Hilfe für Online-Süchtige: Zerstörerische Parallelwelten
Rollen-, Kampf- und Sexspiele im Internet - der Konsum dieser Spiele steigt seit Jahren stetig und damit auch die Zahl der abhängigen Spieler. Vor vier Wochen eröffnete in Bochum die erste nordrhein-westfälische Medien-Ambulanz für Online-Süchtige. Seither haben mehr als 100 Betroffene oder Angehörige um Hilfe gebeten.

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Sven war zehn Jahre onlinesüchtig
Zitternde Hände, kahlweiß im Gesicht und abgemagert: Sven erinnert sich an die Zeit, als er fast alles verlor. Der 37-Jährige aus Lünen war online-süchtig. Zehn Jahre lang jagte er durchs Internet - auf der Suche nach Cybersex. Erst nur ein, zwei Stunden in der Woche, dann immer öfter. Meist abends, zu Hause, unbemerkt von seiner Familie. In seiner Firma chattete er auf der Toilette heimlich mit dem Handy weiter. Die härteste Phase seines Lebens beschreibt er so: "Ich saß 45 Stunden am Stück in meinem Zimmer, allein, ohne Schlaf, ohne Essen, Trinken, Waschen. Irgendwie habe ich das damals gar nicht bemerkt, es kam alles so nebenbei."
Kalter Schweiß und Schüttelfrost
"Das war die Welt, in der ich frei war, ohne dass mich jemand verletzen konnte", sagt Sven. "Im Internet hatte ich eine eigene Welt, die nicht mehr weh tat", erklärt er. "Hier hatte ich Ruhe vor meiner Angst; hier kannte mich keiner. Ein unbeschreiblich starkes Gefühl, das ich nicht vermissen wollte. Wenn ich nicht ins Internet konnte, überfiel mich kalter Schweiß, Schüttelfrost; und ich war oft wütend. Erst wenn ich die Computermaus an der Hand spürte, überfiel mich ein wohliges, warmes Gefühl." Doch plötzlich änderte sich alles: Nach fast zehn Jahren verließ ihn seine Frau. "Da hat es "Klick" gemacht. Dieser Schmerz war für mich größer als alles, was ich erlebt hatte. Danach bin ich zusammengebrochen, menschlich, psychisch und finanziell."
Telefone stehen nicht still

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Psychiater Bert te Wild
Seit vier Wochen leitet der Psychiater Bert te Wildt die neue Medienambulanz an der "Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie" des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Bochum. Seit der Eröffnung klingeln die Telefone; die Mailbox ist voller Anfragen. Verwandte, Ehefrauen oder besorgte Eltern melden sich und suchen Hilfe: für ihre Kinder, Lebenspartner oder für sich selbst. Bert te Wildt: "Manche bekennen sich zu ihrer Sucht. Andere suchen eine Ausflucht wie: "Meine Mutter hat mich geschickt". Wieder andere spielen ihre Sucht herunter. Manche schwänzen die Schule, andere gehen nicht zur Arbeit. Als Sven verzweifelte, gab es noch kaum Hilfs-Angebote für Online-Süchtige. Er hatte Glück. Seine Mutter vermittelte ihm - über die evangelische Kirche – das "Blaue Kreuz", den Verband für Suchthilfe in Deutschland.
"Stoff-ungebundene Abhängigkeit"

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"Nicht jeder, der sich bei uns meldet, ist süchtig"
Eine Studie des Bundesgesundheitsministerium von 2011 belegt: Rund 1,5 Prozent der Befragten im Alter von 14 bis 64 Jahren gelten als online-abhängig. Sie verbringen täglich mindestens vier Stunden im Netz. "Doch nicht jeder, der sich bei uns meldet, ist süchtig", erläutert te Wildt. "Das ist nur, wer den PC nicht mehr kontrollieren kann." Sven konnte das nicht mehr. "Online-Sucht" ist eine "stoff-ungebundene" Abhängigkeit. Das bedeutet: Eine Entgiftung ist nicht notwendig, die etwa für Alkohol- oder Drogenabhängige eine Qual darstellt. Doch die psychische Dimension sei durchaus vergleichbar, meint Bert te Wildt. Experten diskutieren, wie Online-Abhängigkeit einzuordnen sei, sagt der Psychologe: als Sucht – oder lediglich als Verhaltens-Störung, die als Ventil für Aggressionen und Depressionen diene?
Helden der Scheinwelt
"Besonders gefährlich", meint te Wildt, sind Rollenspiele, wie etwa "World of Warcraft" oder "League of Lions". Diese Spiele böten eine riesige Parallelwelt mit tausenden anonymen Mitspielern. Man müsse sehr viel Zeit investieren, um erfolgreich zu sein. Überwiegend junge Männer werden hier abhängig. Ihre Leidenschaft für den Kampf sei stark ausgeprägt. Am Computer kämpfen sie nicht selbst, sondern mit Hilfe eines "Avatars", eines virtuellen Stellvertreters. Dies helfe vor allem den Jungen, die – zumal in der Pubertät - oft Schwierigkeiten mit Frauen oder im sozialen Umgang mit Erwachsenen hätten. Im Internet "sind sie wer": "Da können sie stundenlang der Held sein."
Kindern fehlt oft die "normale" Welt

