Entwicklung des Urheberrechts "Schneller auf Wünsche der Nutzer reagieren"

Neue Geschäftsmodelle, Technik oder Gesetze? Wie Musik, Filme oder andere Medien im Netz künftig verwertet werden sollen, ist sehr umstritten. Experte Till Kreutzer prognostiziert, dass es eine Lösung geben werde - aber erst in einigen Jahren.


Urheberrecht im Internet
Bild 1 vergrößern +

Wie wird das Urheberrecht der Zukunft aussehen?

Dr. Till Kreutzer, Jahrgang 1971, lehrt an verschiedenen Institutionen Urheber-, Marken-, Datenschutz- und Persönlichkeitsrecht. Er ist Partner von iRightsLab Partnerschaftsgesellschaft, dem unabhängigen Think Tank zu Fragen der digitalen Welt. Kreutzer ist auch Mitglied des Forschungsbereichs Medien- und Telekommunikationsrecht am Hans-Bredow-Institut an der Uni Hamburg und des "Instituts für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software". Auf der Republica12 (02. bis 04.05.2012 in Berlin) referierte er zu den Themen "Urheberrecht 2037" und Open-Content-Lizenzen.

WDR.de: Auf der Republica haben Sie Ihre Vorstellung davon präsentiert, wie sich Kunst, Kultur, Märkte und Urheberrecht bis 2037 entwickeln werden. Was erwarten Sie für die Zukunft?

Till Kreutzer: Ich bin da sehr optimistisch. Die Kulturpessimisten sagen, wenn man keine Schallplatten oder CDs mehr verkaufen kann, wird demnächst keine Musik mehr produziert. Das ist Unsinn.

WDR.de: Warum der weite Zeitsprung von 25 Jahren?

Kreutzer: Ich habe diesen Zeitraum gewählt, weil bis dahin alle vernünftig geworden sein werden. Das gilt für die Anbieter von Inhalten, für die Kreativ-Schaffenden, aber auch für den Gesetzgeber.

WDR.de: Gerade wird die Debatte um eine mögliche Reform des Urheberrechts sehr hitzig geführt. Was muss passieren, damit alle Beteiligten "vernünftig" werden?


Dr. Till Kreutzer
Bild 2 vergrößern +

Till Kreutzer

Kreutzer: Man muss sich mit der aktuellen Situation anfreunden und sie analysieren. In was für Märkten operieren wir? Wie denken die Leute, denen wir Sachen verkaufen wollen? Wie formulieren wir Regelungen, die den vielen Facetten gerecht werden? Bis 2037 wird man so weit sein. Wenn man nämlich gemerkt hat, dass nichts mehr geht, muss man es anders machen.

WDR.de: Soweit ist man noch nicht. Sind die unterschiedlichen Standpunkte einfach schwer vermittelbar oder sind eher Missverständnisse der Grund für die verfahrene Debatte?

Kreutzer: Beides. Das Hauptmissverständnis liegt in der Behauptung, dass es Leute gebe, die das Urheberrecht abschaffen wollen oder freien Zugang zu allen kreativen Werken fordern, ohne dass jemand daran verdient. Das ist einfach Quatsch. Es gibt einen grundsätzlichen Konsens darüber, dass es auch in Zukunft Möglichkeiten geben muss, wie kreative Leistungen honoriert werden. Ich glaube auch, dass es einen weitgehenden Konsens gibt, dass Verwerter, Verlage oder Plattenlabels keineswegs generell abgeschafft gehören. Der Unterschied in den Auffassungen liegt bei näherem Hinsehen darin, wie man dahin kommt. Da schwimmen alle.

WDR.de: Warum?

Kreutzer: Weil es extrem komplexe Prozesse sind, liegt es in der Natur der Sache, dass keiner so genau weiß, was er da eigentlich machen will. Lösen kann man das Problem nicht per Mediendiskurs, sondern mit einer wissenschaftlichen Analyse.

