"Digitale Demenz": Verblödung durch Handy, Navi und Computer?
Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computer, Smartphone und Navigationssystem erledigt. Davon werden wir dicker, dümmer und aggressiver - meint zumindest Hirnforscher Manfred Spitzer. Bildungsexperten widersprechen ihm.

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Sind Computer "Lernverhinderungsmaschinen"?
"Computer fördern nicht die Bildung der jungen Menschen, sondern verhindern sie eher oder haben bestenfalls gar keinen Effekt." So lautet eine der Thesen, die der Neurowissenschaftler und Bildungsforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer in seinem neuen Buch "Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" aufstellt. Die Thesen von Spitzer sind in der Fachwelt aber seit vielen Jahren äußerst umstritten.
"Digitale Medien verringern die Arbeitstiefe"
In seinem Buch bezeichnet Spitzer Computer als "Lernverhinderungsmaschinen". Gerade weil der Computer den Schülern geistige Arbeit abnimmt, muss er zwangsläufig einen negativen Effekt auf das Lernen haben, so Spitzers Argumentation.
Thomas Welsch, Bildungsreferent der SK Stiftung Jugend und Medien, unterstützt Jugendliche aus der Köln-Bonner Region dabei, die Welt der Medien besser zu verstehen. Spitzers Thesen hält er für populistisch, die Herangehensweise zu undifferenziert. "In neurobiologischer Hinsicht ist Herr Spitzer natürlich der Experte. Aber ich glaube, dass er sehr kurz tritt, wenn er solche Thesen aufstellt und behauptet, jegliche Computernutzung führe zur Minderbenutzung des Hirns und dadurch zur Verdummung."
Bildungsreferent Welsch hat andere Erfahrungen gemacht: "Es gibt zwei Arten von Mediennutzung: Die einseitige und die anregende. Letztgenannte regt die Kreativität an, fordert zum Mitdenken auf und macht aufnahmefähiger. Der Computer habe nun mal bei den meisten Kindern einen Lebensweltbezug. "Wenn man die Geräte nutzt, die ihnen so entgegenkommen, sind sie sofort bei der Sache. In unseren Medien-Workshops qualmen die Köpfe der Teilnehmer, sie werden beansprucht und beanspruchen sich selbst", erzählt er.

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Bildungsreferent Thomas Welsch
Die Teilnehmer sind Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren. Sie können zwischen verschiedenen Kursen wählen. Im Angebot sind Robotic, Webdesign, Programmieren, Audio-, Foto- oder Videobearbeitung. Seine Gruppe hat gerade einen Film mit Figuren aus einem beliebten Computerspiel gedreht. "Das ist eine andere Art von Medienprojekt: Wir überlegen uns eine Geschichte, wir basteln an den Kulissen, animieren den Film per Legetrick. Natürlich wird das Ergebnis am Computer final bearbeitet, aber 80 Prozent der Zeit machen sich alle Beteiligten kreative Gedanken." In der Pause geht's raus: frische Luft schnappen und entspannen. Oder – je nach Wetter – wird mit den Navigationsgeräten Geocaching betrieben, eine moderne Art von Schnitzeljagd.
"Medienkompetenz bringt nichts"
"Es gibt nämlich keinerlei Hinweise darauf, dass eine Playstation zu mehr Medienkompetenz führt, nicht einmal darauf, dass Medienkompetenz überhaupt zu irgendetwas gut ist." Zu dieser These Spitzers hat WDR.de Marco Fileccia um eine Einschätzung gebeten. Der Oberstudienrat ist am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen und im Projekt "Schule der Zukunft" der Schul- und Umweltministerien NRW tätig. Zu Spitzers Thesen findet er keinen Zugang. "Das ist ein altes Medienbild, das hier vermittelt wird. Herr Spitzer stellt Medien als etwas Schlimmes und Schlechtes dar. Das hat etwas Bewahrpädagogisches und mutet altbacken an, so als ob man die Kinder und Jugendlichen davor beschützen muss."

