Fit mit digitalen Motivationshilfen Ade Schweinehund!

Von Lena Breuer

WDR.de-Reporterin Lena Breuer will frühlingsfit werden, ist aber auch ganz gern faul. Sie hat mit Profis über Motivationshilfen gesprochen. Und sie hat den Test gemacht: Was taugen Motivationsprogramme und Fitness-Apps fürs Handy?


Matthias Sandten ist deutscher Meister im modernen Fünfkampf und extrem fit. Reiten, schießen, fechten, laufen und eben schwimmen: Sandten trainiert bis zu sieben Stunden am Tag. Ich treffe den 20-Jährigen in einem Schwimmbad in Bonn. "Schweinehund habe ich trotzdem, auch wenn ich den Sport liebe," gibt er zu, "ich trete mich nur selbst und wenn nicht ich, dann macht das mein Trainer."

Heute ist Sandten mein Trainer und scheucht mich ins Wasser. Während er gemütlich neben mir seine Bahnen zieht (und ich schon ganz schnell ins Keuchen komme) verrät er mir noch einen Motivationstrick: "Mich treibt die Konkurrenz an, wenn ich sehe, dass andere besser sind, dann will ich auch besser werden. Ich brauche Gegner."

Motivation durch sozialen Druck


Ich brauche also Trainer oder Gegner, die mich antreiben und motivieren. Im Internet werde ich fündig: alive.do, so heißt ein soziales Motivationsportal. Einer der Gründer, Kajetan Armansperg, erklärt mir das Prinzip: "Wir wollen es unseren Nutzern ermöglichen, ihre Ziele zu erreichen, indem wir erst einmal die Ziele in kleine Teilschritte aufteilen. Dann können deine Freunde auf der Plattform auf Dich wetten, ob Du Deine Teilschritte schaffst oder nicht. So wird der Weg zum Ziel zu einem Spiel." Die Plattform ist erst vor rund sechs Wochen an den Start gegangen, noch sind nur knapp über 2.000 Leute registriert. Doch die Nutzerzahlen steigen.


Ich habe schnell drei Unterstützer auf alive.do, die mich bei meinen Zielen unterstützen wollen. Lisa zum Beispiel wettet auf mich, dass ich es schaffe, gesünder zu essen. Und da ich Lisa nicht enttäuschen will, esse ich brav einen Salat zum Mittagessen. Lisa gewinnt dadurch Punkte, die momentan noch symbolisch sind. "Langfristig wollen wir auch echte Preise ausschreiben", sagt Armansperg. "Damit die Motivation noch größer wird."

Die Website bietet mir immerhin digitale Gegner und Trainer, kostenlos und immer verfügbar. Jeden Tag werde ich von alive.do an meine Ziele erinnert.

Zitate wiederholen sich

Ich bin auf den Geschmack gekommen und möchte noch mehr Motivationsprogramme testen. Drei Apps installiere ich auf meinem Smartphone. Zuerst ist das die App "Motivate me!", die mich mit motivierenden Bildern und Appellen antreiben will. Zusätzlich kann ich hier eine Weckfunktion einstellen, die mir helfen soll morgens aufzustehen. Nach zwei Tagen wiederholen sich allerdings die Zitate und den Wecker kann ich genauso ausstellen, wie jeden anderen auch.

"Das Programm hat mich fest im Griff"


Etwas konsequenter ist da die Smartphone App "Noom". Das Programm bietet eine Kombination aus Ernährungsberatung, Diät-Coach und Sportapp. "Noom" schreibt mir ein ziemlich strenges Kalorienbudget vor, erinnert mich an regelmäßige Mahlzeiten. Außerdem werden durch die Erschütterung des Smartphones meine Schritte gezählt, leider nicht besonders präzise. Wenn ich Sport mache, zeichnet es per GPS-Peilung meine Joggingroute auf. Das Programm hat mich schon nach wenigen Stunden fest im Griff, ich schaue ständig nach Kalorienverbrauch und Schrittzähler. Dadurch ist die Batterie meines Smartphones innerhalb weniger Stunden leer.

Anstrengende Geisterjagd


Mehr Spaß macht mir die App "SpecTrec". Das Programm ortet mich per GPS und zeigt mir auf meinem Smartphone digitale Geister in meiner Umgebung an, die ich jagen soll. Bin ich zu einer Stelle mit Geist hingerannt, muss ich das Smartphone kippen und sehe das digitale Gespenst durch die Kamera meines Handys. Die Geisterjagd macht Spaß und ist anstrengend, hat aber auch Nachteile. Die App verteilt die digitalen Geister wahllos im Umkreis. Meine Joggringrunde verläuft mitten durch die Kölner Innenstadt.

Motivation braucht Emotion


Nach einer Woche App-Test bin ich vor allem eins: gestresst. Und meine Motivation hält sich in Grenzen. Wieder suche ich Rat bei einem Experten. Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln, war selbst Leistungssportler. "Das Smartphone ist ein Neutrum, warum sollte mich das motivieren? Der Schweinehund ist etwas Emotionales und den bekomme ich nicht durch kognitive Motivation weg." Stattdessen rät mir Froböse: "Entspannen Sie sich, machen Sie nur soviel Sport, wie Ihnen wirklich gut tut. Dann geht der Schweinehund von alleine. Das Geheimnis heißt subjektive Unterforderung. Sie sollten immer ein bisschen weniger machen, als sie eigentlich können." Denn wer sich ständig beim Sport überfordert, der bekommt schlechte Laune und wird eben unmotiviert, so die Theorie des Sportwissenschaftlers. Sport solle ein positives Gefühl hinterlassen.

