Kölner Berufskolleg Türkischunterricht als Zauberformel

Von Nina Magoley

Das Kölner Berufskolleg Südstadt: Hier wechseln 95 Prozent der türkischstämmigen Absolventen in eine Ausbildung. Drei Mal so viele wie üblich. Das Erfolgsrezept klingt zunächst paradox: Sie lernen türkisch.


Ein Schüler schreibt das Wort "Integration" auf eine Tafel
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Neben Englisch steht auch Türkischunterricht auf dem Unterrichtsplan

Das Telefon klingelt, Pinar Güngör nimmt den Hörer ab. Mit freundlich-routinierter Stimme notiert sie, was der Kunde am anderen Ende der Leitung wünscht. Wenig später ist der Auftrag perfekt. Die 22-Jährige hat gerade eine Ausbildung bei einer internationalen Speditionsfirma in Köln begonnen. Viele Bewerbungen musste sie dazu nicht schreiben - gerade mal zehn. Schließlich konnte sie sogar zwischen mehreren Angeboten wählen. Für junge Berufsanwärter mit Migrationshintergrund ist das eher ungewöhnlich. Nur 32 Prozent fangen nach der Schule eine Ausbildung an. Unter deutschstämmigen desselben Alters sind es mehr als doppelt so viele. Doch Pinar Güngör ist am Berufskolleg Südstadt zur Schule gegangen - und dort hat man eine eigene Quote, sie liegt seit Jahren bei 95 Prozent.

Gefragtes Potential am globalisierten Arbeitsmarkt

Dass Jugendliche aus Migrantenfamilien schlechter ins Berufsleben finden, liegt zu einem guten Teil am mangelnden Selbstbewusstsein - davon ist man am Kölner Berufskolleg Südstadt überzeugt. Um dem abzuhelfen, hat dort eine Gruppe von Lehrern vor zwölf Jahren einen Bildungsgang entwickelt, der den Namen "Qualifikation Türkisch" trägt. Ziel des Programms ist es, nicht die Probleme der Migrantenkinder, sondern ihre Stärken in den Vordergrund zu stellen. "Aufgewachsen mit zwei Sprachen und zwei Kulturen, bringen diese Jugendlichen ein Potential mit, das gerade auf dem globalisierten Arbeitsmarkt immer gefragter wird", sagt Reimar Rehse, der als Lehrer zu den Gründern des Projekts gehört.

Um dieses Potential nutzen zu können, gelte es vor allem, die oft unvollständigen Türkischkenntnisse gründlich aufzupolieren, erklärt er. Auf dem Unterrichtsplan stehen daher - neben Englisch als Pflichtfach - regelmäßiger Türkischunterricht, Landeskunde Türkei und zweisprachiger Unterricht in Wirtschaftslehre. Außerdem machen die Schüler Praktika bei Firmen, die international Geschäfte machen. Höhepunkt des zwei Jahre dauernden Programms ist eine gemeinsame Reise in die Türkei, bei der dort Hochschulen und Unternehmen besichtigt werden. Am Ende steht der Abschluss Höhere Handelsschule.

"Ich bin einfach beides: deutsch und türkisch"

Ihre Muttersprache ist bei vielen Einwandererkindern ein Kauderwelsch aus fehlerhaftem Türkisch, lokalem Akzent und deutschen Ergänzungen. Mit der Idee, die Muttersprache zu perfektionieren, scheinen die Kölner Lehrer eine Zauberformel gefunden zu haben. "Vorher fühlte ich mich nur wie ein halber Mensch", beschreibt die 17-jährige Melis Demirel, die kurz vor ihrem Abschluss steht. "In Deutschland sah ich mich als Ausländerin - und in der Türkei ebenso."

Eine Erfahrung, die auch ihre ehemalige Mitschülerin Büsra Köşoğlu kennt: "Für ihr schlechtes Türkisch werden viele in der Türkei ausgelacht. Und hier werden sie auch ausgelacht." Und es bedeutet mehr als nur eine momentane Blamage, es ist ein existenzieller Konflikt: Geboren und aufgewachsen in Deutschland, fühlen sich diese Jugendlichen eigentlich hier zu Hause. Von den Eltern aber spüren viele die Erwartung, die Türkei als Heimatland zu sehen. Hier wie dort schaffen sie es nicht, den Ansprüchen gerecht zu werden. Dass sie nun ihre Muttersprache viel besser spricht und in der Türkei nicht mehr als Ausländerin auffällt, sei für sie eine unendliche innere Befreiung, beschreibt Melis: "Heute sage ich: Hier bin ich deutsch, dort bin ich türkisch. Ich bin einfach beides."

Hoffnung auf bessere Zukunftschancen

Für die Schüler am Berufskolleg Südstadt löst sich mit ihrem Sprachproblem offenbar ein grundsätzliches Problem ihrer Existenz. "Ich kann meine Stärken nutzen, meine Muttersprache möglicherweise auch im Arbeitsleben anwenden", freut sich Aslı Dursun. Eigentlich war sie Schülerin an eine Kölner Realschule. Als Freunde ihr von dem Ausbildungsgang am Berufskolleg Südstadt erzählten, wechselte sie dorthin. "Ich glaube, dass mir das in meinem zukünftigen Arbeitsleben sehr viel bringen wird", sagt die 19-Jährige zuversichtlich.

Erste Berufserfahrung in der Schülerfirma

Einen ersten Eindruck davon, welchen Wert ihre Mehrsprachigkeit im Arbeitsleben haben kann, bekommen die Schüler noch in der Schule: Wer will, kann in der Schülerfirma mitarbeiten - einer Art Übersetzungsbüro, das von den Schülern selber geleitet wird. Übersetzungsaufträge kommen von Gerichten, Firmen, auch eine Broschüre der Stadt Köln haben die Schüler schon übersetzt. "Wir funktionieren wie ein richtiges kleines Unternehmen", erklärt Melis Demirel, die zurzeit Geschäftsführerin der Schülerfirma ist. Dabei kommen die Fortschritte aus dem Türkischunterricht zum Einsatz, außerdem lernen die Schüler Marketing, Rechnungswesen, Archivierung - die wichtigsten Aspekte von Unternehmensführung. Bei ihren späteren Bewerbungen komme ihnen diese Erfahrungen merklich zugute, sagt Lehrer Rehse.

Stolz erzählt er, wie "unglaublich motiviert" die Schüler seien, die sich für die zwei Jahre "Qualifikation Türkisch" entscheiden. "Wir wollen erreichen, dass sie sich spielerisch in beiden Sphären aufhalten können, mit den beiden Kulturteilen in sich flexibel umgehen können." Und am Ende, fügt er hinzu, sollen die Schüler von sich sagen können: "Ich bin ich."


Stand: 04.04.2011, 08.59 Uhr