"Wir müssen in Haltung und Werte investieren"

Neue Talentscouts für NRW

"Wir müssen in Haltung und Werte investieren"

Die Landesregierung hat am Freitag angekündigt ihr Talentförderprogramm auszuweiten. 28 zusätzliche Talentscouts sollen begabte Jugendliche aus bildungsfernen Familien auf dem Weg zur Uni unterstützen. Der WDR hat mit einem der Scouts gesprochen.

Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben es schwer, an die Hochschule zu kommen. Nur 23 Prozent aller Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, finden Studentenwerk-Erhebungen zufolge den Weg an die Uni. Die nordrhein-westfälische Landesregierung setzt deshalb auf sogenannte Talentscouts, die Schüler auf dem Weg zur Universität unterstützen sollen. Jetzt wird das Programm ausgeweitet: 28 neue Talentscouts sind seit Jahresbeginn an Schulen im Ruhrgebiet unterwegs. Einer der ersten Talentscouts ist Suat Yilmaz, der im Ruhrgebiet Schüler aus bildungsfernen Familien an die Uni hilft.

WDR.de: Was fehlt den Jugendlichen, die Sie begleiten, am meisten?

Suat Yilmaz: Sie kommen oft aus Lebenskontexten, wo der Blick für die Zukunft fehlt, für die Möglichkeiten, die sie haben. Wenn die Jugendlichen in ihrem Umfeld keinen Erfolg sehen, dann fehlt ihnen das Selbstbewusstsein, sie machen sich selber klein. Und sie haben Schwierigkeiten, Dinge einzufordern, auf die sie eigentlich ein Recht haben. Stipendien zum Beispiel: In bestimmten Regionen in NRW - zum Beispiel im nördlichen Ruhrgebiet - gibt es bei den Jugendlichen die Haltung: "Das bin ich nicht". Und das Schlimme ist: Die Schulen sehen es zum Teil auch so, dass ihre Schüler mit den Stipendien nicht gemeint sein können. Es geht also vor allem darum, die Selbstwahrnehmung zu verändern und zu entwickeln.

WDR.de: Woran erkennt ein Talentscout eigentlich Talent?

Yilmaz: Es ist nicht einfach, Talent zu erkennen. Man muss sehr viel Zeit mit den Menschen verbringen, um zu verstehen: Wie lebt dieser Mensch? Erst wenn ich die Lebenswirklichkeit kenne, kann ich zum Beispiel Noten richtig einschätzen. Eine Drei oder eine Vier ist von außen betrachtet vielleicht eine mittelmäßige Note - wenn ich aber weiß, dass diese Schülerin in ihrem Leben überhaupt keine Unterstützung von Mama oder Papa bekommt und ganz auf sich allein gestellt ist, dann verstehe ich, dass die Drei oder Vier eigentlich eine versteckte Zwei ist. Eine Lehrerin hat mir mal über einen an sich mittelmäßigen Schüler gesagt: "Der ist eigentlich ganz gut in Mathe, der muss aber jedes Wochenende mit seinem Vater auf dem Trödelmarkt Seife verkaufen. Und Mittwochs im Lager arbeiten." Da konnte man schon sehen: Der Junge übernimmt Verantwortung. Inzwischen hat er sein Bachelor-Studium in Regelstudienzeit und mit relativ guten Noten abgeschlossen. Sein Glück war also, dass seine Lehrerin über die Noten hinausgeschaut hat.

WDR.de: Sie waren der erste Talentscout in NRW - und bekommen jetzt durch das neue NRW-Zentrum für Talentförderung immer mehr Kollegen dazu. Werden Sie und die anderen Talentscouts auch jungen Flüchtlingen in NRW helfen können?

Yilmaz: Die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen werden ja ins Schulsystem kommen - und das wird dann auch für uns ein Thema sein müssen. Wenn wir die Instrumente stärker etablieren können, um einen Kevin Müller aus Castrop-Rauxel erfolgreich durchs Bildungsystem zu bringen, dann wird uns das auch mit den Flüchtlingen gelingen. Ich denke also: Wir könnten es schaffen, wenn wir unsere Hausaufgaben auch für die deutschen Kinder in sozialen Brennpunkten machen. Mehr Sorgen machen mir die 18- bis 25-Jährigen, die nicht mehr in der Schule sind. Bei denen müssen wir investieren, in Haltung und Werte. Wenn wir diese Kids nicht gepackt kriegen, dann werden wir in der Zukunft Probleme bekommen, die dem gesellschaftlichen Zusammenleben erheblich schaden werden. Was Silvester in Köln passiert ist, sollte unser Land nicht spalten, sondern eine Warnung sein. Das Thema ist meiner Meinung nach von staatspolitischer Bedeutung!

WDR.de: Und wie stellen wir es am besten an, diese Kids zu packen?

Yilmaz: Da muss man viel mit Hoffnungen, mit Träumen arbeiten. Da wird mancher vielleicht sagen: "Träume? Der spinnt doch!" Aber Träume sind mit das effektivste, was es gibt. Es geht mir nicht um Träumereien - sondern eher um so was wie: Controller bei Thyssen-Krupp. Das ist mal ein robuster Traum! Es geht also nicht um theoretische, ethnisierte und theologische Debatten - sondern darum, den Jugendlichen deutlich zu sagen: "Dieses Land ist gut zu Dir. Sei Du auch gut zu diesem Land". Da gibt es keine Zwischenräume.

WDR.de: Hatten Sie selbst als Jugendlicher oder junger Erwachsener eigentlich auch einen Talentscout oder Förderer?

Yilmaz: Ja. Mein oberster Förderer war meine Mutter. Sie hat an mich geglaubt und mir Selbstbewusstsein gegeben. Mein Vater hat mich immer eher gefordert. Meine Eltern waren also meine ersten Talentscouts. Dann: Lehrer, die mich aus dem System gekickt haben - und einer, der mich wieder reingeholt hat, Herr Pieper von der Hauptschule. Ich war als Gymnasiast in die Sommerferien gegangen, dann wurde ich "abgeschult", und nach den Sommerferien war ich Hauptschüler. Aber Herr Pieper hat gesagt: "Mach' keine Faxen, du schaffst das!" Er hat mir also Selbstbewusstsein gegeben. Und ich hab' gedacht: Wenn der Herr Pieper, ein Schuldirektor, ein Beamter, das sagt - dann muss es ja stimmen!

Das Gespräch führte Anna Beerlink.

Stand: 21.01.2016, 15:31

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