Türkischer Doktorand gründet Verein zur Förderung von Schülern Nachhilfe von Migranten für Migranten

Von Frauke Haardt-Radzik

Seine schlechten Deutschnoten waren schuld daran, dass der 10-jährige Murat Vural damals auf die Hauptschule geschickt wurde. Es kostete den Türken viel Ehrgeiz, doch heute ist er Doktorand in Bochum - und gründete einen Nachhilfeverein für ausländische Schüler.


Ein Kind nimmt die Finger zu Hilfe, um besser rechnen zu können

Gute Bildung als Voraussetzung für eine gelingende Integration

Spätnachmittags an der Erich-Kästner-Gesamtschule in Bochum. Sprach- und Stimmengewirr schallt durch die Gänge. In einem Raum sitzen Helin, Süheda und weitere Jugendliche an mehreren Tischen und pauken. Mathe, Englisch, Deutsch. Freiwillig und offenbar mit Spaß dabei. Dies ist keine normale Nachhilfe. Hier arbeiten überwiegend türkische Doktoranden, Diplomanden und Studenten ehrenamtlich mit den Schülern. Als Vorbildmigranten zeigen sie, dass es möglich ist, in Deutschland etwas zu werden. "Die Jugendlichen können sich mit uns identifizieren. Sie öffnen sich und sind bereit zu lernen. Wir sehen uns nicht als Ersatzlehrer, eher als große Brüder und Schwestern," formuliert Murat Vural den Erfolg des Konzepts.

Gleiche Chancen für alle Schüler

Gute Bildung ist Voraussetzung für eine gelingende Integration, betont der 30-jährige Vural. Doch die häufig überforderten Lehrer an Haupt- und Gesamtschulen erreichen die oft frustrierten Jugendlichen kaum noch. Eines Tages kam dem Elektrotechnikstudenten die Idee, Hausaufgabenbetreuung von Migranten für Migranten anzubieten. Kostengünstig, ohne religiösen oder parteipolitischen Hintergrund. Vural tat sich mit Freunden zusammen und gründete den interkulturellen Bildungsverein zur Förderung von Schülern, kurz IBFS. "Wir wollen das Selbstbewusstsein der Kinder steigern. Neben der reinen Nachhilfe unternehmen wir auch etwas zusammen, machen Ausflüge. Wir nehmen die Kinder so wie sie sind. Ihre Probleme sind uns ja vertraut," erläutert Vural den Grundgedanken des Vereins.

"Hier ist es irgendwie locker, wenn ich mal Schwierigkeiten habe, frage ich einfach auf türkisch, dann kann ich es besser verstehen," sagt die 15-jährige Pina. Sie ist seit einem halben Jahr dabei und kann bereits von ersten Erfolgen berichten: "In Mathe war ich auf vier minus und jetzt hab ich 'ne zwei!" Und auch die Nachhilfelehrer haben etwas von ihrer Arbeit. Christina Senega ist gebürtige Griechin und ausgebildete Lehrerin. Als junge Mutter pausiert sie jedoch zur Zeit. "Ich möchte den Anschluss ans Berufsleben nicht verpassen. Und hier bleibe ich gut in Übung." Qualifizierung für den eigenen Berufsweg und die Gewissheit, den Kindern zu helfen, das ist die Motivation der Mitarbeiter.

Auszeichnungen von ganz oben

Anfangs waren die Schulleiter und Lehrer misstrauisch. Doch dann haben sich Vural und seine Mitarbeiter mit Integrationsbeauftragten beraten und umfangreiche Infoabende für Lehrer, Eltern und Schüler veranstaltet. Mittlerweile arbeiten 70 junge Ehrenamtliche in fünf Ruhrgebietsstädten an sieben Schulen. Murat Vural und sein Team ernten viel Anerkennung. Neben dem "Start social"-Preis der Bundesrepublik wurde Vural kürzlich von der Organisation Ashoka zum Sozialunternehmer Deutschlands gekürt. Und auch der Leiter der Bochumer Gesamtschule, Walter Bald, sieht das Wirken des Vereins an seiner Schule positiv: "Zunächst begann diese Nachhilfe bei uns mit fünf Schülern, jetzt sind es schon knapp 60. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Integration, nicht nur der türkisch sprechenden Schüler, sondern vieler verschiedener Nationalitäten. Es stehen auch schon deutsche Schüler auf der Warteliste."

Im Rahmen der Aktion "Deutschland - Land der Ideen" wird der Verein als einer der 365 ausgezeichneten Orte für 2007 preisgekrönt. Mit einem Fußballturnier wird die offizielle Preisverleihung am Sonntag (7. Januar 2007) in Castrop-Rauxel gefeiert.


Stand: 07.01.2007, 09.00 Uhr