17. Dezember 1865 - Franz Schuberts "Unvollendete" wird uraufgeführt

Porträt Franz Schubert, Stahlstich

Stichtag

17. Dezember 1865 - Franz Schuberts "Unvollendete" wird uraufgeführt

Überirdisch, wie aus dem Nichts, erhebt sich die Musik in dunklem h-Moll. Ein Auftakt ohne jede biedermeierliche Süßlichkeit, der in der sinfonischen Literatur ohne Beispiel ist. Eine Melodie voll Wehmut und Sehnsucht, für den Bonner Dirigenten Dirk Joeres schlicht eine geniale Erfindung: "Man hofft, es muss immer so weiter gehen."

Diese nie zuvor niedergeschriebene Musik hält ihr Versprechen, geht so weiter, allerdings nicht vier Sätze lang, wie bei einer Sinfonie jener Zeit üblich. Nach zwei Sätzen bricht die Komposition ab, das Finale fehlt. So geht Franz Schuberts 7. Sinfonie als die "Unvollendete" in die Musikgeschichte ein.

"Nahend ew'gem Untergang"

Als zwölftes Kind einer Köchin und ein Lehrers kommt Franz Schubert 1797 in Wien zur Welt. Mit fünf unterrichtet ihn der Vater an der Geige; wegen seiner schönen Stimme wird Franz in den kaiserlichen Knabenchor aufgenommen. Mit 16 schreibt er seine erste Sinfonie. Schuberts Kompositionen werden gedruckt und aufgeführt, seine Lage aber bleibt prekär. Viele Male wechselt er seine Bleibe, oft nehmen ihn Freunde auf. "Als ich ihn das erste Mal in strenger Winterszeit besuchte, fand ich ihn in einem halbdunklen, feuchten und ungeheizten Kämmerlein", notiert sein Jugendfreund Anselm Hüttenbrenner. "Er saß in einen alten, fadenscheinigen Schlafrock gehüllt und komponierte." Unermüdlich schreibt Franz Schubert Klavier- und Orchesterwerke, Lieder, Messen und Opern.

Glücklich ist er nicht: "Jede Nacht, wenn ich schlafen geh, hoff' ich nicht mehr zu erwachen." Ende Oktober 1822, wohl bereits an Syphilis erkrankt, bringt Schubert die beiden ersten Sätze seiner Sinfonie Nr. 7 zu Papier. Nach einigen skizzenhaft entworfenen Takten zum dritten Satz bricht er die Arbeit ab. Warum der Komponist sein innovativstes Werk als Fragment belässt, darüber rätselt die Musikwissenschaft noch immer. Schubert-Experte Dirk Joeres ist überzeugt: Der Meister der Wiener Romantik schreckte vor der komplexen Herausforderung des Finales zurück. "Diese beiden ersten Sätze sind so gelungen, dass Schubert nicht wusste, wie er auf diesem Niveau einen Finalsatz schreiben konnte." Vieles weist auf eine tiefe persönliche Krise hin. "Sieh, vernichtet liegt im Staub / unerhörtem Gram zum Raube / Meines Lebens Martergang, nahend ew'gem Untergang", dichtet Schubert im Mai 1823.

Ein Schatz wird gehoben

Nach Wochen schwerer Krankheit stirbt Franz Schubert am 19. November 1828 in seiner Heimatstadt Wien. Das Manuskript seiner unvollendeten Sinfonie war bereits zu seinen Lebzeiten unter nie geklärten Umständen in den Besitz von Josef Hüttenbrenner und dessen Bruder Anselm, Schuberts Jugendfreund, gelangt. Rund 30 Jahre liegt das Fragment dort, ohne dass es Anselm Hüttenbrenner in seinen vielen biografischen Notizen über Schubert erwähnt. Erst 1865 erfährt der Wiener Dirigent Johann Herbeck von dem Schatz. Mit der schmeichelhaften Zusage, eines von Hüttenbrenners Werken aufzuführen, kann Herbeck den bekanntermaßen eitlen Komponisten bewegen, Schuberts Noten herauszurücken.

Herbeck erkennt sofort die herausragende Bedeutung des Fragments. Am 17. Dezember 1865 dirigiert er im Wiener Redoutensaal die Uraufführung von Schuberts unvollendeter Sinfonie, wie versprochen mit einer Ouvertüre von Hüttenbrenner. Die Resonanz ist gewaltig. "Diese Hüttenbrenners haben Musikgeschichte geschrieben, indem sie in kleinlichem Stolz ein Werk zurückhielten, das die Welt erschüttert hätte, wenn es statt 1865 sagen wir 1835 aufgeführt worden wäre", schreibt Eduard Hanslick, der angesehenste Musikkritiker jener Zeit (zitiert nach Schubert-Handbuch 1997, Hrsg. Walther Dürr und Andreas Krause). Hanslicks Urteil teilt die Musikwelt bis heute: "Wir zählen das neu aufgefundene Sinfonie-Fragment von Schubert zu seinen schönsten Instrumentalwerken."

Stand: 17.12.2015

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