Social-Media-Experte im Interview: Die digitale Fanseele
Die deutsche Niederlage im EM-Halbfinale wird auch im Internet verarbeitet. Die deutsche Mannschaft wird heftig kritisiert, der Sieg der Italiener zähneknirschend gewürdigt. Doch es gibt auch schlimme Pöbeleien und rassistische Sprüche.
![Bildrechte: WDR, Imago [M] Bösel Mario Balotelli, facebook, twitter Logo](/themen/sport/balotelli110_v-TeaserAufmacher.jpg)
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Mario Balotelli: Der Mann des Spiels wird im Internet verunglimpft
Christoph Rieth ist Social Media-Experte von sportschau.de und hält über Twitter und Facebook den direkten Kontakt zu den Usern.
WDR.de: Nach dem Sieg der italienischen Mannschaft gab es bei Facebook und Twitter Schmähungen, Pöbeleien und teilweise auch schlimme rassistische Hetze gegen Mario Balotelli. Warum lassen sich manche Menschen im Internet so gehen?

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Sportschau.de-Redakteur Christoph Rieth
Christoph Rieth: Hier haben wir einen Spezialfall, weil es um Fußball geht. Und die Fans sprechen im Internet oft das aus, was sie auch im Stadion im Fanblock sagen würden. Die Sprache dort ist einfach etwas härter, als man das bei Kulturveranstaltungen oder auch bei anderen Sportarten kennt. Das darf natürlich keine Rechtfertigung für rassistische Sprüche sein. Deshalb werden solche Kommentare bei sportschau.de gelöscht. Aber Mario Balotelli gibt für manche eben das perfekte Feindbild ab. Er ist farbig, er provoziert gerne durch seine Posen, und er hat beide Tore gegen Deutschland geschossen. Was gestern passiert ist, ist aber nicht ungewöhnlich - auch nicht in dem Ausmaß. Bei Bundesliga-Spielen gibt es oft sogar noch mehr üble Pöbeleien. Das hat damit zu tun, dass die Rivalitäten und Feindschaften zwischen den Vereinen größer sind, als das normalerweise bei Länderspielen der Fall ist.
WDR.de: Die gleichen Leute, die Balotelli nun wegen seiner Hautfarbe beleidigen, jubeln Jérôme Boateng zu, wenn er - wie gegen Griechenland - eine Vorlage für ein deutsches Tor gibt. Wie passt das zusammen?
Rieth: Gar nicht. Dass Menschen die Hautfarbe manchmal wahrnehmen und manchmal ignorieren - je nachdem, in welcher Mannschaft der Spieler ist - ist tatsächlich ein seltsames Phänomen. Aber es ist nun mal so: Wenn einer gut spielt oder Tore schießt, stehen alle hinter ihm - egal, wo er herkommt und wie er aussieht. Andererseits werden die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund schon sehr genau beobachtet, was bestimmte Rituale angeht. So gibt es im Netz immer wieder Kritik daran, dass Spieler wie Özil oder Boateng die deutsche Hymne nicht mitsingen. Bei den deutschen Spielern ohne Migrationshintergrund wird da nicht so genau hingeschaut.
WDR.de: Gleichzeitig haben viele Leute bei Facebook gegen die rassistischen Ausfälle protestiert und die User entsprechend zurechtgewiesen.
Rieth: In solchen Situationen setzen sich in den Sozialen Netzwerken Selbstreinigungsprozesse in Gang. Das ist ein sehr positives Phänomen im Internet, finde ich. Die Menschen sind mutiger als im realen Leben und stellen sich offener gegen Beleidigungen und Angriffe. Andererseits sind auch die Sprücheklopfer mutiger und trauen sich, Dinge zu sagen, die sie auf der Straße nicht sagen würden.
WDR.de: Wenn man von den Ausfällen und Pöbeleien absieht: Wie ist die Stimmung im Netz nach dem verlorenen Halbfinale?
Rieth: Die Fans sind sehr enttäuscht, was ja kein Wunder ist. Nach solch einer tollen Vorrunde sind viele davon ausgangen, dass die deutsche Mannschaft ins Finale kommt oder sogar den Titel holt. Im Moment kann man mal wieder beobachten, wie schnell die Stimmung kippen kann. Die Kritik an der deutschen Mannschaft und ihrem Trainer ist sehr herbe. Bis gestern Abend war Jogi Löw der Trainer schlechthin, nun fordern manche sogar seinen Rücktritt. Auch Spieler wie Schweinsteiger, Podolski und Gomez werden sehr heftig kritisiert.