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Marco Fileccia engagiert sich im Bereich Medienkompetenz
Dabei sei das Gegenteil der Fall, die Entkopplung von Lern- und Lebenswelten sieht Fileccia problematisch. "Wir haben heute eine tiefe Durchdringung von Medien, wir alle werden tagtäglich damit konfrontiert. Ein Leben ohne PC oder Handy ist in Schule, Uni und Beruf nicht mehr denkbar. Wer Computer nicht nutzt, verschließt sich der Realität." Der Zugang zu Informationen und auch zum Lernen sei heute ein anderer als früher. "Das, was wir Faktenwissen nennen, ist heute einfach nicht mehr so wichtig, weil man das überall nachlesen kann. Wichtig dagegen ist das sogenannte Orientierungswissen." Genau hierin sieht der Pädagoge seine Aufgabe: die Schüler fit zu machen im Umgang mit digitalen Medien. "Sie sollen reflektiert damit umgehen, Informationen kritisch hinterfragen und wissen, welche Informationen wo zu finden sind."
"Computer sind keine Lernwerkzeuge"
"Computer verarbeiten Informationen, lernende Menschen auch. Daraus wird fälschlicherweise abgeleitet, dass Computer ideale Lernwerkzeuge sind." Diese These Spitzers würde Bernhard Wilmes nicht unterschreiben. Der diplomierte Sozialarbeiter hat einen Master of Arts im Bereich "Educational Media" und betreut im Medienzentrum der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln das E-Learning-Portal. Als die Plattform eingeführt wurde, konnte Wilmes nicht einschätzen, wie das Angebot ankommt. "Heute weiß ich, dass das System von allen Beteiligten sehr geschätzt wird. Mittlerweile bilden wir 100 Prozent unserer Veranstaltungen online ab – und das fordern die Studenten auch ein."

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E-Learning-Experte Bernhard Wilmes
Eine Einbahnstraße sei das aber nicht, sagt Wilmes. "Das Portal dient als Kommunikationszentrale für regen Austausch. Die Studenten laden nicht nur Informationen herunter, sondern stellen auch selbst Material zur Verfügung, veröffentlichen Blogs, diskutieren in Foren oder lösen gemeinsam Gruppenaufgaben." Klarer Vorteil sei, dass das Lernen unabhängig von Zeit und Ort stattfinden könne. Gerade für Studenten, die berufstätig sind oder Familie haben, sei so ein Angebot ideal. "Das ist eine andere Art zu lernen und auch zu lehren als früher", sagt Wilmes. Wichtig sei, das E-Learning zu begleiten, Rückbindung und Betreuung zu bieten. "Wenn das gegeben ist, dann funktioniert E-Learning."
"Die Mischung macht's", da sind sich die drei befragten Experten einig. Als Anekdote am Rande sei erwähnt, dass das medienkritische Buch von Manfred Spitzer auch als eBook verfügbar ist.
Stand: 06.08.2012, 06.00 Uhr
- Digitale Demenz [WDR 5]
- Themenschwerpunkt: Wie viel Bildschirm verkraften unsere Kinder? [Quarks & Co]
- Die virtuellen Welten der Jugendlichen: Forschungsprojekt am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft [Deutschlandfunk ]
- Fett, aggressiv und blöd [Mediathek]
- Geist & Gehirn: Digitale Demenz [BR]
- Wir klicken uns dumm [dradio.de]
- Medienkompetenz Portal NRW
Kommentare zum Thema (94)
letzter Kommentar: 08.08.2012, 16:14 Uhr
- El Magnifico schrieb am 08.08.2012, 16:14 Uhr:
- Habe mir gerade auch einige Interviews mit Prof. Dr. Dr. Spitzer angesehen. Ich denke, die demonstrative Technologie-Enthaltsamkeit, die er seinen Abkömmlingen predigt, werden sich die Anderen beruflich schon nicht leisten können. Einen Mitarbeiter, der Computer und Netz ablehnt, wird in Zukunft niemand mehr benötigen. Die an den veralteten Anforderungen von Handwerk und Industrie orientierte Schule, bereitet immer weniger auf das Leben und schon gar nicht auf die heutige Arbeitswelt vor. Spitzer verfällt hier in Panikmache und dem typisch deutschem Gefahrendenken. Wer sich für die Chancen der neuen Technologien begeistern kann, der sollte sich besser mit den realitätsnäheren Thesen von Prof. Dr. Gunter Dueck beschäftigen.
