Internetsucht - Junge Mädchen gefährdet: Bestätigung macht süchtig
Ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen Deutschen ist internetsüchtig. So das Ergebnis einer aktuellen Studie. Warum besonders junge Mädchen betroffen sind und was erste Alarmsignale für eine Abhängigkeit sind, erklärt Studienautor Hans-Jürgen Rumpf.

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15.000 User wurden zu ihrer Internetnutzung befragt.
Ein Prozent der 14- bis 64-jährigen in Deutschland, das sind rund 560.000 Menschen. Sie werden nach der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie "Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA I)" der Universität Lübeck und der Universität Greifswald als internetabhängig eingestuft. Immerhin noch 4,6 Prozent dieser Altersgruppe, rund 2,5 Millionen Menschen, werden als problematische Internetnutzer angesehen. Diese weisen eine Vorform, aber noch keine völlige Abhängigkeit der Internetsucht auf. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind deutlich mehr Mädchen als Jungen internetabhängig. Immerhin 77,1 Prozent der abhängigen Mädchen gaben soziale Netzwerke als Hauptaktivität an, von den männlichen Abhängigen dieser Altersgruppe waren es 64,8 Prozent. Die abhängigen männlichen Nutzer spielen dafür weitaus häufiger Onlinespiele (33,6 zu 7,2 Prozent bei den Mädchen).
Für die Studie wurde eine Stichprobe von 15.000 Personen telefonisch zu 14 Merkmalen von Internetsucht befragt. Mithilfe eines statistischen Verfahrens wurden Gruppen gebildet, bei denen zwischen Internetabhängigen und "problematischen Internetnutzern" unterschieden wurde. Dr. Hans-Jürgen Rumpf, leitender Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Lübeck ist Mitautor der Studie.
WDR.de: Online ist gefühlt fast jeder, aber kann auch potenziell jeder internetsüchtig werden?

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Hans-Jürgen Rumpf
Hans-Jürgen Rumpf: Wir wissen, dass es bestimmte psychische Anfälligkeiten für Internetsucht gibt. Menschen, die bereits vor ihrer Sucht ängstlich waren, die Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen oder im Mittelpunkt zu stehen. Depressionen spielen eine Rolle, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom - all diese Merkmale treten auch zusammen mit Internetsucht auf. Einige Daten zeigen, dass diese Dinge schon vorher da waren und somit auch eine Empfänglichkeit bieten. Von daher sind generell bestimmte Personen besonders anfällig dafür.
WDR.de: Wann beginnt "Abhängigkeit"?
Rumpf: Die Zeit, die Nutzer im Internet verbringen ist ein erstes Indiz. In unserer Studie zeigt sich, dass die Nutzer, die wir als abhängig einstufen, durchschnittlich vier Stunden täglich im Internet verbracht haben. Wichtiger ist noch, welche Auswirkungen das hat. Häufig verlieren nämlich die Nutzer die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie im Netz verbringen. Sie können nicht mehr frei bestimmen, wie sie das halten möchten. Sie nehmen sich dann oft vor, zu bestimmten Zeiten nicht oder insgesamt seltener online zu sein, es gelingt ihnen aber nicht.
WDR.de: Was genau suchen diese Menschen online?
Rumpf: Oft ist zunächst generell schlechte Stimmung der Grund für die lange Online-Zeit. Die Menschen suchen Ablenkung oder schlicht Bestätigung im Netz. Das ist meist relativ einfach zu bekommen. In Online-Rollenspielen schlüpfen Spieler in andere Rollen und bekommen dort Anerkennung. In sozialen Netzwerken erhält man Bestätigung für das, was man dort macht. Dafür werden auch die negativen Folgen, die mit der vielen Nutzung des Netzes zusammenhängen, in Kauf genommen: geringe Leistungsfähigkeit nach einer ganzen Nacht im Netz und daraus folgende Probleme in Schule oder am Arbeitsplatz. Daran erkennt man, dass es ein süchtiges Verhalten ist.
WDR.de: 4,9 Prozent der 14- bis 16-jährigen Mädchen, aber nur 3,1 Prozent der gleichaltrigen Jungen sind internetabhängig. Wie erklären Sie sich das?

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Mehr Mädchen als Jungen sind internetsüchtig.
