Computer-Sexsucht ist wenig erforscht Aus Zufall zur Sucht

Sex auf Internetportalen ist einfach, billig und ständig verfügbar. Gerade deswegen hat die Kombination von Lust und Web Suchtpotential. Bei einer am Samstag (22.10.2011) beginnenden Veranstaltung an der Ruhr-Universität Bochum steht das Tabu-Thema auf dem Programm.


Hände am Laptop
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Stundenlanges Surfen in Sex-Chats oder der Suche nach Pornos kann einen hohen Leidensdruck erzeugen.

An dem Jahreskongress Psychotherapie in Bochum nimmt auch Professor Dr. Rudolf Stark teil. Stark hat eine Professur für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften an der Universität Gießen. Außerdem leitet er dort die verhaltenstherapeutische Ambulanz, wo Patienten mit psychischen Problemen behandelt werden. Die Verhaltenstherapie zielt darauf ab, alte schädigende Verhaltensweisen durch neue gesunde zu ersetzen. Ein Forschungsschwerpunkt von Stark und seinen Kollegen ist problematisches sexuelles Verhalten. Die so genannten Systemneurowissenschaften versuchen unter anderem mit Hilfe der Kernspintomographie die neurobiologische Basis psychologischer Prozesse besser zu verstehen - zum Beispiel wie das Gehirn bei Emotionen reagiert.

WDR.de: Herr Stark, hat zu Ihnen schon einmal ein Patient gesagt "Ich bin Computer-sexsüchtig"?


Porträt Rudolf Stark
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Rudolf Stark

Rudolf Stark: Sehr selten. Meistens ist es so, dass die Betroffenen zunächst wegen anderer Probleme in die Therapie kommen. Etwa wegen Depressionen. Erst im Laufe der Therapie-Gespräche stellt sich dann heraus, dass es da eine Sexsucht gibt, die übers Internet ausgelebt wird. Sex am Computer ist gesellschaftlich verpönt. Darüber zu reden, ist schwer.

WDR.de: Gibt es Zahlen über Betroffene?

Stark: Bisher existieren kaum aussagefähige Daten, weil das Phänomen noch wenig beforscht wurde und unklar ist, was man genau unter Sexsucht zu verstehen hat. Schätzungen zufolge sind in Deutschland 500.000 Menschen sexsüchtig. Ein großer Teil davon befriedigt seine Sucht mit Hilfe des Computers. Davon wiederum sind rund 80 Prozent Männer.

WDR.de: Was verstehen Sie unter Computer-Sexsucht?

Stark: Bei den meisten ist es der exzessive Konsum von Porno-Material. Weitere Facetten sind etwa der Austausch von Fantasien in einschlägigen Chats und die Verabredung übers Internet zum realen Sex. Letzteres machen eher Frauen, für die offenbar der reale Partner eine größere Rolle spielt.

WDR.de: Wie merkt jemand, dass er auf dem Weg ist abhängig zu werden oder es bereits ist?

Stark: Es gibt zum Beispiel Männer, die täglich zehn bis 15 Stunden im Internet surfen, um das neueste pornographische Material mitzubekommen. Da ist ein normales berufliches und privates Leben kaum möglich. Wenn sie es während der Arbeitszeit tun, riskieren sie sogar eine fristlose Kündigung. Sie wissen es, nehmen es aber trotzdem in Kauf. Der Mechanismus ist wie bei Alkohol-,  Kauf- oder Spielsucht: Die Betroffenen versuchen ihr sexuelles Verhalten zu kontrollieren, schaffen es aber nicht und leiden darunter, weil sie ihr Leben nicht in den Griff bekommen. 

WDR.de: Gibt es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die jemanden für diese Form der Sucht anfällig machen?

