetzte Welt
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Kennt wirklich jeder jeden um sechs Ecken?

Unterwegs auf einer Rucksacktour im südamerikanischen Dschungel. Bei einem Gespräch mit einem Reisegruppenteilnehmer stellt sich heraus, dass er eine frühere Schulfreundin kennt, die man selbst seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Bis in den Dschungel muss niemand für so ein Erlebnis reisen. Aber es scheint so, als ob es im Laufe des Lebens praktisch jedem ein- oder mehrmals passiert: Zwei Fremde können über eine gemeinsame Bekannte eine Verbindung herstellen.

Kooperation für die Wissenschaft: Yahoo und Facebook

Solche Verbindungen aufzudecken ist mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken leichter geworden. Zumindest in der Theorie. Aber lassen sich über eine Kette von Facebook-Bekannten auch zwei vollkommen Fremde miteinander verbinden? Mitte August startete in den USA ein Experiment, bei dem dieser Frage nachgegangen wird. Die Unternehmen Yahoo und Facebook arbeiten dafür zusammen. Im Dienste der Wissenschaft. Neu ist die Idee selbst allerdings nicht.

Das "Kleine-Welt-Problem"


Yahoo-Wissenschaftler Sharad Goel
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Sharad Goel, Wissenschaftler bei Yahoo

Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram nannte es 1967 das "Kleine-Welt-Problem". Er beschrieb eine Kette von Menschen, von denen jeder jemanden kennt, der wieder jemanden kennt. Im Ergebnis könne so eine Verbindung von zwei beliebigen Personen X und Y erreicht werden. Aber wie viele Einzelglieder einer solchen sozialen Kette sind nötig, um zwei beliebige Menschen auf der Welt zu verbinden? Genau 5,5 - gerundet sechs. Das jedenfalls sah der Amerikaner als erwiesen an, nachdem er 300 zufällig ausgewählte Versuchspersonen darum gebeten hatte, eine festgelegte Zielperson anzuschreiben. Das Besondere: Die Menschen durften die Zielperson nicht direkt anschreiben, sondern lediglich einen Bekannten, der jene Person kennen könnte. Durchschnittlich sechs Zwischenstationen brauchte es, bis schließlich 60 Sendungen die Zielperson erreichten. Milgrams Theorie stand - und ist seitdem umstritten.

Milgram reloaded

"Es ist eine moderne Variante von Milgrams Experiment von 1967", sagt Sharad Goel, Wissenschaftler bei Yahoo zu WDR.de. Geprüft werden soll erneut, ob "jeder Mensch über nur 'sechs Zwischenstationen' jedem anderen Menschen auf der Welt eine Nachricht zusenden kann, indem diese einfach von einem Freund zum nächsten Freund weitergeleitet wird", heißt es auf der Experiment-Website, bei der sich Interessierte zur Teilnahme anmelden können. Für das Experiment will man sich die machtvolle Infrastruktur von Facebook mit seinen über 750 Millionen angemeldeten Mitgliedern zunutze machen.

Auch, "weil über ein solches Netzwerk soziale Verbindungen in nie da gewesener Weise sichtbar werden, und man damit auch die gewählten Pfade auf dem Weg zur Zielperson untereinander vergleichen und analysieren kann", erklärt Sharad Goel. Potenzielle Teilnehmer müssen daher über ein Profil bei Facebook verfügen. Sie müssen weiter die Experiment-App installieren, die es den Forschern ermöglicht, auf eine Auswahl persönlicher Profil-Daten zuzugreifen. 

40.000 bis 50.000 gestartete Ketten


Beschreibung  des Experiments "Small World"  Research auf Yahoo
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Die Beschreibung des Experiments auf Yahoo

Knapp zwei Wochen nach Start des "Small World Experiments" beobachte man 40.000 bis 50.000 gestartete Ketten, sagt er, 100.000 sollen es werden. Einige Monate soll das Experiment laufen. Die meisten Teilnehmer sind derzeit noch US-Amerikaner. In den USA sei aber auch das Medieninteresse am größten gewesen. Einige komplette Ketten von Sender zu Zielperson gebe es bereits. Durchschnittlich erreicht aber nur eine von 10.000 Ketten tatsächlich das Ziel. Die, bei denen es gelingt, seien sehr kurze effiziente Ketten gewesen, erklärt Sharad Goel: "Mal zwei bis drei, mal fünf bis sechs Zwischenstationen."

