Die Zwickauer Zelle in NRW - Teil 2 Die Nagelbombe und der fatale Irrtum der Ermittler

Von Dominik Reinle

Am 4. November 2011 enttarnte sich der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) selbst. Die sogenannte Zwickauer Terrorzelle soll jahrelang unerkannt gebombt und gemordet haben - drei Mal in NRW. Warum haben die Behörden die Fälle nicht aufgeklärt? Teil 2: Die Nagelbombe in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004.


Polizisten untersuchen am 09.06.2004 in Köln-Mülheim die Trümmer einer Bombenexplosion
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Die Nagelbombe an der Kölner Keupstraße verletzt 22 Menschen

Die Überwachungskameras des Musiksenders Viva im Kölner Stadtteil Mülheim zeichnen am 9. Juni 2004 Bilder auf, die später als Fahndungsfotos verwendet werden: Gegen 14.30 Uhr schiebt ein etwa 25 bis 30 Jahre alter Mann mit Baseballkappe zwei Mountainbikes durch die Schanzenstraße. Kurz darauf kommt er ohne die Räder zurück. Um 15.10 Uhr taucht er wieder auf – gefolgt von einem weiteren gleichaltrigen Mann, der ein Damenfahrrad mit aufmontiertem Hartschalenkoffer schiebt. Darin ist eine Bombe versteckt, die - wie die Polizei später feststellt - aus einer Gasflasche, 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und rund 800 Nägeln besteht. Abgestellt wird das Damenrad schließlich vor einem Friseursalon an der Keupstraße. Dort haben sich etliche türkische Kleinunternehmer niedergelassen, die Geschäfte und Restaurants betreiben.


Nägel der Nagelbombe, die am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße explodiert ist
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Rund 800 Nägel sind in einem Umkreis von bis zu 100 Metern verteilt

Die Nagelbombe wird um 15.56 Uhr mit einer Funkfernsteuerung gezündet. 22 Menschen werden verletzt, vier davon schwer. "Bei den Personen, die sich unmittelbar am Explosionsort aufhielten, drangen zahlreiche Metallnägel in die Körper ein", heißt es in einem Polizeibericht. Die Wucht der Detonation habe die Nägel in einem Umkreis von bis zu 100 Metern verteilt. Mehr als 30 Fensterscheiben zersplittern, 15 Autos werden zum Teil erheblich beschädigt.

Verdeckte Ermittler auf Opfer angesetzt

In den ersten Minuten nach dem Anschlag geht die Kölner Polizei von einer Gasexplosion aus, dann werden die Nägel gefunden. Eine Ringfahndung wird gestartet. Um 17.04 Uhr versendet das Landeskriminalamt in Düsseldorf an verschiedene Sicherheitsbehörden eine E-Mail. In der Betreffzeile heißt es "Terroristische Gewaltkriminalität". Um 17.25 Uhr informiert das Lagezentrum der Polizei beim NRW-Innenministerium den damaligen Minister Fritz Behrens (SPD) über die Situation. Bereits elf Minuten später bittet das Lagezentrum das LKA allerdings um die Streichung des Begriffs "'terroristischer Anschlag' aus dem momentanen Schriftverkehr". Wer aus welchem Grund diese Anweisung erlassen hat, ist bisher ungeklärt. Das LKA jedenfalls folgt der "Bitte", ändert seine Einschätzung und verschickt um 17.45 Uhr eine weitere E-Mail: "Die im Bezug genannte Lageerstmeldung wird korrigiert. Bisher liegen keine Hinweise auf terroristische Gewaltkriminalität vor." Eine Begründung dafür wird nicht genannt.


Am Tag nach dem Attentat verkündet der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD): "Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu." Da die Kölner Polizei kein Bekennerschreiben gefunden hat, vernehmen die Ermittler weiter die Anwohner, werten Mobiltelefonate während der Tatzeit aus und überprüfen per Rasterfahndung alle 25- bis 35-jährigen Männer im Viertel. Weil für die Polizei rivalisierende türkische und kurdische Gruppen als mögliche Täter infrage kommen, platziert sie verdeckte Ermittler in der Keupstraße. Einen Bezug zur Türsteher- oder Drogenszene halten die Fahnder ebenfalls für denkbar. Doch keine der Maßnahmen ist zielführend. "Nach einem halben Jahr verdeckter Ermittlungen stellt die Polizei fest, dass es keinen Zusammenhang zum 'Rotlicht-, Rauschgifthandel- und Schutzgelderpressermilieu' gibt", schreiben der NDR-Redakteur John Goetz und der Journalist Christian Fuchs in ihrem Buch "Die Zelle".

