Interview mit einem Suchtexperten: Einstiegsdroge Smartphone
Suchtexperten und Politiker beraten am Dienstag (09.10.2012) in Berlin über die Risiken einer Abhängigkeit von Internet-Angeboten. Im WDR.de-Interview warnt der Bochumer Psychiater Bert Theodor te Wildt vor einer Verharmlosung des Problems und erklärt die wichtigsten Süchtigmacher.

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Smartphone als Einstiegsdroge
Der Psychiater Bert Theodor te Wildt ist Vorsitzender des Fachverbands für Medienabhängigkeit und Leiter der "Medienambulanz" an der LWL-Universitätsklinik für Psychosomatik in Bochum.
WDR.de: Herr te Wildt, seit Anfang Oktober hat Ihre "Medienambulanz" für Internetsüchtige in Bochum geöffnet. Wie viele Abhängige haben Sie schon behandelt?
Bert Theodor te Wildt: Bisher haben wir zwölf Anfragen von Betroffenen erhalten. Ich rechne aber mit einem ziemlichen Run, da es bisher kein vergleichbares Angebot in NRW gibt.
WDR.de: Die Abhängigen melden sich per Mail?
te Wildt: Es gibt Anfragen per Mail, aber auch telefonisch. Die Behandlung erfolgt aber vor Ort in unseren Räumlichkeiten in Bochum.
WDR.de: Gesundheitsschützer machen bei anderen Suchtkrankheiten klare Ansagen. Ein erwachsener Mann sollte nicht mehr als zwei kleine Bier am Tag und an zwei Tagen pro Woche gar keinen Alkohol trinken. Gibt es eine vergleichbare Empfehlung auch fürs Netz?

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Bert Theodor te Wildt, Leiter der "Medienambulanz"
te Wildt: Man muss genau schauen, wovon sind Menschen im Netz abhängig. Vor allem sind das Onlinespiele, hier sind vor allem jüngere Leute zwischen 20 und 30 betroffen. An zweiter Stelle steht der Cybersex und Pornoseiten. In dieser Gruppe sind die Süchtigen meist älter, so um die 40. Dann folgen die sozialen Netzwerke als dritter Süchtigmacher. Studien haben gezeigt, dass Männer und Frauen etwa gleich oft betroffen sind. Es sind bei Spielen und Porno überwiegend männliche Abhängige und nur bei den Netzwerken mehr Frauen, die sind aber noch selten im klinischen Sinne abhängig.
WDR.de: Was empfehlen Sie dann den Süchtigen?
te Wildt: Bei Onlinespielen und Cybersex raten wir zu einer völligen Abstinenz. Dazu ist meist eine Menge Motivationsarbeit nötig. Generell ist der Zeitfaktor, wie lange jemand vor dem Computer hängt, nicht entscheidend. Es gibt Menschen ohne Suchtneigung, die beruflich zehn Stunden und mehr vor dem PC sitzen. Zugleich gibt es Online-Zocker, die krankhaft 16 Stunden pro Tag spielen. Dann kann es sinnvoll sein, ähnlich wie beim kontrollierten Trinken auch kontrolliertes Surfen anzuraten. Das können etwa zwei Stunden pro Tag als Therapieziel sein, wenn keine völlige Abstinenz erreicht werden kann.
WDR.de: Warum werden Menschen netzsüchtig?
te Wildt: Oft sind es ohnehin netzaffine Menschen, die im Job oder im Studium Misserfolge erlebt haben. Dann wird der Internet zum einzigen Ort, an dem diese Betroffenen noch positive Erlebnisse haben. Studien haben gezeigt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung in entwickelten Ländern dann anfällig für eine Internetsucht sind.
WDR.de: In der Netzgemeinde wird die Suchtdebatte eher belustigt zur Kenntnis genommen, zumal kaum Fälle von Internettoten bekannt sind, ganz im Gegensatz zu Drogentoten.

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Auch Internetsucht ist eine Krankheit
te Wildt: Diese Sicht ist verharmlosend. Es gibt sehr wohl Tote durch Internetsucht und viele dramatische Schicksale. In Südkorea sind bereits 20 Menschen gestorben, weil sie wegen ihrer Abhängigkeit vom Netz nicht mehr ausreichend gegessen und getrunken haben. Aus Süddeutschland wurde der Fall einer netzsüchtigen Frau berichtet, die ihr Kind nicht mehr versorgte. Das Kind ist gestorben. Aber solche dramatischen Fälle sind bislang gottseidank noch selten.
WDR.de: Viele Drogen sind verboten oder nur eingeschränkt zu kaufen. Beim Internet bringen Verbote aber nichts. Was sollte die Gesellschaft tun?
te Wildt: Es hilft nur mehr Prävention und der Ausbau von Beratungsangeboten. Wir erleben eine Allgegenwart des Netzes. Smartphones sind in diesem Sinne eine Einstiegsdroge. Gerade junge Menschen müssen den verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet lernen - und lernen, über Probleme dabei zu reden.
Das Interview führte Martin Teigeler.
Stand: 09.10.2012, 16.40 Uhr
Kommentare zum Thema (4)
letzter Kommentar: 10.10.2012, 12:44 Uhr
- Mart schrieb am 10.10.2012, 12:44 Uhr:
- @Horst, ja leider, das kann ich bestätigen. Neulich mit 3 Freunden in einer Cocktailbar gesessen und genüßlich getrunken, und die 3 Freunde waren alle mit ihren Geräten zugange...... Ich fands traurig. Habs angesprochen, aber die Geräte wurden trotzdem nicht zur Seite gelegt :"ich muß aber meine Frau über Fratzenbuch sagen was ich gerade mache"........ TRAURIG!
- Horst schrieb am 10.10.2012, 08:28 Uhr:
- Ich finds schon erschreckend wie inzwischen die Leute am Tisch sitzen und lieber per Whatsapp am Chatten sind oder irgend ne scheisse Spielen anstatt sich zu unterhalten... Smartphones sind ein Segen und ein Fluch zugleich.
- lux schrieb am 10.10.2012, 08:16 Uhr:
- wer diese Problem abwiegelt, ist oft selber schon süchtig und kann auf diese Dinge nicht mehr verzichten.... Die Gefahr ist noch viel größer als in diesem Bericht dargestellt, weil viele Kinder schon internetfähige smartphones besitzen und viel Eltern gar nicht wissen was los ist, weil sie selber den ganzen Tag vor Seiten wie "Fratzenbuch" hängen...
- LOL schrieb am 09.10.2012, 23:05 Uhr:
- Wie viele 1000 sind denn weltweit schon beim Sport (ohne Rennsport) gestorben? 20 angebliche Tote in Korea? Wer hat denn zweifelsfrei per Obduktion nachgewiesen, dass es so war und wieso kann man einen Hungerstreik locker 4 Wochen und einen Durststreik mindestens 1 Woche durchhalten und beim Zocken soll das alles nach 2 bis 3 Tagen passiert sein...ist klar. Wie lange kann man eigentlich wach bleiben ohne Speed einzuwerfen? Oder waren da doch eher Drogen oder gar Vorerkrankungen die Ursache? Alles nur Spekulationen. Diese Thesen haben für mich Null-Relevanz
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