Metropolis-Konferenz zur Migration Nachhilfe im Kindergarten

In Bonn sind 900 Wissenschaftler aus aller Welt zur Konferenz "Metropolis" zusammen gekommen. Diese Denkfabrik sucht nach Wegen, wie die Integration von Einwanderern gelingen kann. Anschauung gibt es in einem Solinger Kindergarten.


Eine türkische Mutter und ihre Tochter bei der Sprachförderung
Bild 1 vergrößern +

Eine türkische Mutter und ihre Tochter bei der Sprachförderung

Wenn 900 Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Bonn kommen, um gemeinsam über Migration, Integration, Entwicklung nachzudenken, dann zeigt das, welches Gewicht das Thema bekommen hat: "Metropolis", so der Name der Konferenz, ist eine Art Denkfabrik, in der Lösungen erarbeiten werden sollen. Wie die aussehen könnten, wollen sie am Montag (27.10.2008) bei "Elele" sehen. Vor fast 20 Jahren wurde die deutsch-türkische Kindertagesstätte gegründet - ein Versuch, Migranten - und Nichtmigrantenkinder gemeinsam auf das Leben in Deutschland vorzubereiten.

Ayla Uzun, in der Türkei geboren, Mutter zweier Söhne und Lehrerin für Metalltechnik an einer Berufsschule, ist zum 19. Mal Vorsitzende des Elternvereins - und stolz auf ihren Kindergarten, der bewusst "Elele", also "Hand in Hand" genannt wurde. Sprachförderung zum Beispiel wurde schon betrieben, als die Politiker das Problem noch gar nicht erkannt hatten.

WDR.de: Frau Uzun, Sie bekommen heute hohen Besuch. Was können denn ein englischer Professor oder der Vertreter der kanadischen Einwanderungsbehörde bei Ihnen lernen?

Ayla Uzun: Sie können sehen, dass Deutschland international geworden ist. Und sie können eine Selbsthilfeorganisation von Migranten kennenlernen, die mittlerweile in diesem Land ansässig geworden sind und sich aktiv ins Leben hier einmischen.

WDR.de: Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Ihre Besucher das als Erkenntnis mitnehmen?

Uzun: Weil die türkische Seite als Problemgruppe dargestellt wird, die sozial schwach ist und gefördert werden muss. Natürlich ist das in manchen Bereichen so, aber es gibt auch Gruppen, die in der Lage sind, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

WDR.de: Was hat Sie so geärgert, dass Sie "die Sache selber in die Hand" nehmen wollten?

Uzun: Anfang der 90er-Jahre bekamen die Kinder der ausländischen Bevölkerung keinen Kindergartenplatz und mussten direkt in die Schule gehen. Sie wurden einfach nicht wahrgenommen. Deswegen haben wir mit Unterstützung der Stadt Solingen die Elterninitiative gegründet.

WDR.de: Fühlten Sie sich im Stich gelassen?

Uzun: Nein, nicht im Stich gelassen, sondern einfach nicht wahrgenommen. Es wurde nicht gesehen, dass die Menschen da waren und sich integrieren wollten und nicht nach drei Jahren wieder die Koffer packen.

WDR.de: Wenn es um die Migrantenkinder ging: Warum sind so viele deutsche Kinder dabei?

Uzun: Wir würden den Migrantenkindern ja keinen Gefallen tun, wenn wir im Kindergarten eine künstliche Welt schaffen, und wenn sie rausgehen, sind sie in Deutschland. Wir sind ein Teil der hiesigen Gesellschaft, und das soll sich hier widerspiegeln. Das sieht man auch an den Zahlen: Anfangs hatten wir 20 Prozent Migrantenkinder, jetzt sind es 40, und wir haben auch Kinder aus Thailand und China.

WDR.de: Wie sieht das aus, wenn so viele Kulturen im Kindergarten aufeinanderstoßen?

