Anwerbeabkommen mit der Türkei Deutschland - "eine total verrückte Idee"

Von Katrin Schlusen

Vor 50 Jahren wurde das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet. Fatma Benzeroğlu kam als eine der ersten türkischen Gastarbeiterinnen nach Dortmund. Die anfänglichen Alltagsprobleme und den ersten Schultag hat die Familie nicht vergessen.


(von links) Müjde und Kadriye Hancioğlu, Fatma Benzeroğlu und Mine Hancioğlu
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Familie Hancioğlu: (von links) Enkeltochter Müdje, Mutter Kadriye, Großmutter Fatma und Enkeltochter Mine

"Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen" - Max Frisch

"Es war eine total verrückte Idee, nach Deutschland zu kommen", erinnert sich Fatma Benzeroğlu. Die 80-Jährige wohnt mittlerweile wieder in Istanbul, aber jetzt ist sie zu Besuch bei ihrer Tochter in Dortmund. Wenn sie von ihrem bewegten Leben erzählt, übersetzen ihre Tochter und ihre beiden Enkelinnen für sie, denn inzwischen hat sie viel von der Sprache wieder vergessen, die sie in den 1960er-Jahren gelernt hat. Am 30. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die 80-Jährige erinnert sich noch an die ersten Gespräche in ihrem Bekanntenkreis. Immer wieder hieß es "Deutschland, Deutschland": Es wurden Arbeiter gesucht, und sie und ihr Mann bewarben sich.

Drei Jahre in Deutschland arbeiten


Zusammen mit ihrem Mann fasste sie einen abenteuerlichen Plan: Er würde zuerst nach Deutschland gehen, und sie würde mit Tochter und Sohn nachkommen. Sie würden drei Jahre bleiben, möglichst viel Geld ansparen und dann in die Türkei zurückkehren. Dort könnten sie sich von den Ersparnissen vielleicht eine Eigentumswohnung leisten. Im März 1962 fing ihr Mann als Schweißer in einer Dortmunder Fabrik an. Am 1. Oktober kam sie mit den Kindern nach. "Wir haben den ersten Monat im Hotel gewohnt", schildert Tochter Kadriye Hancioğlu. "Niemand wollte uns eine Wohnung geben - nicht an einen Ausländer und erst recht nicht an eine Familie mit Kindern." Schließlich konnten sie ein einzelnes Zimmer anmieten. Mit acht Parteien mussten sie sich eine Toilette und ein Bad teilen. Trotzdem war die Miete astronomisch: 250 Mark pro Monat.

"Wir Kinder wurden ganz toll aufgenommen"

Fatma Benzeroğlu nahm eine Stellung als Büglerin in einer Schneiderei an. "Das war Schwerstarbeit", erinnert sie sich. Die Bügeleisen wogen fünf Kilo. Für ihre Kinder begann die Schule. "Ich kam in die erste Klasse, wir waren 42 Schüler, das weiß ich noch wie heute", sagt Kadriye Hancioğlu, die damals neun Jahre alt war. Ihr Bruder - erst fünf - kam jeden Tag mit und spielte hinten im Klassenraum. "Wir Kinder wurden ganz toll aufgenommen", erinnert sich die heute 50-Jährige. Der Klassenlehrer habe sich richtig Zeit genommen, um nach dem Unterricht mit ihr Deutsch zu üben. An einem Tag hatten die anderen Kinder aus ihrer Klasse sogar eine große Überraschung vorbereitet: Das Geschwisterpaar bekam paketeweise Spielzeug und Kleidung geschenkt. Einfach nur so, aus Gastfreundschaft, weil die Eltern der Mitschüler wussten, dass sie nicht viel hatten.

Wie kocht man Wassermelonen?

In der Anfangszeit war es für die Familie nicht leicht, sich zurechtzufinden. Im Alltag ergaben sich ganz banale Problem: In welchem Laden bekommt man eigentlich was? Wo kauft man zum Beispiel Schreibpapier? Aber es gab auch viele lustige Erlebnisse. Einmal entdeckten Tochter und Mutter in einem Geschäft etwas ganz "Exotisches" - Wassermelonen. "Wir hatten solche Augen", erzählt Kadriye Hancioğlu. Eine deutsche Kundin fragte den Verkäufer: "Wie kocht man das denn?" Die beiden mussten herzlich lachen.

Tödlicher Unfall des Vaters

Mittlerweile hatten sich die Eltern an das Leben in Deutschland gewöhnt und beschlossen, bis zum Rentenalter in Dortmund zu bleiben. 1975 hatte der Vater jedoch einen tödlichen Unfall auf dem Weg zur Arbeit. Zwei Jahre später zog Fatma Benzeroğlu mit ihrem Sohn nach Istanbul zurück.

Große Liebe im Urlaub kennengelernt


Tochter Kadriye blieb in Deutschland. In der Zwischenzeit hatte sie eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau absolviert. Im Türkei-Urlaub lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen. "Eine Freundin hatte zu mir gesagt: Ich habe einen Bruder und ich werde euch verkuppeln." Ihr Mann hatte Volkswirtschaft in Ankara studiert, ging aus Liebe mit ihr nach Deutschland zurück - und arbeitete zunächst als Kellner. "Eines Tages kam er nach Hause und sagte: Ich könnte als Lehrer arbeiten". Sie half ihm beim Bewerbungsschreiben. Beim Schulamt Schwelm konnte er schließlich als Lehrer für Türkisch und Sachunterricht anfangen.

