Anwohner lässt Erinnerung nicht los "Jeder kennt hier einen mit Schutzengel"

Von David Ohrndorf

Ein halbes Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind die Trümmer zwar beseitigt, aber die Erinnerungen lassen die Anwohner nicht los. Die Schuldfrage und die Zukunft der zerstörten Archivalien sind noch nicht geklärt.


Anwohner an der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs
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Anwohner an der Einsturzstelle

Geradezu aufgeräumt wirkt heute die Stelle, an der vor einem halben Jahr das Stadtarchiv kollabierte. Ein breiter Weg führt hinab in den Krater, und die aufgerissene Wand des Nachbarhauses ist hinter einer Folie verschwunden. Der 24-Stunden-Einsatz der Arbeiter ist längst Vergangenheit. Ab 17.00 Uhr patrouilliert nur noch ein Sicherheitsdienst über das Gelände. Die Ruhe wird von einem regelmäßigen Surren unterbrochen. Hoch über der Straße richten Messgeräte ihre Sensoren automatisch im Minutentakt auf verschiedene Gebäude rund um die Unglücksstelle. Wenn sich hier noch einmal etwas bewegt, soll sofort Alarm ausgelöst werden.

Normalität noch längst nicht eingekehrt


"Man verdrängt die Angst", erklärt Anwohnerin Monika Mathar. Spätestens seit dem Einsturz des Archivs würden die Bewohner des Viertels die Risse in ihren Häusern mit anderen Augen sehen. Normalität sei noch längst nicht eingekehrt. Die U-Bahn-Bauarbeiten hätten die Anwohner schon vorher in Mitleidenschaft gezogen, der "tiefstgreifende Einschnitt" sei dann aber der Einsturz des Archivs gewesen. "Jeder kennt hier jemanden, der drei Minuten vorher oder nachher dort vorbeigegangen ist und einen Schutzengel hatte."

Insolvenz angemeldet

Michael Orth hat durch den Archiveinsturz "nicht alles, aber vieles" verloren. Der 62-Jährige ist seit August 2009 Hartz IV-Empfänger. Vor einem halben Jahr war er noch Ladeninhaber in der Severinstraße. Mittlerweile musste er für sein Tee-Geschäft aber Insolvenz anmelden. Nach dem Einsturz sei die Kundschaft ausgeblieben. "Wir hatten Tage, da war wirklich niemand da". Heute hängt im Schaufenster seines Ladens ein Zettel mit der Aufschrift "Zu vermieten".

Ausgleich für Umsatzrückgang - aber nicht immer


Nicht alle Läden hier sind pleite, aber der Einsturz hat bei allen Spuren in der Kasse hinterlassen. Kino-Betreiberin Angela Wilde verzeichnete in den ersten Wochen einen Zuschauer-Rückgang. Mittlerweile hätten sich die Zahlen aber glücklicherweise wieder normalisiert. Der Vorteil des Kinos gegenüber dem Tee-Laden: Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) zahlen einen Ausgleich für den Umsatzrückgang. Michael Orth hat keine Entschädigung bekommen, weil er nicht die nötigen Nachweise vorlegen konnte. Er war mit seinem Laden erst im Februar 2009 in die Severinstraße gezogen. Für eine Entschädigung verlangen die KVB aber "Bilanzen der letzten drei Jahre", um den Rückgang der Einnahmen belegen zu können, wie eine Sprecherin bestätigte.

Obmann vermittelt

Cosimo Erario hatte durch den Archiv-Einsturz seine Wohnung verloren. Seit Juni 2009 wohnt er nach drei Monaten im Hotel nun in einem anderen Stadtteil Kölns und ist mit der Entschädigung "ganz zufrieden". Peter Blomberg, der als Obmann zwischen Anwohnern und KVB vermittelt, hat den Eindruck, dass die Betroffenen "im Großen und Ganzen" mit der Entschädigung der KVB zufrieden seien. "Das sehen Sie auch daran, dass von weit über 100 Fällen weniger als zehn bei einem Anwalt gelandet sind", sagt Blomberg.

Restaurierung kostet Millionen Euro

Mittlerweile sind 85 Prozent der verschütteten Dokumente des Stadtarchivs geborgen worden. Um sie zu restaurieren, bräuchte man 30 Jahre lang 200 Restauratoren, sagte Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia am Donnerstag (03.09.2009). Dafür müssten über Jahrzehnte hinweg viele Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Ob das geschehen wird, ist noch nicht klar. Die Bergungsarbeiten sollen noch mindestens 15 Monate dauern. In einem Grundwasserkegel an der Unglücksstelle werden noch große Teile aus dem Nachlass von Heinrich Böll vermutet.

KVB: U-Bahn könnte 2013 fertig werden

Die Schuldfrage ist nach wie vor nicht geklärt. Der Mannheimer Baukonzern Bilfinger Berger, der die technische Federführung des Projekts hat, rechnet frühestens Ende 2009 mit ersten Ergebnissen der Gutachter. Der Bau der U-Bahn-Strecke im Kölner Süden wird sich durch den Einsturz des Archivs deutlich verzögern. Ursprünglich war die Eröffnung für Ende 2011 geplant. Eine Sprecherin der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) sagte WDR.de, zur Zeit gehe das Unternehmen von einer Eröffnung im Jahr 2013 aus. Es gebe aber noch viele Unwägbarkeiten.


Stand: 03.09.2009, 16.06 Uhr