Ägyptischer Netzaktivist im Interview: Den Menschen eine Stimme geben
Sie sind aus Pakistan, Jordanien oder Ägypten angereist und haben eins gemeinsam: die Überzeugung, ihren Protest über das Internet zum Erfolg bringen zu können. Eine Woche lang treffen sich die Netzaktivisten in Münster.
Im Rahmen des "Youth Forum on Digital Participation" trafen sich bis Sonntag (08.07.2012) 27 junge Erwachsene aus Europa, Afrika, dem Nahen Osten und Südasien eine Woche lang im Schillergymnasium Münster. Ziel war es, Trends, Strategien und Herausforderungen in der politischen Arbeit und im Umgang mit Sozialen Medien auszutauschen.
- Abbas Ibrahim
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Der 27-jährige Softwareentwickler Abbas Ibrahim aus Ägypten erlebte die arabische Revolution hautnah. Mit zwei anderen Netzaktivisten betreibt er eine Internetseite, auf der Nutzer Korruption und politische Missstände melden können. "zabatak.com" wurde 2011 mit dem "World Summit Youth Award" ausgezeichnet, einem renommierten Preis für junge Menschen, die sich mit digitalen Medien gegen Korruption, Gewalt und Diskriminierung einsetzen.
WDR.de: Herr Ibrahim, Sie kommen aus Kairo, einem wichtigen Zentrum der ägyptischen Revolution. Wie haben Sie persönlich diese Zeit dort erlebt?

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Protest auf dem Tahrir-Platz in Kairo
Abbas Ibrahim: Alles begann eigentlich ganz ruhig und entwickelte sich erst langsam. Einige kleine Menschengruppen protestierten regelmäßig auf dem Tahir-Platz. Das war an sich gar nicht ungewöhnlich, dort zu demonstrieren. Aber plötzlich begann die Polizei, ihre Macht mit Waffen zu demonstrieren. Sie wollte die Demonstranten vertreiben. Wegen der enormen Aggressivität, die sich natürlich rasch herumsprach, erreichte sie aber genau das Gegenteil: Immer mehr Menschen strömten zum Tahir-Platz. Ich selber ging jeden Tag einmal morgens und einmal abends dorthin, obwohl es Tote gab, von denen ich sogar einige persönlich kannte. Da sich die Regierung bewusst war, wie mächtig das Internet ist, kappten sie die Telefon- und Internetleitungen der Menschen. Der Austausch und die Mobilisierung wurden dadurch sehr behindert. Doch bei manchen zuhause funktionierte die Telefonleitung noch, so dass dann bei ihnen Fotos und Videos veröffentlicht werden konnten.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, jetzt das neue Ägypten und die neue Freiheit der Menschen miterleben zu können, und das mit dem Bewusstsein, dort selbst etwas bewegt zu haben.
WDR.de: Ihre ägyptische Webseite zabatak.com wurde 2011 mit den "World Summit Youth Award" ausgezeichnet. Was ist das Besondere an dieser Seite?
Ibrahim: zabatak.com ist eine Non-Profit-Webseite, die das Ziel verfolgt Ägypten freier von Korruption sowie zu einem sichereren Ort zu machen. Es handelt sich um eine freie Webseite, auf der jedermann politische Verbrechen oder Unrecht veröffentlichen kann, ohne dass seine Identität bekannt wird. Über eine Landkarte kann man solche aktuellen Vorkommnisse in Ägypten verfolgen. Wir haben die Seite ins Leben gerufen, damit sich Bürger äußern und auf Dinge, die ihnen wichtig sind, aufmerksam machen können.

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zabatak.com macht auf Korruption in Ägypten aufmerksam
WDR.de: Was ist die Idee hinter dem Treffen von internationalen Webaktivisten in Münster?
Ibrahim: Die Idee ist, dass wir alle die gleichen Probleme teilen und uns darüber austauschen. So dass wir uns vielleicht gegenseitig helfen können, eine gute Lösung für all diese Probleme zu finden. Die Idee, die hinter unserer Website zabatak.com steht, könnte vielelleicht auch in anderen Ländern wie Marokko oder Syrien umgesetzt werden. Sie könnte auch anderen Ländern helfen Kriminalität und Korruption vor Ort zu bekämpfen. Dieses Zusammntreffen in Münster ermöglicht es uns unsere Ideen auszutauschen.