Stark: Die Befundlage zu Persönlichkeitsmerkmalen ist sehr widersprüchlich. Wir gehen - wie bei allen anderen Süchten -  von einer starken neurobiologischen Komponente aus: Erotische Stimulanzien stellen für das Gehirn einen starken Belohnungsreiz dar. Wenn man zum Beispiel immer wieder Pornofilme konsumiert, dann giert das Gehirn genau danach. Und wer häufig vor dem Computer onaniert hat, wird automatisch durch den Anblick des Computers in einen Zustand versetzt, der zu einem starken Drang führt, sich selbst zu stimulieren. Es entsteht also eine Suchtspirale: Je häufiger man sich diesen Reizen aussetzt, umso wahrscheinlicher wird es, dass man wieder in die virtuelle Sexwelt gezogen wird.

WDR.de: Sie beschreiben einen schleichenden Prozess. Wie kann dieser konkret in Gang kommen?


Mann am Computer betrachtet Sex im Internet
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Problematisch: Sexfilme schauen, um Stress abzubauen.

Stark: Über die breite Verfügbarkeit des Internets kommen schon Kinder und Jugendliche leicht an Pornos heran. Das kann aus Zufall passieren. Statt  Hausaufgaben zu machen, guckt sich der Schüler eine Sexseite an. Da Sexseiten in der Regel spannender sind als Hausaufgaben und eine willkommene Ablenkung von Alltagsproblemen sein können, kann daraus eine Gewohnheit werden. Am Ende kann diese Form der Ablenkung zur Sucht werden. Oder nehmen wir Männer, die sich im Beruf stark gefordert fühlen: Sie schauen Sexfilme, um Stress abzubauen –  irgendwann brauchen sie den starken Reiz, um alles um sich herum vergessen zu können.

WDR.de: Wie therapieren Sie solche Patienten?

Stark: Zuerst versuchen wir meist in Langzeittherapien von 50 Sitzungen herauszufinden, welche Funktion dieses Verhalten für den Patienten hat. Wenn etwa jemand schlechte Stimmungen durch Internet-Sex vertreiben will, dann suchen wir danach, was genau im Alltag die schlechte Stimmung auslöst. Häufig haben die Patienten im sozialen Leben Schwierigkeiten. Dann müssen sie etwa lernen, besser mit anderen in Kontakt zu kommen. Hier kommen zum Beispiel Therapieprogramme zum Einsatz, die die soziale Kompetenz erhöhen und die soziale Angst abbauen.

WDR.de: Die Gefahr rückfällig zu werden, ist sicherlich groß, wo man eigentlich überall ins Netz kann.

Stark: Deshalb ist ein wesentlicher Bestandteil der Therapie, das erlernte problematische sexsüchtige Verhalten eine Zeitlang zu unterbinden. Also etwa den Internet-Zugang zu Hause für Monate zu kappen. Wenn sie einen Computer-Sexsüchtigen zu Hause allein mit Internetzugang lassen, ist das vergleichbar mit einem Alkoholiker, der in einer Kneipe hinter einen Zapfhahn gesetzt wird und dem man sagt 'Du darfst aber nichts trinken'.

WDR.de: Und wenn jemand im Büro am PC arbeiten muss?

Stark: Der kann zum Beispiel die Bürotür auflassen, damit die Hürde höher wird, sich einen Film herunter zu laden. Die Möglichkeit, dass ein Kollege plötzlich in der Tür steht, wirkt da kontrollierend.

WDR.de: Darf jemand, der pornografisches Material exzessiv genutzt hat, sich überhaupt jemals wieder solche Filme oder Bilder anschauen? Der Konsum wird ja in gewissem Maße als normal angesehen.

Stark: Wir gehen davon aus, dass jemand, der von Pornos im Internet abhängig geworden ist, es sehr schwer hat, wieder einen nichtsüchtigen Umgang mit diesem Material zu bekommen. Dies liegt daran, dass die im Gehirn eingravierten Automatismen durch den erneuten Konsum von Pornos sehr leicht wieder in Gang kommen können. Deshalb scheint eine totale Abstinenz sinnvoll – genau wie bei Alkohol und Nikotin. Gesichertes Wissen darüber gibt es aber bisher nicht.

Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.


Stand: 22.10.2011, 10.05 Uhr