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"Selbstwertgefühl der Kinder stärken"
Internet-Sucht trifft aber nicht nur Jugendliche und Erwachsene. Das weiß Andreas Richterich, Leiter der Kinder- und Jugend-Psychiatrie in Bochum. Er behandelt Kinder, die seit ihrem fünftem Lebensjahr spielen. Das Haupt-Problem: "Viele Kinder sind oft auf sich allein gestellt, alleinerziehende Mütter oder Väter maßlos überfordert." Den Kleinen fehle oft die "normale" Welt, Erlebnisse, die sie stärken, etwa Paddeln, Klettern oder Werken. Allerdings: Eltern sollten ihnen auch beibringen, wie man Regeln einhält. Sie sollten das "Draußen-Sein" fördern und damit das Selbstwertgefühl der Kinder stärken. "Doch dafür haben immer weniger Eltern Zeit. Insgesamt: Schon Kinder müssten lernen, sich selbst zu kontrollieren, was besonders in der Pubertät wichtig ist." Problematisch sei allerdings auch, dass die Altersbeschränkung für viele Web-Seiten nur unzureichend kontrolliert werde, so Richter. Manche Spiele-Hersteller entzögen sich nämlich dem deutschen Recht, indem sie ihre Server im Ausland betrieben.
Abschied vom Internet bedeutet Trauerarbeit
Sven brauchte fast drei Jahre, um in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Heute gilt er als geheilt. "Doch der Weg dahin war sehr hart", sagt er. Er musste alles nach außen kehren. Heute weiß er, dass es weh tun musste, sonst hätte die Therapie wohl nicht funktioniert. "Ich habe meine Ängste schonungslos auf den Tisch gelegt; oft wie ein Baby dabei geweint." Auch sein "Handy" habe er symbolisch beerdigt, um von ihm Abschied zu nehmen. Das brauche Zeit: "Immerhin war ich fast zehn Jahre mit ihm zusammen. Das ist Trauerarbeit. Heute bin ich aufgeräumt", lächelt er. "Ich habe alles Schlechte weggeschmissen und einen kompletten Neuanfang gestartet, mit Fußball, Familie - und Internet. Allerdings bestimme ich heute, wann ich mich an den Computer setze - und nicht mehr der Computer über mich!"
Stand: 01.11.2012, 10.32 Uhr
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Kommentare zum Thema (18)
letzter Kommentar: 04.11.2012, 07:41 Uhr
- junkman schrieb am 04.11.2012, 07:41 Uhr:
- Bis vor ca. 4 Jahren habe ich täglich große Mengen an Alkohol konsumiert. Dann legte ich mir einen PC und Internetanschluss zu. Innerhalb eines halben Jahres war ich weg von meiner Alkoholsucht und meinen Saufkumpels, das Internet hat mich so fasziniert, dass ich bis heute jeden Tag zwischen 8 und 12 Stunden im Netz mit Begeisterung surfe, WOW spiele und noch auf vielen anderen Plattformen aktiv bin. Mich hat das Internet vor dem Absturz gerettet. Und viele nette Leute habe ich im Internet kennen gelernt, was früher so nicht möglich gewesen wäre.
- Horst schrieb am 02.11.2012, 17:15 Uhr:
- Ich bin Berufsbedingt 8-10h im Netz, wenn ich mir da jetzt internetsucht bestätigen lasse kann ich dann meine BUV in Anspruch nehmen?
- pepone schrieb am 02.11.2012, 13:29 Uhr:
- Immer wenn Leute mit ihrem Leben nicht zurecht kommen müssen Lösungen gefunden werden. Diese sucht man natürlich nicht bei den Betroffenen. es ist doch viel bequemer irgendeine "Sucht" dafür verantwortlich zu machen. Gehirnklempner ist auf jeden Fall ein Beruf mit Zukunft. Zur Not können die ihre Kundschaft selbst generieren wenn die Medien mithelfen.
- Kai schrieb am 02.11.2012, 12:30 Uhr:
- Oft scheint heute vergessen zu werden, was ein "Draußen" den Kindern überhaupt noch bieten kann. Ist nicht mehr so, wie zu meiner Kindheit, wo man sorglos vor die Tür gehen konnte und "Räuber & Gendarm" mit anderen Kids auf der Straße spielen konnte. Überall "Spielen verboten" und normal-laute Kinder will schon garkeiner ertragen. Wir konnten noch auf die wilde Wiese gegenüber und einfach Fußball spielen. Fragen sie doch heute mal ein Großstadt-Kind, wo es hin soll? Und dann noch die ständigen Streichungen im Sozialbereich (Jugendstätten, Freizeitangebote). Nein, nicht der "Internetsüchtige" ist süchtig, sondern die Gesellschaft ist nicht mehr "gesellig". Was mache ich denn nur? Ich spiele für mein Leben gerne Brettspiele (Tabletopps, RPG's). Muss ich jetzt meine Würfel wegwerfen? ;)
- Wassertrinker (Ergänzung) schrieb am 02.11.2012, 10:46 Uhr:
- @ Eifelwanderer: Dann müsste es auch eine Fernseh-Sucht, eine Eifel- und eine Wander-Sucht geben. Die sogenannte "Internet-Sucht" ist doch nur Ausdruck einer oder mehrerer anderer (Sucht-)Erkrankungen.
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