Nichts "wirklich falsch" gelaufen?


Die Bewohner der Keupstraße weisen die Polizei zwar mehrfach daraufhin, dass der Anschlag möglicherweise in einem Zusammenhang zu den Serienmorden an türkischen Geschäftsleuten in Deutschland stehe oder die Täter ein fremdenfeindliches Motiv gehabt haben könnten, doch das bleibt offenbar ohne Konsequenzen. Auch ein Vergleich mit dem 2001 verübten Bombenanschlag in der Kölner Probsteigasse auf das Lebensmittelgeschäft einer deutsch-iranischen Familie verläuft ergebnislos.


Polizisten untersuchen am 09.06.2004 in Köln-M lheim die Trümmer einer Bombenexplosion.
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Rund 3.000 Spuren ohne Ergebnis untersucht

Nach rund 3.000 ergebnislos abgearbeiteten Spuren stellt die Kölner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen 2008 ein, für weitere Untersuchungen fehlen "jegliche Ansatzpunkte". Nach dem Bekanntwerden des NSU im November 2011 stellt sich diese Einschätzung als falsch heraus. Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages fragt die SPD-Abgeordnete Eva Högl im Juli 2012 deshalb den Polizeibeamten Markus Weber, der die Untersuchungen zur Keupstraße geleitet hat: "Was ist schiefgelaufen damals bei der Ermittlungsarbeit?" Der Kölner Kriminalhaupkommissar antwortet: "Wir haben die Ermittlungen so weit geführt, wie sie zum damaligen Zeitpunkt zur führen waren." Er finde den Ansatzpunkt nicht, wo er ganz klar sagen müsse: "Hier ist etwas wirklich falsch gelaufen." Högl entgegnet ihm: "14 Jahre taucht ein Trio unter, zehn Morde werden begangen. Es muss etwas schiefgelaufen sein."

Ermittlungen örtlich und zeitlich eingeschränkt

Tatsächlich kommen bei der Befragung von Markus Weber durch den Ausschuss einige Punkte zur Sprache, die anscheinend nicht optimal gelaufen sind. Die Abgeordneten wundern sich zum Beispiel darüber, dass die Kölner Polizei die Täter vor allem in der Region gesucht hat. Der Ausschussvorsitzende, Sebastian Edathy (SPD) fragt, ob es für die Beamten denn nicht denkbar gewesen sei, "dass die Täter von Köln nicht unbedingt in Nordrhein-Westfalen gewohnt haben müssen?" Weber antwortet, das sei damals die plausibelste und naheliegendste Möglichkeit gewesen. Da die Täter mit Fahrrädern unterwegs gewesen seien, habe die Polizei angenommen, dass sie "im näheren Umfeld des Tatortes zumindest einen sogenannten Ankerpunkt haben mussten."


Fahndungsbilder von Beate Zschaepe (v. l. ), Uwe Boehnhardt und Uwe Mundlos
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Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos

Die Ermittlungen sind allerdings teilweise nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich eingegrenzt worden. Bei einer Anfrage des LKA NRW an den "Tatmittelmeldedienst für Spreng- und Brandvorrichtungen" (TMD) wird ein zu kurzer Recherche-Zeitraum genannt. In dieser Zentraldatei, die beim BKA angesiedelt ist, werden bundesweit alle Sprengstoff-Fälle verzeichnet. Aufgelistet sind darin auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die in den 1990er Jahren im Zusammenhang mit Sprengstoff-Delikten aufgefallen sind. Kurz bevor in Jena in einer von Böhnhardt angemieteten Garage vier funktionsfähige Rohrbomben gefunden wurden, ist das Trio im Januar 1998 untergetaucht. Die LKA-Abfrage von 2004 reicht allerdings nur bis Januar 1999 zurück - und bleibt somit ohne Treffer. Der CDU-Abgeordnete Clemens Binninger hält die Eingrenzung der Abfrage auf einen Zeitraum von fünf Jahren für willkürlich und einen "verhängnisvollen Fehler". Hätte man den Zeitraum größer gefasst, hätte man dem Trio auf die Spur kommen können.