Auswandern in die Türkei?

2004 nahm sie die deutsche Staatsbürgerschaft an. "Das war eine lange Prozedur und hat zwei Jahre gedauert", erzählt Kadriyes Tochter Mine Hancioğlu. Für sie und ihre Schwestern ist Deutschland der Lebensmittelpunkt. Die älteste Schwester ist Beamtin, Mine ist Promotionsstudentin und die jüngste Schwester hat Germanistik und Archäologie studiert. "Ich könnte mir vorstellen, eines Tages in die Türkei zu gehen", sagt die 26-jährige Müjde. Für sie ist das ein Kindheitstraum. "Für mich wäre das aber kein Zurückkehren, sondern ein Auswandern."


Stand: 28.10.2011, 00.05 Uhr


Kommentare zum Thema (24)

letzter Kommentar: 31.10.2011, 11.12 Uhr

deutschländer schrieb am 31.10.2011, 11.12 Uhr:
über die meisten kommentare hier kann ich leider nur den kopf schütteln.bin mir nicht sicher ob es der neid ist der diesen eher boshaftigen aussagen den antrieb gibt oder die eigene unzufriedenheit.sicherlich ist es richtig das es auch einige zuwanderer gibt die es nicht geschaft haben sich zu 100% in unserer gesellschaft einzubringen.allerdings sollte man meiner meinung nach auch immer beide seiten betrachten.ich kenne auch viele zuwanderer familien.aus den erzählungen kann ich nur berichten das es nicht immer einfach für diese familien gewesen ist.man fand keine geeignete wohnung. sie wurden abgewiesen.die dinge des alltäglichen lebens zu bewältigen war auch nicht immer einfach.es gab sprach schwierigkeiten die von seiten der regierung nicht als defiziet registriert wurden weil die "ausländer" gut genug waren die deutsche wirtschaft und den wohlstand für uns mit aufzubauen. naja was ich sagen will ist wir sollten gemeinsam in die zukunft schauen und diese auch gemeinsam gestallten
Axel schrieb am 30.10.2011, 08.19 Uhr:
Die intelligent aussehenden türkischen Damen auf dem Foto oben haben aber auch gar nichst gemeinsam mit denen, die nach 50 Jahren immer noch kein Deutsch sprechen können. Es gibt eben solche und solche Türken, wie es auch solche und solche Deutsche gibt. Bonjour de Paris!
Gedeachtnis schrieb am 28.10.2011, 21.53 Uhr:
Zur Gedeachtnisauffrischunng,wie WIR(!)damals die Tuerkischen Neubuerger behandelt haben,sollten einige mal Wallraf lesen! WIR haben SIE eben NICHT als GAST(sic!)arbeiter behandelt,sondern zumeist nicht sehr viel besser als Zwangsarbeiter. Das dies uns nun(teilweise)auf die Fuesse feallt,mit einer unangepassten,da verstossenen 3ten Generation ist UNSERE EIGENE SCHULD und nicht das Verschulden der Zuwanderer! Das die Meisten aber trotz alledem leangst wertvolleMitglieder unserer Gemeinschaft sind,das wollen zu viele von uns nicht war haben und beschraenken sich auf die in Revolverbleattern veroeffentlichten negativ Beispiele in ihrem "Denken".
türkengeschädigter schrieb am 28.10.2011, 17.58 Uhr:
Nun, ich weiß nicht, wem ich Recht geben soll. Viele schreiben von Lohndumping, aber was wurde einem ungelernten Arbeiter -auch aus der Türkei- gerecht gezahlt? Die deutschen Hilfsarbeiter bekamen auch nicht mehr. Deshalb haben die türkischen Kräfte vorzugsweise bei der Müllabfuhr gearbeitet, weil es der bestbezahlte Job war, da konnten manche Gesellen nur von träumen. Nun- ein Vorstellungslohn wie das eines Arztes -die gehen heute ein Jahr umsonst arbeiten mit Nachtschicht, um eine Stelle zu bekommen oder Piloten?? Was stellt man sich vor- dass das Geld in Donald Duck Haus ausschwmmt? Die ersten Gastarbeiter haben gearbeitet. Aber was dann kam-- Ich kenne näher oder nahe vielleicht 9-10 Familien und alle arbeiten nicht und Gewalt und Geld ist das Hauptthema. Und wie beschei.. ich den Staat? Und die Politik will uns dies als liebenswerte Errungenschaft verkaufen. Danke Frau Böhmer. Und die hier lebenden Türken beschmutzen das Immage der in der Türkei Lebenden, denn die sind anders.
Anonym schrieb am 28.10.2011, 17.36 Uhr:
@DetlefausDuisburg schrieb heute, 15:34 Uhr: Ihre Ausführung stimmt so auch nicht. Die Anwerbebüros waren noch jahrelang geöffnet obwohl schon Zechen schlossen und von Vollarbeit nicht mehr die Rede war. Warum stolperte Ludwig Erhard wohl und zu seiner Zeit wurde kräftigst angeworben. Man hätte städtepolitisch damals schon die Anwerbung zu L.Erhards Zeiten stoppen müssen?

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