Uzun: Die Gremien sind gemischt, die Erzieherinnen-Teams auch, damit die Eltern sich angenommen fühlen. Und wenn demnächst wieder das Opferfest gefeiert wird, das wichtigste Fest der islamischen Welt, dann wird das auch im Kindergarten begangen. Genauso gehen wir alle zusammen auf den Martinszug. Wichtig ist, dass interkulturelles Leben normal wird. Ich sehe zu Hause auch deutsches und türkisches Fernsehen, und vor Weihnachten kaufe ich einen Baum.

WDR.de: Das klingt alles ganz einfach. Aber ohne Probleme geht das doch nicht ab, oder?

Uzun: Natürlich nicht. Wir hatten mal eine chinesische Familie, die kein Deutsch konnte, und da sind wir auch an unsere Grenzen gestoßen. Ansonsten haben wir die ganz normalen Probleme wie anderswo auch - Erziehungsprobleme, oder dass die Eltern keine Zeit für die Mitarbeit haben. Unser größtes Problem im Moment ist aber die Finanzierung, weil die Qualität unserer Arbeit unter Kibiz leidet. Ich bin nur noch Finanzverwalterin und kann gar nicht mehr über Inhalte nachdenken.

WDR.de: Werden Sie das auch Ihren Besuchern erzählen? Armin Laschet ist nicht nur Integrationsminister und deswegen Gastgeber der Konferenz, sondern auch Familienminister. Er wird sich wohl kaum freuen, wenn sein Gesetz kritisiert wird.

Uzun: Wenn wir das Problem verschweigen, tun wir niemandem einen Gefallen. Herr Laschet kann ruhig erfahren, dass ich meine Cents zusammenrechnen muss, um die Einrichtung zu erhalten.

WDR.de: Ziel der Konferenz in Bonn soll auch sein, dass Gruppen ihre Wünsche äußern können. Was wünschen Sie sich?

Uzun: Dass die Integration nicht als Einbahnstraße verstanden wird, sondern dass die Menschen sich aufeinander zu bewegen.

WDR.de: Und was möchten Sie die Besucher fragen?

Uzun: Mich würde es schon interessieren, wie ihre Länder mit Minderheiten umgehen, die von außen kommen, und ob die sich auch selbst helfen. Ich habe keine Ahnung, wie es in Südafrika oder Kanada damit aussieht.

Das Gespräch führte Marion Kretz-Mangold

Stichworte

Kinderbildungsgesetz (Kibiz)

Das Kinderbildungsgesetz wurde 2007 von der CDU/FDP-Landesregierung unter Jürgen Rüttgers (CDU) erarbeitet und gegen die Stimmen der rot-grünen Opposition im Landtag verabschiedet.

Das Gesetz sieht eine Finanzierung der Kindertagesstätten (Kita) über so genannte Kindpauschalen vor. Sach- und Personalkosten müssen aus der Pauschale bezahlt werden. Zur Miete gibt es einen Zuschuss.

Die Kitas werden vom Land, den Kommunen und durch Elternbeiträge finanziert. Das Kibiz senkt den Trägeranteil der Kirchen von 20 auf zwölf Prozent. 19 Prozent der Kita-Kosten werden durch Elternbeiträge getragen.

Einrichtungen, die als Familienzentren ausgezeichnet werden, bekommen einen Zuschuss von 12.000 Euro.

Die Kita bekommt 340 Euro für jedes Kind, das vor der Einschulung eine Sprachförderung braucht.

Nach dem Kibiz können Eltern zwischen Betreuungszeiten von 25, 35 und 45 Stunden pro Woche wählen.

3.000 der 9.700 Kindergärten sollen zu so genannten Familienzentren ausgebaut werden, die als Anlaufstelle für Beratung, Betreuung und Bildung dienen. Dafür gibt es jährlich eine zusätzliche Förderung von 12.000 Euro.

Mit Inkrafttreten des KiBiz wurde gleich eine Revision für das Jahr 2011 beschlossen.


Stand: 27.10.2008, 06.00 Uhr