Rumpf: Wir denken, dass Mädchen in dem Alter sozial etwas weiter als Jungs sind. Interaktion und Kommunikation spielen eine große Rolle. Beides findet man in den sozialen Netzwerken. Für einige, längst nicht alle, kann das zu einer sehr wichtigen Sache werden, dort Bestätigung zu bekommen. Jungs machen Sport oder spielen zusammen Spiele. Nur sieben Prozent derjenigen, die Spiele als Hauptaktivität online angegeben haben, sind Mädchen. Das kann daran liegen, dass diese Netzwerke ein aktueller Trend sind. Im Augenblick ist es so, dass die Allerjüngsten die höchsten Suchtraten haben. In der nächsten Altersgruppe wird das immer weniger. Vielleicht ist diese Faszination nur für eine begrenzte Zeit vorhanden, aber das können wir derzeit noch nicht sagen, weil wir nur eine Querschnittserhebung haben.
WDR.de: Was suchen Jungs im Netz?
Rumpf: Beim Spielen geht es um Wettbewerb und das Schlüpfen in neue Rollen, manchmal auch als Avatare. Wenn Spieler dort große Erfolge haben, gibt es auch Suchtpotenzial. Diese Art von Wettbewerb ist für Mädchen in der Regel weniger spannend als für Jungs.
WDR.de: Wie könnte Präventionsarbeit für Jungs und Mädchen aussehen?
Rumpf: Die Präventionsarbeit setzt besonders bei den Eltern an, weil gerade die jungen Nutzer ab 14 Jahren betroffen sind. Weil die Eltern einen guten Kontakt zu ihren Kindern haben und sehen, wenn diese Auffälligkeiten zeigen.
WDR.de: Welche zum Beispiel?
Rumpf: Etwa, wenn Aktivitäten, die früher von Interesse waren, aufgegeben werden oder dass die Kinder lange Zeit im Netz verbringen. Dann ist es Zeit, mit den Kindern zu sprechen und klare Regelungen einzuführen: wie oft und wie viele Stunden das Kind im Internet sein darf. Diese Bestimmungen muss man dann gemeinsam aushandeln.
WDR.de: Was tun, wenn das Kind bereits süchtig ist?
Rumpf: Bei einer bereits ausgeprägten Sucht muss professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Dann ist es sinnvoll, sich an Suchtberatungsstellen zu wenden. Bei den ganz schweren Fällen von Sucht bei Online-Rollenspielen, die zu völliger Verwahrlosung geführt haben, sind aufwändigere Therapien erforderlich. Eine Ambulanz in Mainz hat sich darauf spezialisiert.
WDR.de: Wie können sich Erwachsene schützen?
Rumpf: Man muss sich selbst aufmerksam beobachten. Sobald das Internet einen extrem hohen Stellenwert im eigenen Leben einnimmt und man auch, wenn man gerade unterwegs ist, über die Online-Aktivitäten nachdenkt. Wenn man kaum noch Aktivitäten hat, die im wirklichen Leben stattfinden. Das sind Alarmsignale.
Das Gespräch führte Insa Moog.
Stand: 26.09.2011, 13.44 Uhr
- Audio: Jugendliche und Internet: Welche Regeln sind sinnvoll? [WDR 2] Jörg Petry, WDR 2 Westzeit 27.09.2011 09:05:00
- 560.000 Deutsche sind internetsüchtig [tagesschau.de]
- Schwerpunkt: Soziale Netzwerke
Kommentare zum Thema (21)
letzter Kommentar: 29.09.2011, 18:45 Uhr
- Daria schrieb am 29.09.2011, 18:45 Uhr:
- Schade, dass die Bezeichnung "süchtig" immer gleich als Schimpfwort aufgefasst wird. Wieso denn? Es ist nun mal eine Krankheit, Punkt. Wen sie nicht erwischt, und sie ist nicht berechenbar, soll sich einfach glücklich schätzen, es ist kein Verdienst! Mich wundert höchstens, dass man jetzt erst anfängt, Studien zu betreiben - ok, klar, ohne Studie kein Beleg - über etwas, was doch schon lange zu befürchten war: das www als grenzenloses Medium im positiven wie im negativen Sinne kann selbstverständlich ebenso abhängig machen wir stoffliche Dinge, einkaufen, Diäten, was weiß ich. Die Ursachen sind doch in vielen Fällen ähnlich: mangelndes Selbstbewusstsein und -wertgefühl, und da sind natürlich junge Mädchen besonders anfällig. Anstatt zu konstatieren und zu kritisieren, wäre es doch viel viel wichtiger, vorher anzusetzen und seinen Kindern zu helfen, eine stabile Persönlichkeit mit einem gesunden Ego zu entwickeln. Muss nicht reichen, aber es hilft!