Die Abgeordnete Petra Pau (Linke) betont im NSU-Untersuchungsausschuss, dass Profiler des LKA NRW schon im Juli 2004 eine sogenannte Operative Fallanalyse erstellt hätten, in der klar eine fremdenfeindliche Motivation als das wahrscheinlichste Motiv der Täter benannt worden sei. Doch diese Analyse, so scheint es, ist offenbar ohne Einfluss auf die Ermittlungen geblieben.

Zu Hellseherin nach München gereist

Auch inhaltlich haben die Kölner Fahnder offenbar mit einem Tunnelblick gearbeitet. Sie haben sich vorwiegend mit den Möglichkeiten "Ausländerextremismus" und "Organisierte Kriminalität im Umfeld der Opfer" befasst. Rechtsextremismus hingegen scheint eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Zwar werden einzelne Hinweise auf Neonazis abgearbeitet, aber sie sind offenbar kein Denkanstoß für umfassende Recherchen. Die SPD-Abgeordnete Högl sagt im Bundestagsuntersuchungsausschuss, aus den Akten sei nicht ersichtlich, "dass wirklich systematisch, gezielt, konzentriert in Richtung fremdenfeindlicher Hintergrund ermittelt wurde."

Aufschlussreich scheint in diesem Zusammenhang, dass Ermittlungschef Weber die Falschinterpretation eines ausländerfeindlichen Flugblatts im Untersuchungsausschuss verteidigt. Während das Flugblatt einfach nur abgeheftet wird, gibt sich die Kölner Polizei bei einem anderen Ermittlungsansatz wesentlich mehr Mühe: Nach Anrufen einer Hellseherin reisen zwei Beamte zu ihr nach München, um sich dort "Stimmen aus dem Jenseits" anzuhören.

Misstrauen zwischen den Behörden


Fahndungsfoto der Kölner Polizei nach dem Anschlag in der Keupstraße 2004, das den mutmaßlichen Bombenleger mit einem Fahrrad zeigt

Fahndungsfoto: Ein Mann schiebt das Fahrrad mit der Bombe

Auch bei der Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden hat es offenbar Probleme gegeben. Insbesondere der Austausch zwischen Verfassungsschutz und Polizei scheint nicht geklappt zu haben. So wird offenbar zum Beispiel ein Dossier des Bundesverfassungsschutzes der Kölner Polizei nicht zur Verfügung gestellt. Darin geht es um Nagelbomben-Anschläge auf Migranten in Großbritannien und deutsche Sympathisanten der englischen Neonazi-Gruppe "Combat 18".  Doch auch die Polizei gibt sich zugeknöpft: Das Bundesamt für Verfassungsschutz erhält keine Kopie der Aufnahmen, die die Viva-Überwachungskameras von den mutmaßlichen Tätern gemacht haben.

In einem Gedächtnisprotokoll eines Beamten, aus dem der Ausschussvorsitzende Edathy zitiert, heißt es sogar, bei einem Treffen von Polizei und Verfassungsschutz zur Keupstraße habe gegenseitiges Misstrauen geherrscht.

Selbstkritik beim Verfassungsschutz


Der Voritzende des NSU-Untersuchungsausschusses Sebastian Edathy (SPD, r.) unterhält sich mit dem Zeugen Hartwig Möller
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Zeuge Hartwig Möller im Gespräch mit dem Vorsitzenden Sebastian Edathy

Der ehemalige Chef des NRW-Verfassungsschutzes, Hartwig Möller, gibt sich vor dem Untersuchungsausschuss selbstkritisch: "Ich habe erkennen müssen, dass auch in meiner aktiven Amtszeit aufgrund von Fehleinschätzungen der Sicherheitsbehörden bei der Ermittlungsarbeit falsche Wege beschritten wurden." Die richtigen Wege seien nicht oder nicht konsequent genug gegangen worden.

Dazu gehöre auch das eigene Vorgehen. Er werfe sich heute auch vor, bei seinen Kollegen in anderen Bundesländern nicht intensiver nachgehört zu haben. "Wenn ich mich frage: 'Was hätte ich anders machen müssen?', dann hätte ich mich nicht so früh damit zufrieden geben dürfen, dass die gesagt haben: Da ist nichts." Ihm sei nicht bekannt gewesen, was an Erkenntnissen in ostdeutschen Ländern und beim Bund schon vorhanden war, sagt Möller. "Ich habe auch nicht weiter nachgehakt, weil mir dafür einfach vielleicht die Fantasie gefehlt hat."