WDR.de: Wird denn die Leistung der Italiener anerkannt?
Rieth: Es gibt zwar einzelne Stimmen, die in Anspielung an den jüngsten italienischen Wettskandal den Schiedsrichter als gekauft darstellen - vor allem aufgrund der letzten Szene, wo er mitten im deutschen Angriff abgepfiffen hat. Aber im Großen und Ganzen sind sich die meisten einig: Die Italiener waren abgeklärter und cleverer, das Ergebnis geht so in Ordnung.
Das Interview führte Ingo Neumayer
Stand: 29.06.2012, 11.50 Uhr
Kommentare zum Thema (34)
letzter Kommentar: 30.06.2012, 20:09 Uhr
- günna schrieb am 30.06.2012, 20:09 Uhr:
- Nun gehen die Probleme doch erst los. Wie will Herr Heynckes seine Vizetruppe für die neue Saison motivieren. Schweinsteiger scheint nicht unerheblich verletzt und an den anderen nagen die Misserfolge der letzen Saison. Diese Unzufreidenheit werden die Bayern mit in die Saison nehmen. Die Spieler vom BVB und vom S04 sowie Herr Reus, müssen nicht traurig sein. Auf ihre Qualitäten hat Jogi Löw nicht gezählt und so kommen sie ohne Blessuren zu ihrem Verein zurück, die Prämie im Sack. Wenn Deutschland mal gegen Liechtenstein oder Andorra spielt, können sie alle in den letzten 10 Minuten auf einen Einsatz hoffen, sofern das Team 5:0 vorne liegt. Julian Draxler und Mario Götze spielen einfach bei den falschen Vereinen, wären sie bei Bayern, hätte Uli H. schon Stimmung für sie gemacht, der ärgert sich doch heute noch, dass Reus zum BVB geht. Es wird gemunkelt, dass er die Aufstellung gegen Italien dem Jogi per Fax zugesandt hat :-). Namen außerhalb des FCB, fielen ihm keine ein.
- Volkmann schrieb am 30.06.2012, 15:08 Uhr:
- Die Deutschen haben doch keinen (Fußball-)Krieg in Europa verloren - oder etwa doch? Kommt eine solche Niederlage einem verlorenen Krieg gleich? Mir kommt das Geheule so vor.
- Anonym schrieb am 30.06.2012, 12:07 Uhr:
- Merken die Verantwortlichen des Fussballs nicht, dass die konditionell hochgezüchteten Gladiatoren der Bälle erst nach 60 Minuten Bewegung richtig warm werden? Also sollte meiner Meinung nach eine Halbzeit 90 Min lang sein. Im meine dazu, dass jene Spieler, an denen herumgemäkelt wird, ihr Potential dann abrufen würden. Vielleicht bin ich aber nur zu sehr darauf aus, länger wichtigen Fußballsport zu schauen. Das kann sein. Ich bekomme keine 2 T Euro im Monat für meine Leistungen, geschweige Millionen - nicht einmal wenn ich mir für mein Chefchen jeden Tag den Hintern aufreiße.
- Filmfreund schrieb am 30.06.2012, 11:37 Uhr:
- Man könnte vieles über diesen Mann berichten denn so wie der sich auf dem Spielfeld gezeigt hat, läßt doch einiges auf seinen Charakter schließen. Mehr will ich mal nicht sagen.
- wylly schrieb am 30.06.2012, 11:10 Uhr:
- Genau in solchen Spielen sieht man doch den Unterschied in Sachen Moral und Einstellung. Alleine schon wie ein Buffon "Italia" gesungen hat. Es ist ein Trauerspiel, wenn man vor so einem Spiel auf der einen Seite eine richtige Nationalmannschaft sieht und auf der anderen unsere glattgeschliffene Political-Correctness-Multikulti-Söldnertruppe. Gerade bei solchen Turnieren entscheidet nicht nur die fußballerische Klasse sondern auch der Zusammenhalt und das bewusste Kämpfen für das eigene Land. Bei Länderspielen sind die Straßen leer - das ganze Land steht hinter dieser Elf. Aber diese Elf steht nicht hinter diesem Land. Habe fertig!
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