Chronik zum Einsturz des Stadtarchivs Was nach dem Unglück geschah

Im März 2009 ist das Kölner Stadtarchiv eingestürzt. Wie ein Kartenhaus sei es zusammengeklappt, schildern Augenzeugen. WDR.de fasst wichtige Ereignisse der Bergung und die Aufarbeitung chronologisch zusammen.


Das eingestürzte Kölner Stadtarchiv aus der Luft betrachtet
Bild 1 vergrößern +

Das eingestürzte Kölner Stadtarchiv

03. März 2009


Gegen 14 Uhr sei erst ein tiefes Grollen zu hören gewesen und anschließend das Gebäude "wie ein Kartenhaus" zusammengeklappt, erinnern sich Augenzeugen. Zunächst ist nicht klar, ob alle Angestellten und Besucher das Archiv noch rechtzeitig verlassen konnten. Auch über den Zustand der Bewohner der Nachbarhäuser und Besucher einer angrenzenden Spielhalle herrscht lange Unklarheit. Zunächst geht die Feuerwehr von bis zu zehn Verschütteten aus. Schon wenige Stunden nach dem Einsturz erhebt ein ehemaliger Archiv-Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen die Stadt. Seinen Hinweisen über Risse im Keller des Gebäudes sei nicht nachgegangen worden.

04. März 2009


Rettungskräfte am Kölner Stadtarchiv
Bild 2 vergrößern +

Rettungskräfte am Kölner Stadtarchiv

Die Helfer arbeiten rund um die Uhr. Nachdem sich einige vermisst geglaubte Anwohner bei der Polizei gemeldet haben, geht die Feuerwehr nun nur noch von zwei Verschütteten aus. Mit der Suche nach ihnen kann allerdings noch nicht begonnen werden. Zunächst wird der Untergrund der Unglücksstelle mit Beton gesichert, Nachbarhäuser müssen abgerissen werden. Die Stadt Köln gibt offiziell bekannt, was viele schon geahnt hatten: Der U-Bahn-Bau ist sehr wahrscheinlich Grund für den Einsturz. Eine Schlitzwand in der Baugrube am Waidmarkt ist gebrochen.

05. März 2009


Parallel zur Sicherung des Geländes und zur Suche nach den Verschütteten bergen die Helfer Archivalien. Als Übergangslösung werden die Dokumente in der Sporthalle einer Schule untergebracht. Später wird eine Fabrikhalle angemietet. Zahlreiche Freiwillige helfen beim Reinigen und Sortieren der Fundstücke.

08. März 2009


Die Leiche des 17-jährigen Bäckerlehrlings Kevin K. wird aus den Trümmern geborgen. Er wird anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert. Nach Angaben der Polizei war er nach dem Unglück sofort tot.

12. März 2009


Suchhunde finden die Leiche von Khalil G., nachdem Helfer eine neun Meter tiefe Trümmerschicht weggeräumt haben.

15. März 2009


Es gibt erste Hinweise darauf, dass beim U-Bahn-Bau nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Bauunternehmen haben deutlich mehr Brunnen gebohrt, als die Stadt genehmigt hatte.

17. März 2009

Zwei Wochen nach dem Einsturz des Historischen Archivs haben die Kölner der Opfer des Unglücks gedacht. An einem Schweigemarsch zur Unglücksstelle beteiligten sich rund 2.000 Menschen.

20. März 2009


Die Stadt Köln teilt mit, dass es bereits ein halbes Jahr vor dem Archiveinsturz einen hydraulischen Grundbruch gegeben habe. Solch ein Bruch könnte auch die Ursache dafür gewesen sein, dass die Schlitzwand drei in der Baugrube vor dem Archivgebäude gebrochen ist.

29. März 2009


Der Kölner OB Fritz Schramma (CDU) tritt nicht mehr als Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl an. Er wolle das Unglück am Waidmarkt aus dem Wahlkampf heraushalten, erklärte er. Sein Krisenmanagement nach dem Einsturz des Stadtarchivs war von vielen Seiten kritisiert worden.

16. April 2009


Trümmer des Kölner Stadtarchivs
Bild 3 vergrößern +

Trümmer des Kölner Stadtarchivs

Die Schuldfrage ist noch ungeklärt, doch aus dem Einsturz des Stadtarchivs an der U-Bahnbaustelle am Waidmarkt werden weitere Konsequenzen gezogen. Die Bauaufsicht soll künftig nicht mehr bei den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) liegen.

17. April 2009


Überraschungsfund im Trümmerkrater: In einem unversehrten Kellerraum werden 1,2 Regalkilometer Archivgut gefunden. Überwiegend sind die Archivalien aus den vergangenen 200 Jahren in sehr gutem Zustand. Insgesamt waren im Stadtarchiv rund 30 Regalkilometer Material untergebracht.

03. September 2009


Ein halbes Jahr nach dem Einsturz des Archivs sind die Trümmer beseitigt und die Unglücksstelle wirkt geradezu aufgeräumt. Die Bewohner der zerstörten Häuser haben fast alle eine neue Wohnung gefunden. Rund 85 Prozent der Archivalien wurden geborgen.

17. November 2009


Der Einsturz ist zum ersten Mal Thema vor Gericht. Mehrere Leihgeber, die dem Archiv Unterlagen anvertraut hatten, werfen der Stadt eine grobe Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht vor.