Aktueller Ermittlungsstand

Auf die Frage von WDR.de nach dem neuesten Stand der Untersuchungen verweisen sowohl Polizei als auch Verfassungsschutz an die Generalbundesanwaltschaft, die am 11. November 2011 alle Ermittlungen übernommen hat. Von dort sind allerdings ebenfalls keine Informationen zu erhalten. Der "NSU-Verfahrenskomplex" sei noch nicht abgeschlossen.

Auf die Frage, ob bei den Ermittlungen Fehler gemacht wurden und daraus disziplinarische Konsequenzen gezogen worden sind, antwortet die Generalsbundesanwaltschaft: "Die Bewertung der Tätigkeit anderer Behörden obliegt ihr nicht." Zu etwaigen Maßnahmen anderer Behörden könne keine Auskunft erteilt werden.

Stichworte

Bekenner-DVD

Auf der Paulchen-Panther-DVD, die das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe im November 2011 verschickt, wird der Anschlag "Aktion Dönerspieß" genannt und ein Schild mit der Aufschrift "Bombenstimmung für die Keupstraße" eingeblendet.

"Über mehrere Minuten zeigt der Film Ausschnitte aus TV-Berichten, die im WDR, bei N-TV und dem ZDF über den Anschlag gesendet wurden", schreiben der NDR-Redakteur John Goetz und der Journalist Christian Fuchs in ihrem Buch "Die Zelle". Die Bilder zeigen einen Feuerwehrmann, die eine verletzte Frau mit Kopftuch wegträgt, ein Opfer, das mit Bandagen auf einer Trage liegt, und Verletzte mit Kopfverbänden.

Vergleich mit Kölner Anschlag von 2001

Im Juni 2004 teilt Kriminalhauptkommissar Edgar Mittler, der die Ermittlungen nach dem Anschlag in der Kölner Probsteigasse 2001 geleitet hat, der Ermittlungskommission zur Keupstraße mit, dass er zwischen den beiden Delikten "deutliche Parallelen" sehe.

Daraufhin macht ein Kölner Polizeibeamter eine "vergleichende Gegenüberstellung" der Explosion in der Keupstraße und der Explosion in der Kölner Probsteigasse von 2001. "Diese Synopse ergibt selbst für einen Laien so viel übereinstimmende Merkmale – das ist unglaublich", stellt der CDU-Abgeordnete Armin Schuster im Juli 2012 im NSU-Untersuchungsausschuss fest. Aber trotzdem komme der Beamte zu dem Ergebnis, es gäbe zwar einige Ähnlichkeiten, "aber von einer gleichen Täterschaft könne nicht ausgegangen werden, 'wenngleich diese nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.' "

"Nationalsozialistischer Untergrund"

Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) ist eine rechtsextreme Terrorgruppe. Sie soll für eine Mordserie an neun ausländischen Einzelhändlern zwischen 2000 und 2006 sowie zwei Bombenattentaten in Köln 2001 und 2004 verantwortlich sein. Auch der Mord an einer Polizistin 2007 wird der Gruppierung zugerechnet. Der NSU soll auch Banküberfälle begangen haben. Ihre bisher bekannten Mitglieder sind mutmaßlich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Die Machenschaften der "Zwickauer Terrorzelle" kamen im Herbst 2011 ans Licht. Nach einem Banküberfall am 4. November 2011 hatten sich Böhnhardt und Mundlos in einem Wohnmobil verschanzt. Als die Polizei sie ausfindig gemacht hatte, begingen sie Selbstmord. Am selben Tag explodierte das Haus, in dem das Trio eine Wohnung gemietet hatte. In den Trümmern stieß die Polizei auf ein Bekennervideo, in dem die drei Verdächtigen mit ihren Taten prahlen. Vier Tage später stellte sich Beate Zschäpe der Polizei. Sie steht derzeit gemeinsam mit mutmaßlichen NSU-Helfern in München vor Gericht.

