1. August 1914 - Deutschland erklärt Russland den Krieg

Deutsche Soldaten ziehen in den Krieg (Aufnahme vom August 1914)

Stichtag

1. August 1914 - Deutschland erklärt Russland den Krieg

Die europäische Diplomatie versagt 1914 auf ganzer Linie. Nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni macht Österreich-Ungarn das Nachbarland Serbien für den Mord an Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand verantwortlich. Dann greift der Bündnis-Mechanismus: Die Donaumonarchie versichert sich der Unterstützung Deutschlands und erklärt Serbien den Krieg. Daraufhin erhält Serbien Beistand von Russland und Moskau leitet eine Mobilmachung der Armee ein. Die deutschen Militärs wiederum drängen auf eine schnelle Reaktion. Darum erklärt die Reichsregierung am Abend des 1. August 1914 Russland den Krieg. "Will unser Nachbar es nicht anders, gönnt er uns den Frieden nicht, so hoffe ich zu Gott, dass unser gutes deutsches Schwert siegreich aus diesem schweren Kampfe hervorgeht", verkündet Kaiser Wilhelm II. vom Balkon seines Schlosses in Berlin. Am Tag darauf besetzen deutsche Truppen ohne offizielle Kriegserklärung Luxemburg und marschieren in Belgien ein.

Da die deutschen Militärs an einen schnellen Sieg im Westen glauben, erklären sie auch Frankreich, das mit Russland verbündet ist, den Krieg. Mit dem Einmarsch in Belgien wiederum ist der Bündnisfall für England gegeben. Mit der englischen Kriegserklärung vom 4. August 1914 sind schließlich alle Großmächte Europas involviert. Jede Macht habe irgendwann mit einem Krieg gerechnet, doch konkret vorbereitet habe ihn keine, sagt Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität. 1914 seien in Deutschland "nur mehr etwas als die Hälfte der wehrpflichtigen Männer tatsächlich an den Waffen ausgebildet" gewesen. Zudem habe das Kaiserreich nur für wenige Monate Munition gehabt. Im Eiltempo sei deswegen die deutsche Wirtschaft auf Waffenproduktion umgestellt worden.

Deutsche zunächst ohne Kriegsziel

Jede Großmacht verfolgt andere Kriegsziele. Großbritannien will eine "Balance of Power" ("Gleichgewicht der Kräfte") herstellen und verhindern, dass Deutschland den Kontinent dominiert. Frankreich will das von Deutschland annektierte Elsass-Lothringen zurück. Russland will seinen Zugang zum Mittelmeer und seinen Einfluss im Balkan sichern. Österreich wiederum will Serbien gegenüber Stärke demonstrieren. Nur das Deutsche Kaiserreich habe keine definierten Ziele gehabt, sagt Professor Münkler. "Das hat wiederum die furchtbare Konsequenz, dass mit jedem militärischen Erfolg ... Annexionsforderung auf Annexionsforderung gehäuft wird." Dadurch entstehe in den Köpfen der deutschen Politiker und Militärs das, was der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 als "Griff nach der Weltmacht" bezeichnet habe. "Ein Griff, den man vor 1914 so gar nicht im Auge gehabt hat", so Münkler. Bis dahin hätten die Deutschen "nur am großen globalen Spiel einen gewissen Anteil" haben wollen.

Trotzdem bezweifelt Wolfgang Kruse, außerplanmäßiger Professor am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen, nicht, "dass die Politik des Deutschen Reiches und seines Verbündeten Österreich-Ungarn vor allem in der Julikrise die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges getragen hat" - auch wenn jüngste Forschungen für alle europäischen Mächte in der Vorkriegszeit Tendenzen zur Verschärfung der europäischen Krise aufgezeigt haben.

USA ohne Not zum Feind gemacht

Für die Deutschen wird bereits der erste Winter kritisch. Im Zweifronten-Krieg hat sich ihr Angriff im Westen festgefahren. 1915 folgt für das Kaiserreich das militärisch erfolgreichste Jahr: Serbien wird erobert, die französischen und britischen Angriffe im Westen bleiben in den Drahtverhauen stecken, Russland wankt. Im Jahr darauf greifen die Deutschen in Verdun an. Das kostet schätzungsweise insgesamt 700.000 Menschen das Leben. Dann legt sich Deutschlands Militärführung unter Erich Ludendorff und Paul von Hinderburg ohne Not mit einem neuen Feind an: den USA. "Die verhängnisvollste Fehlentscheidung ist sicherlich die vom 9. Januar 1917", sagt Professor Münkeler. Mit der Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkrieges habe man die Amerikaner in den Krieg hineingeholt.

Deutschlands Großadmiral Alfred von Tirpitz stilisiert den Kampf der Europäer nun zu einem Kampf der Kontinente: Es "geht in Wahrheit um die Freiheit des europäischen Kontinents und seiner Völker gegen die alles verschlingende Tyrannei des Angloamerikanismus." Im November 1918 stoppen amerikanische Truppen und englische Panzer den letzten Angriff auf Paris. Die deutsche Front kollabiert. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. Zehn Millionen Soldaten sind gefallen und geschätzt sieben Millionen Zivilisten umgekommen.

Stand: 01.08.2014

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