Verbraucherzentrale will Einwanderer besser beraten Gut informiert besser konsumieren

Von Angelika Gundermann

Legt ein türkischer Einwanderer sein Erspartes auf die hohe Kante oder gibt er es aus? Achten Spätaussiedler auf die Ökobilanz, wenn sie sich für ein Produkt entscheiden? Eine neue Studie untersucht das Verhalten von eingewanderten Verbrauchern.


Frau mit Einkaufstaschein am Arm und Fotoapparat in der Hand
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Migranten vertrauen eher auf den Verkäufer, als auf das Produkt

Nur wer versteht, was die Klauseln im Mietvertrag bedeuten oder einschätzen kann, ob eine Geldanlage sich lohnt, kann sich gleichberechtigt in der deutschen Gesellschaft bewegen. Die Verbraucherzentrale möchte Migranten hier unterstützen und hat deshalb eine Studie zum Thema "Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft" in Auftrag gegeben, die sie am Dienstag (30.10.2007) in Berlin vorstellte. Ziel der Untersuchung war es heraus zu finden, wo bei den beiden größten Migrantengruppen, Türken und russischsprachigen Einwanderern, die Probleme liegen und wie diesen Gruppen geholfen werden kann, so Tatiana Lima Curvello, Verfasserin der Studie.

Vertrauen als Geschäftsgrundlage

Migranten haben die gleichen Probleme wie Deutsche, wenn die Handy-Rechnung ins Uferlose steigt oder zuviele Kredite auflaufen, so Lima Curvello. Sie kommen oft aber erst zur Beratung, wenn es schon fast zu spät ist. Mangelnde Sprachkenntnisse sind dafür die Ursache, aber auch kulturelle Unterschiede. Türkische Migranten misstrauten Institutionen, stellte Lima Curvello fest. Persönliche Beziehungen haben dagegen einen großen Einfluss. "Für Türken steht die persönliche Beziehung zum Verkäufer im Vordergrund, nicht das Produkt, an dem orientiert sich der Deutsche", erklärt Bülent Arslan türkische Geschäftskultur. Der CDU-Politiker leitet das imap-Institut in Düsseldorf und berät Unternehmen oder Behörden, die mit Menschen aus anderen Kulturen zusammen arbeiten wollen. Ist der Versicherungsvertreter ein persönlicher Bekannter, schaut der türkische Kunde nicht ins Kleingedruckte. "Basis des Geschäfts ist das Vertrauen in die bekannte Person", so Arslan. Eigentlich eine gute Grundlage, die aber von Versicherungsmaklern oder Handy-Verkäufern manchmal systematisch ausgenutzt werde. Russischstämmige Einwanderer verhalten sich ähnlich, so die Studie.

Neu im Blickpunkt: Gesundheit und Umwelt

Alte Gewohnheiten aus dem Herkunftsland sind laut Arslan verantwortlich für das mangelnde Bewußtsein türkischer Migranten für gesunde Ernährung. "Türken leiden überdurchschnittlich häufig an Diabetes und Herzkrankheiten, daran ist die Ernährung schuld. Die traditionelle türkische Küche verwendet viele scharfe Gewürze, sehr süße Desserts und Gebäck sind beliebt. Zum Frühstück gibt es Schafskäse", berichtet Arslan. Jetzt, wo der Altersdurchschnitt in der türkischstämmigen Bevölkerung steigt, zeigen sich die Folgen dieser Schlemmerei. Auch bei Fragen des Umweltschutzes sieht Bülent Arslan Defizite bei der türkischen Gemeinde. "Im Vergleich zum Durchschnitt der Deutschen ist das Thema Umweltschutz bei Türken erst wenig bekannt", meint er.

Ohne Sprachkenntnisse keine Beratung

Informationen zu Gesundheit und Umweltschutz bietet die Verbraucherzentrale, doch bisher erreicht sie die Mehrheit der Migranten kaum damit. Und auch beim Beratungsangebot zu Finanzen oder Recht gilt: Größtes Hindernis sind die mangelnden Sprachkenntnisse der Ratsuchenden. Tatiana Lima Curvello bezweifelt, dass Beratungsangebote in fremden Sprachen das Problem lösen. Vielmehr würden dadurch "Sprachbarrieren eher stabilisiert als abgebaut". Wenn die Verbraucherberatung auch Einwanderer erreichen wolle, müsse sie sich in das vorhandene Netzwerk von Sozialbetreuung und Migrantenbetreuung einbinden und auch die fremdsprachigen Medien in Deutschland nutzen.


Stand: 30.10.2007, 11.50 Uhr