NSU-Untersuchungsausschuss

Der Bundestag hat auf Antrag aller fünf Fraktionen am 26. Januar 2012 einen Untersuchungsausschuss zur Neonazi-Mord- und Anschlagserie eingesetzt. Das Gremium unter Vorsitz des Abgeordneten Sebastian Edathy (SPD) soll einen Beitrag zur Aufklärung der Taten der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) leisten. Zudem sollen Schlussfolgerungen für Struktur und Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden sowie für eine effektive Bekämpfung des Rechtsextremismus gezogen werden.

Dem Gremium, das Empfehlungen aussprechen soll, gehören elf Bundestagsabgeordnete an. Die Arbeit des Ausschusses endet voraussichtlich im Sommer 2013.

Regional eingegrenzte Ermittlungen

Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss gibt der Kölner Oberstaatsanwalt Josef Rainer Wolf im Juli 2012 zu Protokoll, dass der Staatsanwaltschaft von der Kölner Polizei erläutert worden sei, "dass die Täter halt eben im Nahbereich von Köln-Mülheim, rechtsrheinisches Köln, maximal bis Bergisch Gladbach, Bensberg und im Leverkusener Raum zu suchen sein sollten."

Deshalb habe die Staatsanwaltschaft gar nicht daran gedacht, "dass diese möglichen Täter, welchen Hintergrund sie auch immer haben, aus Nord-, Süd- oder Ostdeutschland gekommen" sein könnten, so Wolf. "Sondern wir sind immer davon ausgegangen, dass diese Täter sich im Nahbereich von Köln und speziell im rechtsrheinischen Nahbereich von Köln aufgehalten haben müssen."

Ausländerextremismus

Dass der Leiter der politischen Abteilung bei der Kölner Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Josef Rainer Wolf, mit dem Ermittlungsverfahren Keupstraße beauftragt worden ist, hat daran gelegen, dass ein möglicher politischer Hintergrund des Anschlags nicht ausgeschlossen werden konnte. Allerdings hat dabei nicht so sehr der Gedanke an ein mögliches rechtsextremes Motiv den Ausschlag gegeben, sondern die Annahme, es könne sich um eine Auseinandersetzung unter Ausländern handeln.

Beim Begriff Keupstraße sei den Behörden unmittelbar nach dem Anschlag "eine mögliche Auseinandersetzung mit politischem Hintergrund durch den Kopf gegangen", sagt Wolf im Juli 2012 vor dem Untersuchungsausschuss, "weil wir ja eine ganze Reihe von teilweise doch recht gravierenden Auseinandersetzungen zwischen national eingestellten Türken und Kurden im Gebiet der Keupstraße hatten."

Auf Nachfrage des Ausschussvorsitzenden Sebastian Edathy (SPD) erläutert Wolf, es sei in der Vergangenheit an der Keupstraße zu "körperlichen Auseinandersetzungen heftigster Art" zwischen Türken und Kurden gekommen. Es habe sich um "Delikte im Bereich der Körperverletzung" gehandelt. Aber warum dann die Assoziation, dass der Bombenanschlag einen ähnlichen Hintergrund haben könnte, fragt Edathy: "Kein nationalistischer Türke und kein kurdischer Bürger hätte doch bei einem Anschlag dieser Art sichergehen können, nicht möglicherweise auch, in Anführungsstrichen, die eigenen Leute zu verletzen."

Ermittlungen nach rechts

Bei der Befragung im NSU-Untersuchungsausschuss will die SPD-Abgeordnete Högl im Juli 2012 vom Ermittlungsleiter Weber wissen, wie seine Arbeit durch zwei sogenannte Fallanalysen beeinflusst worden sei, die einen "fremdenfeindlichen Hintergrund als durchaus wahrscheinlich erachtet haben". Die eine Analyse hat das LKA NRW im Juli 2004 vorgelegt, die andere stammt vom BKA im Februar 2005. Besonders in der BKA-Analyse werde ausgeführt, so Högl, dass die Taten menschenverachtend seien und bei den Tätern vermutlich "Türkenhass" eine Rolle spiele. "Was wurde denn tatsächlich gemacht in Richtung fremdenfeindlicher Hintergrund?", fragt Högl. Weber antwortet: "In Richtung fremdenfeindlicher Hintergrund zunächst mal nichts." Man habe sich zunächst "auf einen örtlichen Bereich" gestützt.