- Müde :-) heute freundlich schrieb am 08.08.2012, 15:11 Uhr:
- Wer ist denn Spitzer? Wenn ich das schon lese: Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben. - Tut mir leid, aber das hier liest sich wie eine Provinzposse. Was habt ihr denn früher mit dem Kopf gemacht, was heute nicht mehr mit dem Kopf gemacht wird? Ich kenne das Früher besser, als die meisten von euch. Ich kenne die alten Techniken und sah zerbombte Produktionsstätten, sprich alte zerstörte Fabriken, erlebte Montagen und Abtransporte, ich kenne die Verhaltensweisen der Menschen, deren Freizeitbeschäftigungen und Nachbarschaftsbeziehungen. Ich erlebte die Entwicklung der Kinder mehrerer Generationen als aufmerksamer und mitdenkender Beobachter. Der tägliche Zugewinn an Bildung und Erfahrung der Kinder und Jugendlichen war ein denkbar geringer. Diesbezügliche Unterforderung war deutlich spürbar. Was also früher mit den Köpfen gemacht wurde, war Unterforderung selbst mittelmäßig begabter Kinder. Wer Sehnsucht nach anderen, nach vergangenen Zeiten hat, hat vermutlich selbst ein Problem.
- Neue Art der Gattung.... schrieb am 08.08.2012, 12:36 Uhr:
- sapere(Lat.)= schmecken, verstehen, verständig sein ,wurde dem Homo der Neuzeit mit einem sapiens unterstellt, als er den Neandertaler verdrängte. Sollte es dem heutigen Homo sapiens nicht schmecken, so klug zu sein den Computer als Werkzeug zu benutzen, dann wird er auch nicht verstehen, vom Homo google verdrängt zu werden. So aber ist all sein "sapiens" nicht mehr wert als damaliges"neanderthaliensis" des Homos, der sich parallel zum "Sapiens"in Afrika aus der mutigen und aufrechten Art des Homo erectus in Europa entwickelte. Auf dem Kontinent "Internet" entwickelte sich jedenfalls vehement Homo google und der vermehrt sich wesentlich schneller als Homo sapiens?
- Klaus Lohmann schrieb am 07.08.2012, 19:40 Uhr:
- @El Magnifico: Ich habe in den vergangenen 25 Jahren nicht nur solche Podcasts, sondern auch ganz andere interaktive Projekte im und mit dem Netz umgesetzt, von e-learning über Live-Event-Streaming und globale Konferenzen war alles dabei. Verwechseln Sie meine Kritik bitte nicht mit Unwissenheit über das Medium Internet, da würden Sie ganz heftig reinfallen. Sie könnten mich z.B. eher fragen, wer einer der Köpfe hinter dotcomtod war...
- El Magnifico schrieb am 07.08.2012, 17:45 Uhr:
- @Klaus Lohmann Jetzt mal unter uns, haben Sie überhaupt schon einmal an einem solchen Podcast aktiv teilgenommen? Z.B. während einer Live-Aufzeichnung im Chat? Sagen Ihnen Namen wie Holger Klein und Tim Pritlove irgendetwas? Haben Sie sich schon einmal mit den Thesen Gunter Duecks auseinandergesetzt, insbesondere zu Zukunft von Bildung und Arbeit?
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