Autoindustrie unter Druck

Gute Gebrauchtfahrzeuge türmen sich auf den Schrottplätzen

Autoindustrie unter Druck

Von Jürgen Kleinschnitger

Auf den Schrottplätzen des Ruhrgebiets stehen Autos, die gerade einmal neun Jahre alt sind: Guter Lack, gut gepflegt, fahrbereit. Trotzdem landen sie in der Schrottpresse. Denn die guten Gebrauchten sollen vom Markt. So wollen es die Automobilkonzerne.

Bis zu 3.000 Euro Wechselprämie

Auf dem Schrottplatz von Dirk Guth aus Castrop-Rauxel stehen immer mehr Autos, die jünger sind als zehn Jahre und zum Teil nur 50.000 Kilometer gelaufen sind. "Es tut mir persönlich weh, solche Autos zu verwerten", sagt der 47jährige Kfz-Meister. Aber Auftrag sei eben Auftrag. "Der Kunde will es so", erklärt Guth.

Der Kunde ist ein Vertrags-Händler eines deutschen Automobil-Herstellers. Der Autokonzern zahlt seinen Kunden aktuell bis zu 3.000 Euro Wechselprämie, wenn sie einen Neu- oder Jahreswagen kaufen und ihren mindestens neun Jahre alten Gebrauchtwagen abgeben. Doch statt die Wagen weiter zu verkaufen, lässt der Händler die alten Fahrzeuge kurzerhand verschrotten. Das ist nichts anderes als eine Art von Abwrackprämie, auch wenn sie anders heißt.

Autoindustrie steht unter Druck

Solche Verschrottungsprämien gibt es immer wieder: VW beispielsweise hatte im Frühjahr 2015 eine solche Aktion, Ford zahlte bis Dezember 2015 seinen Kunden bis zu 5.000 Euro Abwrackprämie, wenn sie einen Neuwagen kauften. Aber auch andere Hersteller haben dieses Instrument schon genutzt, um Privatkunden zum Kauf zu bewegen. Einzelne Vertragshändler setzen sogar eigenständig auf eine Form der Abwrackprämie. Die zahlen sie dann aus eigener Tasche. Schuld sei der hohe Absatzdruck der Autoindustrie, meint Peter Meintz vom ADAC Westfalen. "Letztlich steht die Autoindustrie durch Überkapazitäten und Absatzkrisen unter Druck."

Dennoch werden die Autos auf deutschen Straßen immer älter. Das deutsche Durchschnittsauto ist inzwischen neun Jahre alt - Tendenz steigend. Der Verband der Automobilindustrie führt das vor allem auf die hohe Qualität der Fahrzeuge zurück. Immer weniger Privatkunden kaufen mittlerweile einen Neuwagen. Die werden vor allem auf Firmen, Verbände und andere Organisationen zugelassen.

Viele Privatkunden leasen ihr Auto

Eintauschprämien seien eines von vielen Marketing-Instrumenten und hätten nichts mit einer Absatzkrise bei Privatkäufern zu tun, erklärt ein VW-Sprecher auf WDR-Nachfrage. Vielmehr gelte: Der Privatkunden-Verkauf sei individueller geworden. Beispiel Leasing: Immer mehr Privatkunden nutzten bei Neuwagen Leasingangebote, so VW. Diese Fahrzeuge liefen in der Zulassungsstatistik nicht auf eine Privatperson, sondern über die Leasing-Bank. Trotzdem säßen Privat-Nutzer am Steuer.

Ob Wechselprämie oder Umweltprämie: Die Hersteller möchten offensichtlich an den Erfolg der Abwrackprämie 2009 anknüpfen: Im Januar 2009 hatte die Bundesregierung eine staatliche „Umweltprämie“ in Höhe von 2500 Euro eingeführt. Auch damals galt: Wenn ein privater Halter einen neuen Pkw oder Jahreswagen kauft und gleichzeitig einen mindestens neun Jahre alten Pkw verschrotten lässt, bekommt er eine Prämie. Die Prämie wurde zum ersehnten Kaufanreiz: Bis September 2009 investierte der Bund fünf Milliarden Euro. Und die Autoindustrie verkaufte fast zwei Millionen Autos in dieser Zeit zusätzlich - alle an Privatleute.

BUND spricht von "ökologischem Desaster"

Ökologisch seien solche Aktionen ein Desaster, meint Dirk Jansen vom Bund für Umwelt- und Naturschutz NRW. Der BUND kritisiert: "Es macht nur dann Sinn, wenn das neue Auto deutlich weniger Sprit verbraucht, wenn es auch deutlich weniger Schadstoffe ausstoßen würde. Das ist in der Regel aber nicht der Fall. […] Wenn man sich die Ökobilanz anschaut, also von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung, dann heißt es einfach: Die beste Nutzung ist die möglichst Lange. Und nur dann ist ein Auto für die Umwelt am wenigsten schädlich.“

Schrotthändler begutachtet ein Auto

Die Schrotthändler freuen sich über die jungen Gebrauchten

Trotz aller Diskussionen und Kritik an solchen Prämien: Für Dirk Guth aus Castrop-Rauxel sind die jungen Gebrauchten zum Verschrotten ein Glücksfall. Denn endlich kann er seinen Kunden wieder hochwertige gebrauchte Ersatzteile anbieten. Die waren in den vergangenen Jahren für ihn und viele andere Verwerter Mangelware. Denn ein Großteil der Gebrauchtwagen ging an große Aufkäufer und darüber weiter in das außereuropäische Ausland, etwa den ehemaligen Ostblock oder nach Nordafrika: „Wir Mittelständler hatten immer große Probleme, gute Autos zu bekommen. Und diesmal hatten wir halt Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort den richtigen Mann zu treffen und haben dann sofort zugeschlagen.“

Schrottpreise im Keller

Mit dem Schrott selber, also der gepressten Stahl-Karosserie, sei kein Geld mehr zu machen, meint Guth. Derzeit muss er als Schrotthändler sogar Geld drauf legen, um seine alte Karossen an Schrottaufkäufer loszuwerden. Denn der Stahl aus China ist so billig, dass das Geschäft mit Alt-Stahl hierzulande nahezu brach liegt, meint die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycler (BDSV). Deswegen lagert Dirk Guth die gepressten Karossen erst einmal ein. In der Hoffnung, dass die Preise wieder steigen.

Stand: 11.02.2016, 15:08

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