Weltgrößtes Chorkonzert in Gelsenkirchen 60.000 Sänger auf Schalke

Von Katja Goebel

Sie kamen, sangen und stellten einen Rekord auf: Über 60.000 Menschen strömten zum "Day of Song" in die Gelsenkirchener Arena. Beim weltgrößten Chorkonzert schmetterten sie deutsche Volkslieder, italienische Opern und Hymnen von Grönemeyer.


Singender Frauenchor auf Schalke
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Sängerinnen beim "Day of Song" in der Schalke-Arena

Einen ganzen Tag lang hat das Ruhrgebiet gesungen. Auf Marktplätzen und grünen Wiesen, in U-Bahnen und Krankenhäusern, vor Industriekulissen und Konzertsälen. Chöre und Passanten, Junge und Alte, Profis und Laien - kurz nach 12 Uhr ging ein Lied quer durch den Pott - von Breckerfeld bis Bochum, von Wesel bis Werne. Und jetzt am Abend des großen "Day of Song", diesem Sing-Spektakel der Kulturhauptstadt, haben sie immer noch nicht genug. Jetzt stürmen sie die Tribünen der riesigen Schalke-Arena. Über 60.000 Menschen sind gekommen - um zu singen. "Opernsänger einkaufen oder Konzerte veranstalten kann jeder", so Ruhr2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt. Doch viele tausend fremde Menschen an verschiedenen Plätzen zum Mitsingen zu animieren, das habe schon etwas von Volksbewegung.

Liederbücher für die Nordkurve

In der Arena, in der sonst Schalke 04 seine Heimspiele hat, ist kein Flecken grünen Rasens mehr zu sehen. Mitten im Arena-Rund thront jetzt ein Orchester auf einer Bühne. Da wo sonst das Spielfeld ist, haben gleich 8.000 Menschen ihren großen Auftritt. Es sind Chöre aus dem Revier und deren Partnerstädten. Und so sitzen in den Reihen neben Hobby-Sängern aus Bochum, Essen oder Dortmund auch Gäste aus Brandenburg, Polen oder Italien. Zuschauer gibt es heute auf Schalke nicht. Alle sollen mitsingen. Schließlich haben die Macher den größten mehrstimmigen Chor der Welt versprochen. Selbst wer ein Ticket für die Nordkurve gelöst hat, findet dort ein Liederbuch auf seinem Platz. Das Publikum ist ungewöhnlich bunt. Sogar ein Stadionsprecher von Borussia Dortmund soll gesichtet worden sein.

Ein Ton kreist durch das Stadion

Genau 48 Seiten dick ist das Gesangsbuch für den Abend. Das Liedgut ist altbekannt. Volkslieder, Opern, Popsongs. Doch gleich nach dem traditionellen Auftakt mit dem Steigerlied betritt der erste Solist des Abends die Bühne. Vokalkünstler Bobby Mc Ferrin setzt auf Improvisation. Und weil da der Blick in die Noten nichts nützt, kann der Vollblutmusiker die Masse mit einem kleinen Finger dirigieren. Mc Ferrin klopft den Rhythmus, gibt dann mit leisem "Li, Li, Li" den Text preis und dem Auditorium ein Zeichen. Das "Li" soll langsam die Runde machen im Stadion. Und tatsächlich schafft es der Mann den Ton wie eine Welle durch die Arena kreisen zu lassen.

Kanon für singende Fußballfans

Der nächste Akt. Dirigent Steven Sloane betritt die Bühne. Jetzt steht Klassik auf dem Programm. 60.000 Menschen bilden flugs den Zigeunerchor aus der Verdi-Oper "Troubadour". Der Taktstock teilt die Luft, stößt in unsichtbare Löcher. Der Deutsch-Amerikaner Sloane ist in seinem Element - und strahlt. Später wird er den Kanon "Hejo, spann den Wagen an" probeweise erst von allen Schalkefans singen lassen. Dann sind die BVB-Fans dran und schließlich die des VfL Bochum. Das Singen soll schließlich verbinden - auch die, die nie daran dachten.

Ein Halleluja aus 60.000 Kehlen

Dann der Auftritt der Wise Guys. "Sing im Stadion, sing im Friseursalon". Bei der A-Capella-Truppe hält es keinen mehr auf den Sitzen. Die Jungs aus Köln geben den Ton vor, die Arena singt nach. Da macht sogar ein "dip, dip, dip" oder ein "Yeah, hi, Yeah" aus 60.000 Kehlen Gänsehaut.

Richtig euphorisch wird's dann noch einmal am Schluss. Nach fast drei Stunden schmettern Chöre und ihre Mitsänger auf den Rängen und Stehtribünen nicht nur den Schluss von Beethovens 9. Sinfonie an die Arenadecke, sie schieben auch noch ein "Halleluja" von Händel hinterher, um schließlich mit Grönemeyers Hymne "Komm zur Ruhr" zu enden. Da liegen sich die Chöre längst in den Armen, auf der Osttribüne schwenken sie Leuchtstäbe und weiter unten bunte Tücher, Feuerzeuge und eine Deutschlandflagge.

Als später am Abend die Arena wieder geräumt ist, hört man sie draußen noch immer singen. Zur gleichen Zeit hat Ruhr2010-Chef Fritz Pleitgen bei der nächtlichen Pressekonferenz schon die nächste selbstbewusste Idee parat: Dieser Day of Song sei die beste Bewerbung, den Eurovision Song Contest 2011 ins Revier zu holen. "Schalke sollte es versuchen."


Stand: 06.06.2010, 12.08 Uhr