Im Mai 2005 schreibt die Kölner Polizei schließlich einen Bericht, in dem begründet wird, weshalb verdeckte Ermittlungen durchgeführt werden sollen. Daraufhin wird nach Högls Angaben insgesamt 22 Monate lang "im Bereich der Familien der Opfer verdeckt ermittelt" – unter anderem zu "Schutzgelderpressung" und "Rotlichtmilieu".

Die Ausrichtung der Ermittlungen hat auch Auswirkungen auf den zuständigen Oberstaatsanwalt Josef Rainer Wolf. Er leitet damals die politischen Abteilung bei der Kölner Staatsanwaltschaft, wo der Fall Keupstraße wegen eines möglichen politischen Hintergrundes ursprünglich angesiedelt worden ist. Bei seiner Befragung durch den Untersuchungsausschuss im Juli 2012 sagt er: "Wenn Sie Leiter einer politischen Abteilung sind, kommt ja irgendwann auch der Zeitpunkt, wo man sagt: Das kann ja dann auch in einer anderen Abteilung bearbeitet werden." Sein berufliches Ehrgefühl habe ihn aber davon abgehalten, das Verfahren abzugeben.

Hinweise auf Neonazis

In den Ermittlungsakten der Kölner Polizei gibt es im Zusammenhang mit Neonazis unter anderem die "Spur 104". "Dabei handelte es sich um die Beobachtung eines Augenzeugen, der gesehen hat, wie ein stadtbekannter Neonazi ... am Tattag des Bombenschlags in der Keupstraße sich auffällig intensiv an der Absperrung des Tatorts mit einer Polizistin über Details des Anschlags unterhielt und sie quasi – ich nenne es mal so – ausquetschen wollte", sagt die Abgeordnete Petra Pau von der Linksfraktion im September 2012 im NSU-Untersuchungsausschuss.

In der Spurenakte heißt es, der Mann an der Absperrung sei Mitglied des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" (KDS) sowie der "Kameradschaft Walter Spangenberg": "Beide Gruppierungen sind dem deutschen Rechtsextremismus zuzurechnen und werden von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet." Die Beamten kommen zum Schluss, dass der Mann "als Person, die eines der Fahrräder geschoben haben könnte", ausscheidet. Die "Spur 104" sei für das Verfahren "ohne weitere Relevanz".

Die "Kameradschaft Walter Spangenberg" wird im Mai 2012 von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) verboten. Der KDS hat sich schon Jahre zuvor selbst aufgelöst.

Ausländerfeindliches Flugblatt

Die SPD-Abgeordnete Högl spricht den Zeugen Markus Weber während der Befragung im NSU-Untersuchungsausschuss im Juli 2012 auf ein Flugblatt an, das nach dem Anschlag im November 2004 in einer Kölner Straßenbahn gefunden und in den Akten abgeheftet worden ist. Darin heißt es: "Wie Sie vielleicht wissen, ist die Keupstraße bewohnt von sehr vielen Ausländern und das gefällt sehr vielen Deutschen nicht." Und fett gedruckt: "Deutsche wehrt euch!" Auf dem Flugblatt sei ein handschriftlicher Vermerk vom März 2005 zu finden, der den Text in sein Gegenteil verdrehe und ihn fälschlicherweise als "Widerstand gegen Ausländerfeindlichkeit" deute, sagt Högl.

Aus Webers Sicht lässt das Flugblatt jedoch Interpretationen in beide Richtungen zu: "'Wehrt euch', im Sinne geht gegen Ausländer vor – oder: 'Wehrt euch', geht gegen ausländerfeindliche Leute vor." Daraufhin fragt der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Wieland den früheren Ermittlungsleiter, ob er denn wisse, was in der Nazi-Zeit beim Boykott jüdischer Läden an die Schaufenster geschrieben worden sei. "Das könnte ich Ihnen im Detail jetzt nicht wiedergeben", antwortet Weber. Wieland klärt ihn auf: "In der Regel stand da: 'Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!'" Deswegen verstehe er nicht, wie bei der Polizei ein solches Flugblatt "quasi als neutral" ausgelegt werden könne.