WDR.de: Wo müsste denn Forschung ansetzen?

Kreutzer: Bei den Wünschen der Nutzer. Beispiel Musik: Ende der 90er Jahre kamen die ersten Tauschbörsen auf. Die Musikindustrie hat mit Klagen dafür gesorgt, dass sie verschwinden. Das hat dazu geführt, dass aus zentralen Tauschbörsen mit einem Betreiber dezentrale Tauschbörsen mit Millionen Nutzern wurden. Dann hat es fünf Jahre gedauert, bis Apple dafür gesorgt hat, dass man online komfortabel und zu günstigen Preisen Musik kaufen konnte. Das ist zu lang. Denn wenn die Leute über einen längeren Zeitraum illegale Angebote nutzen, gewöhnen sie sich das ungern ab.

WDR.de: Was halten Sie von Konzepten, bei denen der User selbst bestimmt, wie viel er für kulturelle Werke zahlt?

Kreutzer: Solche Konzepte können gut neben Downloads, Streams oder anderen Angeboten bestehen, bei denen man festgesetzte Preise bezahlt. Ich glaube aber nicht daran, dass Crowdsourcing-Services wie Flattr dafür sorgen werden, dass Journalisten zukünftig angemessen vergütet werden. Ein Auskommen allein auf freiwilliger Basis kann es nicht geben.

WDR.de: Weil die Nutzer zu geizig sind?

Kreutzer: Die Menschen sind zu unterschiedlich. Manche wollen einfach Vorgaben, was sie bezahlen sollen und damit basta. Sie sind generell bereit, für guten Service zu zahlen. Bei Youtube könnten sie sonst auch jeden Song kostenlos runterladen.

WDR.de: Was zeichnet guten Service aus?

Kreutzer: Einfache Zahlungsmethoden und eine unkomplizierte Anmeldung. Anbieter dürfen aber nicht versuchen, dem Kunden Sonderforderungen unterzuschieben; wie im Musikbereich den Kopierschutz über DRM.

WDR.de: Werden 2037 technisch ausgefeilten Service-Angeboten nicht auch ausgefeilte Kontroll- und Überwachungsmechanismen gegenüberstehen?

Kreutzer: Komplett unrealistisch. Das Netz wurde so konstruiert, dass es nicht kontrolliert werden kann, weil Daten und Informationen dezentral vorgehalten werden. Sie können nicht einfach verschwinden. Die Chinesen sehen gerade, dass Zensur nur teilweise funktioniert. Selbst wenn ACTA – Sopa oder Pipa in den USA – kämen, würde es nicht gelingen. Wir wollen auch im realen Leben nicht in einem überwachten Staat leben. Wenn man sich einer solchen Kontrollinfrastruktur auch nur annähern wollte, dann müsste man die Freiheitsprinzipien der westlichen Demokratien über Bord werfen. Wer will das schon?

Das Interview führte Insa Moog.

Stichworte

DRM - Digital Rights Management

Abkürzung für Digital Rights Management. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem die Verbreitung und Nutzung digitaler Erzeugnisse  kontrolliert werden kann. Der Nutzer kann bestimmte Lizenzen oder Berechtigungen kaufen, die es ihm ermöglichen, die Daten an einem oder mehreren Rechnern zu nutzen. In der Musik scheiterte dieses Modell. Als dann unabhängige Labels ohne DRM große Erfolge erzielten und Online-Portale wie iTunes Musik ohne DRM anboten, zogen auch die Major-Label nach und verzichteten auf DRM.