Lässt sich der Erfolg nun an der Anzahl komplettierter Ketten messen? Nein, sagt Goel. Bei jedem Schritt auf dem Weg zum Ziel bestehe eine 70- bis 80-prozentige Chance, dass die Kette unterbrochen werde - aus den verschiedensten Gründen. "Entweder die angeschriebenen User lesen die Nachricht gar nicht erst oder sie haben keine Lust teilzunehmen", sagt der Yahoo-Forscher. Umso erfreulicher, wenn es funktioniert. Nun hoffen er und seine Kollegen auf noch mehr Teilnehmer. In einigen Monaten ist dann mit ersten Ergebnissen zu rechnen.

Wie das Experiment funktioniert, was Teilnehmer beachten müssen und welche Daten die Wissenschaftler brauchen: Ein Überblick in Teil 2.


Stand: 31.08.2011, 12.10 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 04.09.2011, 13:11 Uhr

Martin Almon schrieb am 04.09.2011, 13:11 Uhr:
Zu dem Thema Begegnungen: Ich hatte in meinem Leben 2 außergewöhnliche Begegnungen. Einmal 1992 als ich mit dem Postschiff eine Reise zu Nordkap gemacht habe. In Toronto habe ich ein Museum besucht, als plötzlich eine Stimme hinter mir sagte.? Ist das nicht der Martin Almon? ? Es war eine Lehrerin meiner Schule. Die 2. Begegnung war in Vancouver. Ich habe da an einer internationalen Fachtagung für unterstützte Kommunikation teilgenommen. Da traf ich einen Student, der bei mir in meiner Klasse ein Praktikum gemacht hatte. Gruß Martin Almo
Was heißt denn kennen? schrieb am 01.09.2011, 11:33 Uhr:
Erinnert mich an eine Karikatur, die ich vor einiger Zeit irgendwo gesehen habe. Ein Typ spricht in der Kneipe eine Frau an: "Hey, ich kenne Sie doch. Aus Facebook, unter "Personen, die Du vielleicht kennst."
Arnulf schrieb am 01.09.2011, 10:00 Uhr:
Das Experiment ist bereits gescheitert. Denn welche Erkenntnis soll daraus gezogen werden? Die Auswahl der Testpersonen ist nicht zufällig. Es nehmen Personen teil, die positiv einem solchen Netzwerk gegenüber stehen und damit auch kontaktfreudiger sind, als andere. Außerdem ist es mittlerweile Mode geworden, beliebige Personen in seine Freundesliste aufzunehmen. Echte Bekanntschaften sind das nicht mehr. Allenfalls ein interessantes Experiment. Wissenschaftlich ist das nicht.
Kevin-Bacon-Oracle schrieb am 01.09.2011, 02:46 Uhr:
Ein ähnliches Experiment aus der Netzwerktheorie ist das sog. 'Oracle of Kevin Bacon'. Zum finden einfach nach 'Kevin Bacon Oracle' googeln. Weil man hier ja keinen Link einstellen darf. ;-)
Chris schrieb am 31.08.2011, 17:52 Uhr:
Das mit den sechs Ecken kann ich z.B. aus einer beliebig hergestellten bekannten Person nachvollziehen. mein Onkel ist der Vetter eines CDU Mannes, der kennt Frau Merkel, die kennt "Gott und die Welt" - das wären ja nur einfache 4 Ecken. Wer mich kennt ist bei 5 Verbindungen. Denke mal mit 6 Ecken müsste man auf jede bekannte Person kommen. Schwieriger wird es mit einer x-beliebigen Person z.B. in Sibirien und ohne eine sehr bekannte Person einzubinden.

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