Projekt für jugendliche Muslime in Essen Katernberg Glaube, Liebe und Hiebe

Von Katja Goebel

Omar, Akin und Marvin wohnen im Essener Norden - jenseits des Wohlstandsäquators sozusagen, zusammen mit vielen anderen Migranten. In einem Modellprojekt sollen die jungen Muslime künftig mitreden und mitbestimmen. Am Samstag (09.02.2008) ging es los.


Ganz tief im Essener Norden, im Schatten des Weltkulturerbes Zeche Zollverein, liegt Katernberg. Ehemaliges Arbeiterviertel der Revierstadt, hohe Arbeitslosenquote, geringer Bildungsstand. Auch nebenan im Stadtteil Schonnebeck gilt Ähnliches. Der Essener Bezirk läge nördlich des "Wohlstandsäquators", erklärt Stefan Hoeps. Rund 17 Prozent der Einwohner seien Migranten - Tendenz steigend. Hoeps ist Leiter eines Jugendhauses in Schonnebeck. Das "Libanesenhaus" heißt es manchmal in der Nachbarschaft. Viele arabische Jugendliche kommen hier her. Und für viele von ihnen läuft es im Leben nicht so, wie sie es sich manchmal wünschten.

Heute allerdings stehen auch Hoeps' Schützlinge im Mittelpunkt des Interesses. Ein Modellprojekt startet hier, und es trägt einen schönen Titel: "Glaube, Liebe und Hiebe in Katernberg". Was das heißt? Das sollen die Jugendlichen selbst herausfinden.

Offenen Raum mit Ideen füllen

Ein mobiles Beratungsteam aus Essener Jugendeinrichtungen, Politik und Verwaltung stellt lediglich den Raum und übernimmt die erste Moderation. Die Jugendlichen selbst sollen den offenen Raum mit Ideen füllen, Sorgen vortragen, Fragen stellen und möglichst selber Antworten finden. Rund 70 Jugendliche sind am ersten Projekttag gekommen.

"Warum werden Moslems so oft als Terroristen dargestellt?", will der 17-jährige Omar wissen. "Warum sind Ausländer immer an allem Schuld?", fragt der 13-jährige Akin. Dann greift auch Marvin mutig zum Mikrofon. "Ich liebe Katernberg", lautet die erste Botschaft des 16-Jährigen. Und in großen Lettern prangt der Name seines Stadtteils auf dem Pullover. "Aber warum machen Menschen das kaputt, was sie lieben?" Später wird seine Frage an einer der Stelltafeln zu lesen sein. Eine Arbeitsgruppe wird sich bilden und über fehlenden Respekt im täglichen Miteinander diskutieren.

Katernberger Hymne

Auch Sirac ist zum Projektauftakt gekommen. Zwei Jahre hat er einen Ausbildungsplatz gesucht. Nicht zu einem einzigen Vorstellungsgespräch wurde er eingeladen. Eigentlich, so erzählt der 18-Jährige, wollte er zur Polizei. Woran ist der Traum gescheitert? "An meiner Akte." Sirac war in Schlägereien verwickelt, hat einen Raub begangen. "Da bin ich natürlich auch selbst schuld", gibt der Schonnebecker mit libanesischen Eltern zu. Jetzt hole er seinen Realschulabschluss nach, um bessere Chancen zu haben.

Vier Rapper aus dem Viertel treten auf. Ihren Song nennen sie "Katernberger Hymne" und eine Zeile, die geht so: Für viele ist nach Klasse acht Schluss, dann stehen sie draußen ohne Abschluss. Einer, der den Text verfasst hat, nennt sich Amok und auf den ersten Blick scheint ihm die Gangster-Rapper-Masche ganz gut zu gefallen. "Ich hatte schon mit zwölf meine erste Gasknarre." Doch der Junge hat nicht nur Reime drauf, sondern auch Erklärungen. Schule schmeißen, auf der Straße rumhängen, Kriminalität und Gewalt - all das sei eine Frage der Mentalität, findet Amok. Und die werde vor allem auch zu Hause vorgelebt. "Wenn sich die Familie nicht kümmert, was soll dann aus den Leuten werden?"

Politische Bildung ist das Ziel

Später sitzen sie alle an einem Tisch und sprechen über ihre Themen. Araber, Türken und ein paar wenige deutsche Jugendliche. Doch was soll denn nun am Ende herauskommen? Halima Zaghdaud, vom Essener Büro für interkulturelle Arbeit, ist schon froh, wenn sich die Jugendlichen überhaupt Gedanken machen. "Der Weg ist hier das Ziel. Die jungen Leute sollen aktiv werden und den Mut haben, ihren Verstand einzusetzen. Das ist politische Bildung." Ihr Wunsch ist es, später in speziellen Gruppen kleine Projekte für den Stadtteil zu erabeiten. Und auch Stefan Hoeps kann jetzt erst einmal entspannt in die Zigarettenpause gehen, während seine Jungs im Jugendzentrum brav um Tische herumsitzen und reden. "Jede Gruppe muss sich auf die andere einstellen. Man hört sich zu und respektiert sich. Am Ende nennt man das doch Integration."


Stand: 10.02.2008, 11.58 Uhr