Stand: 10.05.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (5)

letzter Kommentar: 11.05.2012, 10.02 Uhr

Werner schrieb am 11.05.2012, 10.02 Uhr:
Einige Nachrichtenagenturen missbrauchen derzeit das Urheberrecht um Internetblogs wie "NachDenkSeiten" abzumahnen, siehe Beitrag bei "Zapp". So wird Meinungsfreiheit untergraben und Meinungsvielfalt unterdrückt. Wie in China und Nordkorea. Damit stehen diese Agenturen auf einer Stufe wie Abo-Abzockfirmen die massenhaft Leute abmahnen mithilfe von Anwaltskanzleien. Dazu gibt es ernste rechtliche Bedenken gegen diese Praxis der Nachrichtenagenturen. Unverständlich, dass der Gesetzgeber nicht einschreitet. Auch das "Leistungsschutzrecht" der Bundesregierung ist eine Farce die freien Internetblogs schadet. Hier graben sich Verleger ihr eigenes Grab ohne es zu merken.
pixelfex schrieb am 11.05.2012, 07.49 Uhr:
@ Abmahnungen bringt Millionen: Ich weiß nicht, woher Sie Ihr "Wissen" beziehen. Das Urheberrecht stammt nicht aus dem MA, sondern trat erstmals im Jahre 1965 in Kraft. Wie kommen Sie darauf, dass demnächst 20 Mio Leute abgemahnt werden? Wenn Leute wegen der Inhalte ihres Facebook-Accounts abgemahnt werden liegt es i. d. R. daran, dass ihre Nutzereinstellungen öffentlich und damit für jedermann ersichtlich sind. Dass dort haufenweise "geklautes" Zeug verbreitet wird, ist jedoch klar. Nur, wer andere beklaut, darf sich nicht darüber wundern/beklagen, wenn er dafür bestraft wird. Ich für meinen Teil fühle mich um den Lohn meiner Arbeit betrogen und bestohlen, wenn meine Inhalte - trotz Hinweis auf das Urheberrecht - ohne zu Fragen von Dritten (zum Teil) gewerblich genutzt werden. Wenn dann auf freundliche Ansprache keine Reaktion erfolgt, bleibt eben nur der Weg zum Anwalt/Gericht. Es bedarf keiner neuen Regelungen, sondern nur der Besinnung auf unser Rechtsbewusstsein.
Abmahnungen bringen Millionen! schrieb am 10.05.2012, 15.54 Uhr:
Das Urheberrecht wird niemals geändert. Die jetzige Fassung des Rechts aus dem Mittelalter ermöglicht es den Verwertern, Milliarden zu kassieren. Dabei gehen die Schaffer geistigen Eigentums, manchmal auch als Künstler bezeichnet, leer aus. Die Trolle - denn wie der Schutzgelderpressung sind dies solche Parasiten - von Verwertern hingegen haben ihre Politiker in den Parlamenten, die dafür sorgen, dass dieses Heer eiskalter und geldgeiler Abmahnanwälte Milliarden mit Abmahnungen verdient. Bei Facebook werden demnächste 20 Millionen deutsche Nutzer Opfer der Abmahnmafia, da sie irgendwie gegen das Urheberrecht verstoßen. Und da diese Mafia die Politik beherrscht, wird sich nichts daran ändern. Der Erfolg der Piraten kommt nicht von ungefähr, denn die Zahl der Opfer der kriminellen Anwälte geht in die Millionen und der Schaden der deutschen Volkswirtschaft in die Milliarden Euro. Aber das kümmert die Anwälte und ihre geldgeile Lobby nicht das Geringste.
didi schrieb am 10.05.2012, 12.24 Uhr:
Abmahnwahn wird gesetzlich ermöglicht um der normalen Bevölkerung das Geld aus der Tasche zu ziehen. Politik für eigene Kanzleien. Wie viele Politiker sind Anwälte? Was im Netz veröffentlicht wurde ist öffentlich, außer derjenige der es Veröffentlicht hat dürfte meiner Meinung nach keiner zur Rechenschaft gezogen werden.
Horst schrieb am 10.05.2012, 12.02 Uhr:
Das Netz kann nicht Kontrolliert werden? Ok 2% der netznutzer haben ausreichend know how um sich Kontrollen zu entziehen, aber der rest wird doch jetzt schon überwacht (Thmema Abmahnwahn)...