09. Februar 2010


Stahlbügel auf der Baustelle der Kölner U-Bahn
Bild 4 vergrößern +

Stahlbügel auf der Baustelle der Kölner U-Bahn

Es wird bekannt, dass Arbeiter Eisenbügel in großem Stil verkauft haben, statt sie in die Schlitzwände der neuen U-Bahn einzubauen. Die Kölner Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, dass die fehlenden Bauteile nicht zum Einsturz des Archivs geführt haben können.

03. März 2010

Am ersten Jahrestag des Stadtarchiv-Einsturzes klafft an der Unglücksstelle noch immer ein tiefes Loch. Die Baugrube bleibt abgesperrt - und die Anwohner sind verunsichert.

16. März 2010

Im ersten Zivilprozess um den Einsturz des Stadtarchivs sind drei Klagen von Leihgebern gegen die Stadt Köln abgewiesen worden. Die Privatleute verlangten Schadenersatz und die Herausgabe von Archivgut.

24. April 2010


Archivgut im Provisorium
Bild 5 vergrößern +

Archivgut in Plastikkisten

Vor über einem Jahr stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Nun ziehen die Mitarbeiter in das zweite Provisorium seit der Katastrophe. Dort können Besucher wieder digital recherchieren.

28. Dezember 2010


Der Diebstahl stabilisierender Stahlbügel hat offenbar nicht zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs geführt. Das sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld dem WDR.

28. Februar 2011

Fast zwei Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist die Ursache noch lange nicht geklärt. Im Sommer soll mit dem Bau eines Besichtigungsbauwerks begonnen werden, um Gutachtern eine Untersuchung der Schlitzwand zu ermöglichen.

19. Juni 2011

Der Siegerentwurf für den Neubau des Stadtarchivs steht fest. Eine Jury aus Experten und Politikern entschied sich für den Entwurf eines Darmstädter Architektenbüros.


Modell des neuen Kölner Stadtarchivs
Bild 6 vergrößern +

Modell des neuen Kölner Stadtarchivs

10. August 2011


Die Bergungsarbeiten, der beim Stadtarchiv-Einsturz verschütteten Dokumente sind offiziell beendet worden. Die Archivmitarbeiter können sich jetzt ganz den Restaurierungsarbeiten widmen. Rund 95 Prozent der Archivalien wurden gefunden und aus dem Schutt geborgen.

28. Februar 2012


Vertreter des historischen Archivs, der Stadt Köln und der KVB ziehen eine Zwischenbilanz. Doch die ist ernüchternd: Die Einsturzursache ist nach wie vor unklar. Allein die Beweisaufnahme wird sich voraussichtlich bis 2016 hinziehen. Auch die geborgenen Archivalien sind längst nicht gerettet. Die Restaurierung wird vermutlich Jahrzehnte dauern.

04. Dezember 2012


Auch eineinhalb Jahre nachdem sich die "Stiftung Stadtgedächtnis" gegründet hat, bleiben Großspenden bisher aus. Während die Stadt plant, den Einsturzort mit einer Randbebauung unsichtbar zu machen, wehrt sich eine Initiative aus Anwohnern, Künstlern und Politikern gegen die Pläne.

25. Januar 2013


Die Arbeiten an der Besichtigungsbaugrube am Kölner Waidmarkt verzögern sich. Zunächst sollten in einem ersten Schritt 21 knapp 40 Meter lange Bohrpfähle nebeneinander an der Unglücksstelle in den Boden gerammt werden. Doch schon die erste Probebohrung dieser Pfähle führte zu Problemen, weil der Boden zu hart war. Ob der anvisierte Fertigstellungstermin im Frühjahr 2014 eingehalten werden kann, ist fraglich.

Stichworte

Stichwort: Schlitzwand

Schlitzwände sind im Erdreich betonierte Wände. Mit ihnen werden tiefe Baugruben gesichert. Zunächst wird dazu mit so genannten Schlitzwandgreifern oder Schlitzwandfräsen ein Schlitz im Boden ausgehoben. Diese Schlitze werden nur bis zu einer gewissen Breite einzeln gegraben. Ein solcher Schlitz wird Lamelle genannt. Mehrere fertige Lamellen ergeben aneinander gereiht zum Schluss die betonierte Schlitzwand.

Zur jeweiligen Stabilisierung einer Lamelle wird während des Aushebens zugleich eine stützende Betonsuspension (Bentonit und Wasser) in diesen Hohlraum gepumpt. Soll die Baugrube gegen seitlich drängendes Grundwasser gesichert werden, muss der Schlitz so tief ins Erdreich geführt werden, bis eine wassersperrende Bodenschicht (zum Beispiel Ton) erreicht wird. Hat der Schlitz die notwendige Tiefe erreicht, werden in die Lamelle so genannte Bewehrungskörbe - zwei äußere Stahlgitter, die miteinander durch Stahlbügel zusammengehalten werden - eingelassen. Danach wird von unten durch einen Schlauch Beton in die Lamelle gepumpt, der die Stützflüssigkeit Stück für Stück nach oben verdrängt und ersetzt. Ist die Arbeit an einer Lamelle beendet, kann mit der nächsten Lamelle begonnen werden.


Stand: 03.03.2012, 06.00 Uhr