Gastarbeitergeschichte in Kinos gestartet Zu Hause in "Almanya"

Die Einwandererkomödie "Almanya" ist in den Kinos gestartet. Die Filmemacherinnen Yasemin und Nesrin Samdereli stammen aus Dortmund. In das Drehbuch sind auch eigene Kindheitserinnerungen eingeflossen, wie das verpatzte erste Weihnachtsfest.


Almaya-Macherinnen: Yasemin (r.) und Nesrin Samdereli; Rechte: dpa
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Almaya-Macherinnen: Yasemin (r.) und Nesrin Samdereli

Ihr Großvater kam erst alleine nach Deutschland, dann holte er seine Familie nach: Jetzt haben die Schwestern Yasemin (37) und Nesrin (31) Samdereli der Familiengeschichte ein Denkmal gesetzt. Ihr gemeinsamer Spielfilm "Almanya" - das türkische Wort für Deutschland - startet am Donnerstag (10.03.2011) in den Kinos. Die beiden Samdereli-Schwestern haben bereits an dem Film "Alles getürkt" und der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" mitgearbeitet. Im Interview mit WDR.de spricht die jüngere der beiden Schwestern, Drehbuchautorin Nesrin Samdereli, über ihr Karneval und Weihnachten bei Muslimen, ihre Familiengeschichte und Integration im Wandel der Zeit.

Im Film heißt die Familie Yilmaz. In den 60ern kam der Großvater aus der Türkei, um als Gastarbeiter sein Glück zu versuchen. In der Jetzt-Zeit angekommen, überrascht er seine Familie mit einem gemeinsamen Ausflug in die Türkei.

WDR.de: Sie haben fast zehn Jahre lang an dem Film-Projekt gearbeitet. Heute kommt der Film endlich in die Kinos. Sind Sie erleichtert?

Nesrin Samdereli: Auf der einen Seite ist da Erleichterung, auf der anderen Seite eine riesige Anspannung, weil es noch nicht so weit ist. Wir sind sehr gespannt, wie es laufen wird. Man wünscht sich auch ein Publikum für den Film.

WDR.de: Sie sind in Dortmund aufgewachsen. Wie war das damals?

Samdereli: Wir sind in Lütgendortmund groß geworden und ich hatte ein sehr deutsches Umfeld. Damals gab es in diesem Stadtteil kaum Ausländer. Ich war auf einer katholischen Grundschule und auch das einzige Kind nicht-christlicher Herkunft. Trotzdem habe ich beim "Vater unser" mitgebetet. Ich hatte das Glück, das meine Eltern sehr liberal waren. So haben meine Schwester und ich auch die deutsche Kultur sehr nah mitbekommen. Ich war in einem Karnevalsverein und Funkenmariechen und meine Schwester war in einem Spielmannszug und hat Querflöte gespielt. Wir haben von unseren Eltern nicht den Druck bekommen, das Türkische um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Die haben sehr viel dafür getan, dass wir uns wohlfühlen und nicht wie Urlauber auf Zeit. Meine Mama hat auch immer klar gesagt, sie will nicht mehr zurückkehren und mit diesem Gefühl sind wir groß geworden.

WDR.de: Sie haben das Drehbuch für den Film zusammen mit ihrer Schwester verfasst und zum Teil auch eigene Erinnerungen in das Buch gebracht...

Samdereli: Es gibt in dem Film die Weihnachtsszene: Das war wirklich etwas, was Yasemin und ich so erlebt haben. Wir haben das Weihnachtenfeiern mit unserer Mutter versucht und es war so ähnlich wie im Film. Der Baum sah nicht gut aus, es war ein Plastikbäumchen. Und die Geschenke waren nicht verpackt, weil sie nicht wusste, dass man das so machen muss. Überhaupt war es am Anfang ein Fiasko. Wir waren als Kinder total enttäuscht, haben aber auch nicht aufgehört, jedes Jahr weiter zu nerven und unsere Mutter so weit zu bringen, dass es irgendwann auch ganz gut geklappt hat.

