Kölner Schule macht erste Erfahrungen mit Türkischunterricht Türkisch für Anfänger?

Türkische Schulen in Deutschland, wie der türkische Ministerpräsident sie fordert, machen keinen Sinn, sagt Seyit Tokmak. Er leitet in Köln ein Gymnasium, an dem Fünftklässler Türkisch als Fremdsprache wählen können.


Eine Lehrerin unterrichtet türkischstämmige Schüler in ihrer Muttersprache
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Türkisch-Unterricht an einer Gesamtschule in Köln-Höhenhaus

Mit 39 Schülern ist das "Privatgymnasium Dialog" im Kölner Stadtteil Buchheim im letzten Sommer gestartet. Träger ist der Türkisch-Deutsche-Akademische-Bund. Das besondere Angebot dieser Schule: Ab der fünften Klasse können Schüler dort neben dem Pflichtfach Englisch auch Französisch oder Türkisch wählen. Alle anderen Fächer werden in deutscher Sprache unterrichtet. Bisher kommen sämtliche Schüler aus Migrantenfamilien. Das könnte sich noch ändern, meint Geschäftsführer Seyit Tokmak.

WDR.de: Wen sprechen Sie mit diesem Angebot an?

Seyit Tokmak: Grundsätzlich sind wir offen für alle Nationalitäten. Türkischunterricht ist interessant für Eltern, die feststellen, dass ihre Kinder nicht fehlerfrei Türkisch sprechen können, für Kinder aus Mischehen, wo die Spracherziehung in der Familie etwas zu kurz kommt. Deutsche Kinder haben wir bisher noch nicht. Bei unseren Infoabenden und Tagen der offenen Tür hatten wir zwar einige Interessenten, aber das braucht wahrscheinlich noch Zeit. Für die Zukunft sind wir aber optimistisch, auch rein deutschstämmige Kinder bei uns zu haben.

WDR.de: Mit welcher Motivation schicken die türkischstämmigen Eltern ihre Kinder auf Ihre Schule - geht es darum, die türkische Kultur zu pflegen oder darum, die Chancen der Kinder in Deutschland zu verbessern?

Tokmak: Bisher hatten wir bei den 39 Schülern, die wir bis jetzt haben, keinen Fall, wo es den Eltern darum ging, möglichst "türkisch zu bleiben". Die Eltern wissen schon, dass es hier gerade nicht darum geht, die Kinder getthoisiert zu erziehen, sondern im Gegenteil darum, Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit zu vermitteln.

WDR.de: Warum ist es wichtig, dass in Deutschland lebende Kinder aus türkischstämmigen Familien richtig Türkisch lernen?

Tokmak: Ein Gebäude ohne Fundament steht nicht lange. Wenn die Basis in der Muttersprache schon nicht stimmt, ist es sehr schwer, eine weitere Sprache gut zu lernen. Wir kennen dieses Problem mit unserem Verein seit 14 Jahren, und haben die Erfahrung gemacht, dass die türkischstämmigen Kinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, nicht nur sehr gut Deutsch sprechen, sondern auch weitere Sprachen - Englisch, Französisch - leichter erlernen können. Das ist inzwischen ja auch wissenschaftlich nachgewiesen.

WDR.de: Hat die Sprache auch Einfluss auf ein Verhalten, das im Sinne der Integration gefordert wird?

Tokmak: Sicher auch. Wenn Kinder ihre eigene Muttersprache nicht richtig beherrschen, leben sie permanent in einem Zwischenzustand. Viele sprechen dann eine Mischsprache, teils türkisch, teils deutsch, je nachdem, welche Wortwahl ihnen gerade leichter fällt. Wenn diese Kinder im Urlaub in die Türkei fahren, merken sie, dass ihr Türkisch nicht stimmt. Kommen sie zurück nach Deutschland, stellen sie fest, dass es auch mit dem Deutsch hapert. Das wirkt sich durchaus negativ auf das Selbstbewusststein und Selbstverständnis aus.

WDR.de: Viele der türkischstämmigen Kinder in Deutschland finden nach der Schule keinen Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Könnte Türkischunterricht an dieser Misere etwas ändern?

Tokmak: Die Chancen auf Ausbildungs- und Arbeitsplätze steigen für Jugendliche sicherlich, wenn sie Deutsch und Türkisch gut beherrschen. Es ist immer wieder zu hören, dass schon jetzt der Bedarf an zweisprachig Qualifizierten hoch ist. Auch weil der Wirtschaftsraum im Südosten Europas zurzeit einen Aufschwung erlebt, denke ich, dass Türkisch als Sprache eine positive Ressource sein wird.

WDR.de: Ist die Sprachsituation bei den türkischstämmigen Kindern denn wirklich so "dramatisch", wie es zurzeit heißt?

Tokmak: Ich denke ja. Wir haben viele türkischstämmige Kinder, die in ihrer Muttersprache zwar über ein gewisses Vokabular verfügen, aber weder richtig schreiben, noch lesen oder sprechen können. Da müssen wir im Sprachunterricht zurzeit viel machen.

WDR.de: Der türkische Ministerpräsident Tayip Erdogan fordert für Deutschland nicht nur Türkischunterricht, sondern Schulen, in denen sämtliche Fächer ausschließlich auf türkisch unterrichtet werden. Ist das sinnvoll?

Tokmak: Nein, dem stehen wir negativ gegenüber. Auch der Import von türkischen Lehrern, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, macht keinen Sinn. Einem Kind, das hier aufgewachsen ist, im Kindergarten, in der Grundschule und zuhause beide Kulturen erlebt - die deutsche und die türkische - einen Lehrer gegenüberzustellen, der nur einer bestimmten Kultur angehört - da gibt es keine Übereinstimmung. Kinder wachsen hier unter ganz anderen Bedingungen auf, als in der Türkei. Und da braucht es schon Lehrer, die die hiesige Kultur verstehen. Viel sinnvoller sind da Lehrer und Lehrerinnen mit Migrationshintergrund, die hier in Deutschland ihre Ausbildung gemacht haben.

Das Gespräch führte Nina Magoley.


Stand: 13.02.2008, 06.00 Uhr