Mehr Geschichtsbewusstsein zeigt anschließend der pensionierte Kölner Oberstaatsanwalt Josef Rainer Wolf bei seiner Vernehmung durch den Ausschuss. Eva Högl fragt ihn: "Ist das aus Ihrer Sicht nicht absurd, dieses Flugblatt so falsch zu verstehen?" Wolf, der bei der Kölner Staatsanwaltschaft die politische Abteilung geleitet hat, antwortet: "Ich interpretiere so ein Flugblatt, dass jemand seine innere Sympathie mit dem Vorkommnissen in der Keupstraße zum Ausdruck bringen will."

Hellseherin

Am Tag nach dem Anschlag in der Keupstraße meldet sich bei der Kölner Polizei telefonisch eine Hellseherin aus München und behauptet, sie hätte "eine mediale Durchsage" erhalten – wie es in einem Vermerk der Polizei heißt. Zunächst gibt sie an, die Tat hätte einen terroristischen Hintergrund, in einem weiteren Telefonat spricht sie dann von "Banden, die Rache als Motiv hätten" und "Rauschgift".

Schließlich fahren am 30. Juni 2004 zwei Beamte von Köln nach München zur Vernehmung der Frau. Die Beamten schildern später in einem "Eindrucksvermerk", die Hellseherin habe mit einem Kassettenrekorder hantiert: "Sie rief die Geister an und bat ihren verstorbenen Vater um Hilfe." Nach jeder gestellten Frage habe sie eine Pause eingelegt. Danach habe sie die nicht besprochenen Bandabschnitte nach Stimmen aus dem Jenseits abgehört. "Aufgrund fehlender Ausbildung war dies den Beamten jedoch nicht möglich", heißt es - möglicherweise ironisch - im Vermerk. Denn die Kölner Polizisten halten abschließend fest, dass die Hellseherin "in einer völlig irrationalen Welt lebt".

Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss sagt Kriminalhauptkommissar Weber, der die Ermittlungen zum Anschlag in der Keupstraße geleitet hat: Wir würden "das in einem vergleichbaren Fall sicherlich wieder tun, solange es keine anderen Dinge gibt, die da irgendwo schon die Richtung ganz klar vorgeben." Im Zweifel gehe es darum, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Er habe aber "ansonsten keinen Kontakt zu Wahrsagern". Dem Ausschuss versichert er im Juli 2012: "Glauben Sie mir, in der Kommission ist auch über diesen Fall gelacht worden."

Dossier über "Combat 18"

Die Bundestagsabgeordnete Petra Pau (Linke) konfrontiert im Juli 2012 im NSU-Untersuchungsausschuss den Kölner Ermittlungschef Markus Weber mit einem Dossier, das der Bundesverfassungsschutzes zum Anschlag in der Keupstraße am 8. Juli 2004, also bereits einen Monat nach der Tat verfasst hat. "In diesem Papier wird darauf hingewiesen, dass vor allem Nagelbomben von der englischen neonazistischen Organisation 'Combat 18' benutzt wurden und dass von dieser Organisation auch Anleitungen zum Bau solcher Bomben publiziert wurden", so Pau. In dem Dossier heißt es, die 1999 in London verübten Anschläge könnten den Tätern von Köln "als Muster gedient haben". Denn: "Aufgrund ihres militant ausgerichteten Renommees findet C18 in Teilen der rechtsextremistischen Szene in Deutschland einen regen Zuspruch." Die Verfassungsschützer haben daraufhin 477 deutsche Forumsmitglieder der Homepage von "Combat 18" gezählt, 13 davon im Großraum Köln.

Doch das Dossier wird offenbar nicht vom Bundesverfassungsschutz, der seinen Sitz in Köln hat, an die örtliche Polizeibehörde weitergereicht. Am Ende des Papiers ist zwar handschriftlich notiert, dass der NRW-Verfassungsschutz eine Ausfertigung des Dossiers erhalte "mit der Anregung, die Polizei entsprechend zu unterrichten." Aber Weber kann sich vor dem Ausschuss nicht daran erinnern, diese Informationen erhalten zu haben.