Entspannt frühlingsfit werden

Der Experte hat mir Mut gemacht. Als erstes lösche ich die Apps von meinem Smartphone. Die haben mir nicht besonders weitergeholfen. Nur "SpecTrec", die digitale Geisterjagd, bleibt. Die hat wirklich Spaß gemacht. Auch mein Profil bei alive.do lasse ich aktiv. Denn auch wenn die Freunde und die emotionale Unterstützung nur digital sind, gibt mir die Anwendung ein gutes Gefühl. Und darum geht es ja.

Nach einer Woche Test habe ich meinen Schweinehund nicht besiegt. Aber ich habe mich mit ihm angefreundet und nehme ihn das nächste Mal vielleicht einfach mit zum Joggen.

Lena Breuer ...

... hat ihrem Schweinehund den Namen Wilfried gegeben und sich ganz gut an ihn gewöhnt. Trotzdem versucht sie sich jetzt jeden Tag zum Sport zu motivieren und das klappt nach dem App-Selbsttest auch ganz gut. Jeden Morgen eine halbe Stunde locker joggen - darauf lässt sich auch Wilfried ein.


Stand: 24.03.2013, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (5)

letzter Kommentar: 25.03.2013, 23.55 Uhr

Bertram in Mainz schrieb am 25.03.2013, 23.55 Uhr:
Solche Übungshilfen müssen immer zur Mentalität der Betroffenen passen. Deshalb gibt es so viele Ratgeber, die angeblich ganz toll sind. Aber letztlich helfen sie dem Nächsten doch nicht. Für mich ist es ganz normal, dass man das Problem in Zahlen umwandelt. Aber ich will nicht die Kontrolle von außen. Auf Psychokram reagiere ich allergisch. Beim Anderen mag es genau umgekehrt sein. "Du schafft es! Du musst an dich glauben!" würde mich nur wütend machen. Ein Anderer fühlt sich vielleicht angespornt. Konkurrenz in der Gruppe als Druckmittel? Ohne mich! Allenfalls könnte man spaßeshalber die Werte vergleichen. Soll jeder sein Mittel der Wahl finden! Meine Werte kritzele ich auf Zettel, dann bilde ich Mittelwerte (größter und kleinster Wert weg). Aktuelle Übungswerte werten täglich notiert. Stabile Werte werden nur ab und zu neu gemessen, damit die Selbstkontrolle nicht unnötig Zeit frisst.
WDR.de schrieb am 25.03.2013, 11.48 Uhr:
Danke für den Hinweis! "Ade" haben wir korrigiert, das Apostroph bei "für's" ist allerdings laut Duden zulässig.
Goldwaage schrieb am 25.03.2013, 10.21 Uhr:
Ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig manche Leute, die vom Schreiben leben, ihr Handwerkszeug beherrschen. Das gilt inzwischen quer durch alle Medien. Nur fürs Protokoll: "ade" ohne accent aigu, "fürs" ohne Apostroph.
Ben schrieb am 24.03.2013, 23.01 Uhr:
Ich finde die Idee von Alive gar nicht so schlecht. Man muss ja nicht einstellen, dass andere sehen können, welche Ziele man sich setzt. Mir hilft die Seite, da sie mir regelmäßig aufzeigt, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Da ist mir die Motivation meiner Freunde eigentlich recht egal. Vielmehr empfinde ich das ganze wirklich wie oben beschrieben wie ein Spiel und ich überlege jeden Tag, wie ich möglichst viele Punkte machen kann. Wer sich da selber betrügt ist natürlich selber schuld und dem kann auch nicht geholfen werden. Die Alive ist bestimmt nicht was für alle, aber bei mir geht der Trick auf.
Bertram in Mainz schrieb am 24.03.2013, 18.54 Uhr:
Gerade die Kontrolle durch die Gruppe würde mich stören. Noch schlimmer: Vermutlich werden Gesundheitsdienste und Versicherungen in Zukunft unser Verhalten auf diese Weise analysieren. Ideen zur Dauerüberwachung von Patienten und Autofahrern gibt es ja schon. Und jetzt schon greifen Apps Unmengen an Daten ab für Werbezwecke. Eine gewisse SELBST-Kontrolle ist gar nicht verkehrt. Das macht man ja laufend mit der Badezimmerwaage. (Die soll angeblich in Zukunft auch mit dem Internet verbunden sein.) Oder man liest ab und zu den Stromzähler ab. (Der soll ja in Zukunft unser ganzes Verbrauchsverhalten an den Anbieter melden.) Ich habe Stoppuhren neben Computer und Fernseher gelegt. Da lässt sich noch viel Zeit sparen. Außerdem achte ich auf den Koffeinverbrauch. Der ist nicht schlimm, aber er sollte auch nicht mehr werden. Für viele Zwecke reicht es, die Werte für einen Testzeitraum zu erfassen mit längeren Abständen dazwischen. Fremdkontrolle? Bei mir nicht!


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