- Freiheit schrieb am 28.09.2011, 04:02 Uhr:
- @X....was wollen sie hier propagieren? Die totale Zensur, weil irgendwer irgendwas nicht im Griff hat? Ich bin ein freier Mensch und kann grundsätzlich mit meiner Zeit anstellen, was ich will. Ob ich diese Zeit mit Arbeiten verbringe oder im Internet oder volltrunken vor dem Fernseher. Wenn Sie mit irgendwas im Leben Pech gehabt haben, tut es mir leid, ist aber auch nicht mein Problem und auch nicht das von Millionen anderen, die gelegentlich einen Joint rauchen oder einen 5er in den Automaten schmeißen oder auch mal am WE ein paar Stunden Counterstrike oder Poker spielen. Ich habe ein paar Jahre exzessiv COD gezockt...ohne meine Arbeit und Familie zu vernachlässigen. Seit geraumer Zeit ist es vorbei....schade eigentlich. Die Gegner in der ESL haben sich bestimmt gefreut, dass der alte, aber zu gute, Mann weg ist und ich vermisse nix. War schön. Nicht schön sind die 3 inzwischen an Burnout erkrankten (nicht-zocker-)Freunde. Was ist schädlicher? Zocken oder arbeiten?
- Aha schrieb am 28.09.2011, 03:35 Uhr:
- 1 Prozent? Von was und wer hat das ermittelt? Als ich jung war, gab es kein Internet, aber den Zwang, ständig unterwegs zu sein. In der Lehre war freitags nachmittags "frei Schuss". Manchmal war ich erst sonntags mittags wieder zu Hause. War ne geile Zeit, aber ich glaube nicht, dass die Eltern heute möchte, dass ihre Kinder so sind, wie wir in den 80-er. Als ich später mal das Online-Zocken angefangen habe, war ich persönlich nicht unglücklich. Mit ein paar Leuten zocken (natürlich Counterstrike und COD) und im Teamspeak quatschen hatte was. So hat jede Generation ihr Päckchen zu tragen. In den 80er wurde mordsmäßig gesoffen und heute mehr Zeit am PC verbracht. Beides fordert Opfer. Diese reißerische Aufschrift ist doch nur wieder ein Versuch, die restlichen 99 Prozent irgendwie zu beschränken
- Traurich schrieb am 27.09.2011, 14:59 Uhr:
- Umgekehrt wird aber auch ein Schuh draus. Wie viele Alkoholiker, die regelmäßig so zu sind, dass sie nichts mehr gebacken kriegen, reden verharmlosend immer nur von "einem Bierchen", das sie sich ab und zu mal genehmigen würden. Und das sogar vor einem Bierdeckel, auf dem kaum noch Platz für einen weiteren Strich ist. Gar nicht "lächerlig". Auf der anderen Seite - es gibt inzwischen so viele Untersuchungen über das Wesen und die Ausprägungen von Sucht(verhalten), da braucht man wohl nicht für jedes Suchtmittel eine eigene Studie durchzuführen.
- X schrieb am 27.09.2011, 14:34 Uhr:
- Wenn sie in Ihrer Firma ehrlich recherchieren würden, würden Sie Ihre Angaben ganz schnell wiederrufen müssen, jedem Online-game sind auch Gameopperatoren zugeordnet und wenn diese in einem x-belibigen Spiel einen Filter einbauen würden um Spieler anzuzeigen die mehr als 90min pro Tag damit verbringen würden sie einen Einblick darüber bekommen um wie viele Spieler es sich bei Ihnen handelt dies Summieren Sie dann auf andere Hersteller hoch und sie hätten reelle Zahlen. Falls Sie jetzt sagen, dass das aus Datenschutzrechtlichen gründen nicht geht, muß ich Lachen weil alle Hersteller solche Filter mitlaufen lassen um Spielgewohnheiten zu studieren, um noch gezielter Ihre Produkte an den Mann/ die Frau bringen zu können. Sie sollten also nicht davon Ausgehen das alle User dumm sind, ich habe die von Ihnen angegebene Seite durchgelesen und sehe die Zahlen in einem anderen Zusammenhang, auch wenn es den meißten Leuten nicht schmecken wird. Weil es schon viel zu viele betrifft.
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