Video-Aufnahmen der Täter

"Ein Beweis, dass die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Verfassungsschutz beim Nagelbombenanschlag nicht funktioniert hat, ist der Umgang mit dem Video, auf dem man die beiden Täter sieht", sagt der Unions-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss, Clemens Binninger, in der Ausgabe des "Kölner Stadt-Anzeigers" vom 19. Oktober 2012. Der Verfassungschutz habe keine DVD von der Polizei bekommen. "Stattdessen mussten die Verfassungsschützer auf die Homepage der Kölner Polizei zugreifen. Sie haben das Video dann immer wieder angeklickt, um möglicherweise jemanden zu erkennen", so Binninger gegenüber der Zeitung. Die Kölner Polizei ihrerseits habe die Homepage überwacht, um festzustellen, wer sich das Video am häufigsten ansehe. Die Ersten, die in Verdacht gerieten, seien dann auch Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz gewesen.

Gedächtnisprotokoll

In einem Gedächtnisprotokoll berichtet ein Kölner Polizeibeamter über ein Treffen verschiedener Behörden im November 2006 im Kölner Polizeipräsidium zur Keupstraße. "Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Zusammenarbeit nicht sonderlich klappte und von Misstrauen geprägt war", heißt es in der Niederschrift. Die anwesenden Vertreter des Landes- und des Bundesamtes für Verfassungsschutz hätten "keinerlei Beitrag geleistet". In diesem Zusammenhang sagt Weber im Juli 2012 vor dem Ausschuss, seine "Ermittlungsgruppe Sprengstoff" habe immer wieder beim Verfassungsschutz nachgefragt: "Wir haben aber nie irgendwelche konkreten Ermittlungsansätze oder Spuren, die uns weitergebracht hätten, bekommen."

Der ehemalige NRW-Verfassungsschutzchef Hartwig Möller hingegen sagt im September 2012 vor dem Ausschuss, ihm sei von seinen Mitarbeitern berichtet worden, "dass die Kölner Polizei sich festgelegt habe oder vorrangig ermittle in Sachen organisierter Kriminalität. Damit war der Bezug zu uns abgeschnitten." Das sei ein Gebiet, bei dem der NRW-Verfassungsschutz "im Gegensatz zu Bayern" keine Zuständigkeiten habe. Die Polizei in NRW trete immer "sehr selbstbewusst" auf. "Die brauchen den Verfassungsschutz nicht unbedingt." Der Verfassungsschutz müsse "sich schon reinhängen und was bringen", wenn er sich in Ermittlungen einmischen wolle.


Stand: 02.11.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (20)

letzter Kommentar: 03.11.2012, 01:21 Uhr

Klaus Lohmann schrieb am 03.11.2012, 01:21 Uhr:
@ Gähn: Was bitte haben eine Mordserie an 10 Mitbürgern ausländischer Herkunft und 3 bekennende Neonazis plus einer ganzen Horde an Unterstützern mit "Bushaltestellen" zu tun? Oder wollten Sie als talentierter Alleinunterhalter einfach nur 'n peinliches Spässken machen?
Gähn schrieb am 02.11.2012, 23:17 Uhr:
Kann es sein, daß der WDR inzwischen hinter jeder Bushaltestelle eine rechte Verschwörung sieht? Scheint so.
Klaus Lohmann schrieb am 02.11.2012, 21:15 Uhr:
@ Wirtschaftler: Die meisten Angehörigen der Opfer haben direkt nach den Taten auf zumindest die Möglichkeit eines rechtsextremen Hintergrunds hingewiesen, wurden aber nicht ernst genommen. Sie haben eindringlich auch ihre Ängste beschrieben, ebenso im Fadenkreuz der Neonazis zu sein. Das nennt man in allen Ländern dieser Erde Terror. Die RAF haben als Linksextreme ihre Taten mit Unmengen an intellektuell hochtrabenden Diskussionen und Pamphleten begleitet. Das Credo der Nazis war und ist *immer*: Taten statt Labern. Die Folgen sind die gleichen.
Klaus Lohmann schrieb am 02.11.2012, 21:09 Uhr:
@ pepone: Sie glauben also allen Ernstes, bekennende Neonazis dunkelbraunster Prägung wären im Grunde nur am Artenschutz des Zitronenfalters interessiert?? Oder ist das nur ein weiterer plumper Relativierungsversuch?
geheimnis schrieb am 02.11.2012, 19:26 Uhr:
sie konnten doch damals ihr eigenes Ministerium nicht anklagen,ist zu viel Sumpf im Spiel,oder sie meinen ihre Akten wären inzwischen sauber,warum sind wohl einige Akten verschwunden oder geschreddert na Nachtigall, ick hör dir trapsen.

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