WDR.de: Wie ist die Idee des Zusammenkommens in Münster entstanden und wie haben sich die einzelnen Teilnehmer gefunden?
Ibrahim: Letztes Jahr lernte ich bei der Entgegennahme des "World Summit Youth Award" für die Webseite "zabatak.com" in Wien Carina Schmidt kennen, die ebenfalls einen Preis für ihren Verein "The Global Experience" entgegennehmen durfte. Sie erzählte mir von der geplanten Konferenz in Münster, an der Teilnehmer verschiedener Länder die Möglichkeit erhalten sollten, sich auszutauschen. Die teilnehmenden Netzaktivisten aus Indien hat sie ebenfalls dort kennengelernt, andere wiederum hat sie über ihr Netzwerk gewonnen.
WDR.de: Das Treffen läuft schon seit ein paar Tagen, haben Sie bereits konkrete Projekte in Planung?
Ibrahim: In den letzten Tagen sind viele Ideen ausgetauscht worden. Wir nutzen das Forum zum gemeinsamen Brainstormen über Lösungen gegen politisch motivierte Korruption weltweit. Dabei sehen wir das Internet als mächtiges Instrument der Bürger und denken über neue Möglichkeiten nach, um dieses Medium optimal zu nutzen. Zum Beispiel mit einer Website, die es Bürgern ermöglicht, selbst Pressearbeit zu machen: indem sie direkt von ihrem Mobiltelefon aus nachrichtliche Inhalte veröffentlichen können. Die Idee ist, dass man beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit etwas sieht, das nicht rechtens ist und es dann auf der Seite einstellt. Die Seite bündelt alle diese Beiträge und soll unter dem Namen "Crowd-Press" international online gehen.
Eine weitere Idee, die hier entstanden ist: eine Website mit dem Titel "Read my voice". Wir wollen auf die Straße gehen und Menschen fragen, über welches Thema sie sprechen wollen, Themen wie Umwelt oder Regierung, was auch immer sie kritisieren möchten - aber auf einer globalen Ebene - Menschen aus Deutschland, aus Ägypten, Menschen aus aller Welt können sagen, was sie über bestimmte Dinge denken - in wenigen Worten. Dann könnte man zum Beispiel sagen: Lasst uns eine Woche über Wasser diskutieren. Entweder man diskutiert dann mit oder man informiert sich durch diese Website, das bliebe jedem offen.
WDR.de: Sehen Sie auch Grenzen des Mediums Internet und gibt es noch unausgeschöpfte Potenziale?
Ibrahim: Das Internet ist in Ägypten und im gesamten Nahen Osten zu einem sehr mächtigen Instrument der Kommunikation und Diskussion geworden. Sogar die Regierung hat mittlerweile begonnen, über Facebook mit den Menschen Kontakt aufzunehmen - jedes Ministerium hat dort jetzt eine eigene Facebookseite. Dennoch ist das Potenzial des Internets noch lange nicht ausgeschöpft. Treffen wie unseres in Münster beweisen, dass noch viele Länder das Internet besser für sich nutzen können. Das besondere am Internet gab es noch bei keinem Medium zuvor: Menschen haben zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit eines Rückkanals, was bedeutet, auf Inhalte auch antworten zu können oder selbst welche zu produzieren. Massen können Nachrichten für die Massen produzieren und das ist eine Revolution, ohne die der arabische Frühling gar nicht möglich gewesen wäre.
Das Interview führte Nadine Esch (aus dem Englischen übersetzt)
Stand: 15.07.2012, 06.00 Uhr
- Audio: "Menschen in Syrien fühlen sich von Weltgemeinschaft alleingelassen" [WDR 2] Kirsten Hellberg, WDR 2 am Sonntag
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 16.07.2012, 11:19 Uhr
- Doggerland schrieb am 16.07.2012, 11:19 Uhr:
- Veranstaltungen mit dieser Brisanz könnten sehr stark Paradiessüchtige anziehen , von ihren Führern mit allem ausgestattet ,das für diese Art Reise benötigt wird.
- Aufklärung schrieb am 15.07.2012, 12:22 Uhr:
- Wenn etwas im eigenen Land nicht möglich ist, können Veranstaltungen dieser Art sehr hilfreich sein. Ich hoffe, dass das Spektrum des Protestes sich nicht nur auf die politischen Seite bezieht, sondern auch alte überholte Kulturen mit all ihren Schauerlichkeiten in das 21 Jahrhundert überführt.
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