23. August 1887 - Britisches Markenschutzgesetz gegen deutsche Waren

 Made in Germany Schriftzug auf Objektiv

Stichtag

23. August 1887 - Britisches Markenschutzgesetz gegen deutsche Waren

"Deutschland macht mir Angst." Der Earl of Rosebery will seine Landsleute, die Engländer, wachrütteln: Im Oktober 1896 sagt er weiter: "Warum machen mir die Deutschen Angst? Weil ich sie so bewundere und schätze. Sie sind eine fleißige Nation, vor allem eine systematische und eine wissenschaftliche Nation. Damit treiben sie alles, friedliche Handwerkskunst oder Kriegskunst, zur absoluten Perfektion. Holen wir auf gegenüber Deutschland? Im Gegenteil, ich glaube, wir fallen zurück..." Großbritannien sieht sich zwar noch als das führende Industrieland der Welt an, fürchtet aber zunehmend die Konkurrenz anderer aufstrebender Industrieländer, insbesondere Deutschland. Einer von Roseberys Gesandten habe Deutschland vor Kurzem besucht "und war völlig entgeistert, welchen Fortschritt bei der technischen und ökonomischen Ausbildung die Deutschen in den letzten 20 Jahren gegenüber England gemacht haben."

Englands Wirtschaft befindet sich damals im Niedergang. Ursache, so analysiert der britische Journalist Ernest Edwin Williams im gleichnamigen populären Buch von 1896, sei die Kennzeichnung "Made in Germany". Das britisches Parlament hatte sie am 23. August 1887 selbst per Gesetz verlangt, im sogenannten Merchandise Marks Act. Professor Wolfgang König, Wissenschafts- und Technikhistoriker an der TU Berlin, erklärt: "Die zentrale Bestimmung bestand darin, dass ausländische, nach England gebrachte Waren eine Herkunftsbezeichnung des Landes tragen müssen. Für Deutschland bedeutete das eben die Geburtsstunde des 'Made in Germany'".

Deutsche Messerhersteller imitieren Waren aus Sheffield

Eigentlich sollte das "Made in Germany" deutsche Produkte als Ramsch brandmarken. Die englischen Produzenten sahen sich durch die Billigimporte aus Deutschland existenziell bedroht und forderten Protektionismus: Schutz vom Staat. Der Merchandise Marks Act richtete sich direkt gegen deutsche Importe, verlangt hatten ihn vor allem die Hersteller von Schneidwaren aus Sheffield. "Sie produzierten ausgesprochene Qualitätsware, also Bestecke und Messer aus hochwertigem Stahl in sehr guter Verarbeitung. Das haben die Sheffielder Fabrikanten auch dokumentiert, durch Firmenbezeichnungen, Warenzeichen und bestimmte Stempel. Und es gab ausländische Unternehmen, die sowohl die Firmenbezeichnungen als auch die Stempel imitiert und teilweise mit falschen Materialangaben gearbeitet haben", sagt der Technikhistoriker König. Firmen aus Solingen etwa schmiedeten Messer aus billigem Gusseisen und prägten darauf 'Sheffield'.

Deutsche Ware: "billig und schlecht"

"Auf der Weltausstellung von Philadelphia 1876 wird das geflügelte Wort "billig und schlecht" als Kennzeichnung der deutschen, dort ausgestellten Produkte geschaffen." Daraufhin will der deutsche Maschinenbauprofessor Franz Reuleaux die Industrie wachrütteln: "Den Weltmarkt erobert ihr nicht mit solchen Billigprodukten, sondern mit Qualität!", schreibt er. Und tatsächlich wandeln sich die deutsche Industrie und die Exporte in den nächsten Jahrzehnten in Richtung Qualitätsarbeit. Der britische Journalist Williams beobachtet bei der Recherche zu seinem Buch: "Eine Fabrik in Elberfeld hat nicht weniger als 60 Chemiker angestellt; die haben gut ausgestattete Laboratorien und bekommen ihr Gehalt - die Engländer würden sagen - fürs 'Nichtstun', die Deutschen nennen es allerdings 'Forschung'. Diese Leute arbeiten nicht fürs Tagesgeschäft, sie untersuchen, analysieren solange, bis sie etwas finden, erfinden, mit dem ihr Arbeitgeber groß herauskommt. Diese Fabrik steht nicht allein, Elberfeld ist in Deutschland System."

"Made in Germany": kostenlose Reklame

Die Kennzeichnung "Made in Germany" steht zehn Jahre später nicht mehr für Ramsch, sondern für Qualitätsware. Die Erkenntnis des britischen Journalisten Ernest Edwin Williams kommt zu spät: "Das beste Argument gegen das Handelsmarkengesetz: Es ist kostenlose Reklame für deutsche Hersteller." Er versteht seine Schrift nicht als "... akademische Abhandlung über Handelsbeziehungen, es ist ein Ruf zu den Waffen." Mit schwarzem, polemischen Humor warnt er seine Leser weiter: "Und deine Gattin kommt gerade aus der Oper, in der Musik, Sänger, Dirigent, Instrumente, sogar die Notenblätter - alles 'Made in Germany' ist. Selbst im Traum verfolgt dich das fatale Zeichen, wenn Petrus - mit Heiligenschein und Himmelsschlüsseln 'Made in Germany' - dich nicht in den Himmel lässt, weil dir das Brandzeichen auf der Stirn fehlt, weil du nicht 'Made in Germany' bist."

Stand: 23.08.2012

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Freitag gegen 17.40 Uhr und am Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 23. August 2012 ebenfalls an das britische Markenschutzgesetz. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.