WDR.de: In ihrem Film geht es auch darum, dass die Deutschen sehr neugierig auf die ersten Gastarbeiter waren. Wie kam es dazu?

Samdereli: Man wusste, da kommen Gastarbeiter, um der Wirtschaft zu helfen. Mit dem Gefühl: "Wir haben jetzt Gäste, aber die gehen auch wieder" - kann man wahrscheinlich auch viel offener sein. Unsere Oma hat uns erzählt, dass sie beim Aldi einkaufen war und ein deutscher Mann ihr angeboten hat, die Einkäufe nach Hause zu tragen. Der hat sie echt bis zur Haustür begleitet! Sie hatte auch eine Freundschaft mit einer deutschen Nachbarin, die natürlich kein Türkisch konnte und meine Oma konnte auch noch kein Deutsch. Aber diese Nachbarin kam trotzdem immer vorbei zum Kaffeetrinken. Die Frau redete und redete und meine Oma verstand kein Wort. Die hatten trotzdem eine Freundschaft, eine Nachbarschaft. Das haben wir in unserer Jugend gar nicht so erlebt, da war die Stimmung schon ganz anders. Ich denke, heute ist das gar nicht mehr möglich. Heute hat man schon feste Bilder von der anderen Kultur - damals gab es noch nicht so negative Vorurteile.

WDR.de: Heute haben viele deutsch-türkische Jugendliche aus Dortmund große Probleme damit, eine Lehrstelle zu finden. Bei Ihnen ist es ganz anders gelaufen: Ihr Film wurde mit einem großen Budget produziert. Ihr Werdegang ist wie im Märchen. Wie haben Sie das geschafft?

Samdereli: Es war eigentlich gar nicht märchenhaft. Von der ersten Idee zum Film bis jetzt hat es zehn Jahre gedauert. Uns ist das nicht in den Schoß gefallen. Wir hatten das Glück, dass wir einen künstlerischen Werdegang eingeschlagen haben. Da ist die Toleranz gegenüber Migranten größer. Yasemin hatte das Glück, dass sie wirklich sehr früh an die Filmhochschule in München gekommen ist und ich habe dann später in Berlin studiert.

WDR.de: Wie hat das Zusammenarbeiten mit der Schwester geklappt?

Samdereli: Wir haben sehr früh damit angefangen. Schon als kleines Mädchen habe ich immer geschrieben. Yasemin hat das mitbekommen und dann gesagt: "Wenn du dich anstrengst, dann mache ich vielleicht einen Kurzfilm daraus." Später als ich dann das Abi hatte, bin ich erst zu meiner Schwester nach München gezogen und wir haben viel Drehbucharbeit gemeinsam gemacht. Yasemin war immer für die Regie zuständig. Für mich kam die Regiearbeit erst bei "Almanya" dazu. Meine Schwester wollte, dass ich beim Dreh dabei bin, erst als Kontrollinstanz, um mitzuschauen, ob wirklich alles in unserem Sinne passiert. Dann haben wir gemerkt, dass wir ein zu großes Pensum hatten und wir mussten uns bei der Regie aufteilen. Da kam dann von ihr die ganz klare Ansage: "Nesrin, das musst du jetzt machen."

WDR.de: Gibt es auch manchmal Streit?

Samdereli: Bei der Drehbucharbeit wird viel diskutiert - aber das hätte ich mit jedem anderen Co-Autoren mindestens genauso. Das Gute ist, dass Yasemin und ich uns schon immer einigen können, wir sind aber auch nicht identisch in dem, was uns gefällt. Wenn es mal Diskussionen gibt, dann ist das für uns nie ein Grund, nicht weiter zusammenzuarbeiten.

WDR.de: Wie geht es nach Almanya weiter? Gibt es schon ein neues Projekt?

Samdereli: Wir arbeiten an diversen Projekten, aber noch ist nicht klar, was als Nächstes produziert wird. Aber wir sind auf jeden Fall gemeinsam dabei.

Das Interview führte Katrin Schlusen.


Stand: 10.03.2011, 02.00 Uhr