"Der Herzschlag ist weg"

Kerze mit drei Schmetterlingen als Motiv

Gedenktag an verstorbene Kinder

"Der Herzschlag ist weg"

Von Lisa von Prondzinski

Das eigene Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was Eltern widerfahren kann. Nichts ist mehr, wie es war. Am Sonntag (09.12.2012) wurde weltweit aller verstorbenen Kinder gedacht. WDR.de sprach mit einer Frau, die mehrere Fehlgeburten hatte.

Im Moment kann sich Sigrid Maas (Name geändert) keine neugeborenen Babys anschauen. Neid steckt nicht dahinter, sagt sie. Sondern Schmerz. "Ich gönne den anderen die Kleinen. Es ist nur so: Ich würde es auch mir gönnen." Die blonde Frau hatte erst vor drei Monaten eine Fehlgeburt - ihre Dritte innerhalb von zwei Jahren. Es wäre ein Mädchen geworden, hat sie später aus der Pathologie erfahren. Seitdem quält sich Sigrid Maas mit der Frage: "Warum nur schon wieder?" Und wenn sie nachts nicht schlafen kann, hämmern die Worte ihres Arztes in ihrem Kopf: "Der Herzschlag ist weg." Zwei Tage vor Ende der zwölften Woche ist das Kind im Bauch gestorben. Auch die beiden Föten zuvor waren bereits zu Beginn der Schwangerschaft tot. "Man merkt es, wenn die Schwangerschaftssymptome, die Morgenübelkeit und die Spannung in der Brust, auf einmal wegbleiben."

Kerzen für die Verstorbenen

Föten oder Babys, die als Tot- oder Fehlgeburten zur Welt kommen oder kurz nach der Geburt sterben, werden Sternenkinder genannt. Geläufig ist auch der Begriff Schmetterlingskinder. Am Sonntag (09.12.2012) ist der Gedenktag für alle verstorbenen Kinder. Weltweit zünden verwaiste Eltern und Verwandte Kerzen an. Sigrid Maas hat ihre Kerze mit drei Schmetterlingen verziert – als Symbol für ihre drei Kinder, die es nicht auf die Welt geschafft haben.

Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften enden in der frühen Phase mit einer Fehlgeburt. Von Fehlgeburten spricht man, wenn die Kinder weniger als 500 Gramm wiegen. Aber auch Kinder, die bei der Geburt sterben, werden so genannt. Liegt das Geburtsgewicht über 500 Gramm – meistens ab der 21. Schwangerschaftswoche oder kurz darauf -, spricht man von einer Totgeburt.

Im Krankenhaus allein gelassen

Sigrid Maas hat bereits eine fünfjährige Tochter, mit der sie "ganz unbeschwert" schwanger war, als sie und ihr Mann vor drei Jahren beschließen "noch ein Geschwisterchen zu basteln". Rasch ist der Schwangerschaftstest positiv. Doch schon dieses erste Kind stirbt. Im Krankenhaus wird Sigrid Maas zwar körperlich gut versorgt, aber dem Personal fehlt es an Mitgefühl. Auf die Frage, was mit dem Gewebe passiere, antwortet eine Schwester: "Es wird weggeschmissen." Das tut zusätzlich weh: "Es war so, als würde ich das Kind zum zweiten Mal im Stich lassen: Zuerst stirbt es in meinem Körper und dann wird es wie ein Geschwür weggeworfen. Und ich konnte nichts tun, habe nur noch geweint."

Für Früh- und Totgeburten ist eine Bestattung vorgeschrieben

Offenbar kannte die Krankenschwester die Rechtslage nicht. Denn in Nordrhein-Westfalen schreibt das Beerdigungsrecht seit 2003 vor, Tot- und Fehlgeburten unter "würdigen Bedingungen zu sammeln und zu bestatten". Mehrere Früh- oder Totgeburten finden häufig in einem Sammelgrab die letzte Ruhe. Möglich ist inzwischen für die kleinsten Verstorbenen auch eine individuelle Bestattung. Das Krankenhaus ist verpflichtet, das der Mutter oder dem Vater mitzuteilen.

"Kein Zuspruch für die Seele"

Engelsstatue auf einem Grabfeld

Blumen für die kleinsten Verstorbenen an einem Sammelgrab

Das Ehepaar Maas versucht, ein zweites Mal schwanger zu werden. Schon nach wenigen Monaten ist es so weit. Doch auch dieses Kind stirbt am Anfang der Schwangerschaft. Verständnis findet Sigrid Maas bei ihrem Mann, doch der ist beruflich viel unterwegs. Ansonsten findet sie "für die Seele" keinen Zuspruch. Nicht mal ihr damaliger Frauenarzt hat tröstende Worte. "Es schien ihn nicht zu berühren." Er bietet auch keine Erklärung an, die die verzweifelte Frau für ihre Tragödie sucht. Danach will Sigrid Maas nicht mehr schwanger werden. Sie arbeitet als Buchhalterin in einem Ingenieurbüro, der Hausbau in der Nähe von Aachen spannt sie ein, ihre Mutter stirbt. Heute sagt Sigrid Maas, dass sie die ersten beiden Fehlgeburten gar nicht richtig verarbeitet hatte, weil sie mit so vielem Anderen beschäftigt war.

Nach einem Jahr ist sie bereit für einen dritten Versuch. Es klappt rasch. Dieses Mal muss sie jede Woche zum Gynäkologen. Sie baut eine enge Bindung zu dem wachsenden Wesen in ihrem Bauch auf: "Wahrscheinlich, weil ich auf dem Ultraschall so oft den Herzschlag gesehen habe und die Arme und Beine, wie sie sich bewegt haben." Als auch dieses Kind stirbt, fällt Sigrid Maas in ein tiefes Loch. Trauer, Wut und Selbstvorwürfe wechseln sich ab. "Es ist für mich wie eine Niederlage. Ich habe das Gefühl, mein Körper macht etwas falsch. Obwohl ich weiß, dass es nicht gut ist, die Schuld bei mir zu suchen", erzählt sie.

Trauergruppe ist ein "Anker"

Inzwischen besucht Sigrid Maas eine Trauergruppe in Aachen. Dort sind Betroffene mit ähnlichen "oder noch schlimmeren Schicksalen".  Die Leiterin, Gerda Palm, hat selbst vor vielen Jahren ein Kind verloren und weiß, wie traumatisiert verwaiste Eltern sind. Für Sigrid Maas ist die Gruppe "ein Anker". Dort fühlt sie sich aufgehoben. Denn im Alltag, bei Verwandten oder Nachbarn, ist kein Platz für ihre Trauer. Was sie erlebt hat, können sie nicht nachvollziehen. "Sie  meinen es nicht böse, aber es tut mir einfach weh, wenn zum Beispiel eine Bekannte erzählt, wie stressig die Vorbereitungen für die Taufe ihres Kindes sind. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mir diesen Stress einer Taufe anzutun."

Wenigstens von ihrem dritten verstorbenen Kind konnte Sigrid Maas Abschied nehmen. Es hat ihr gut getan, bei der Sammelbestattung mit anderen Eltern zu weinen. Wo die beiden anderen Fehlgeburten im Auftrag des Krankenhauses begraben wurden, hat sie inzwischen auch erfahren. Jetzt wäre es eigentlich vernünftig einen Schlussstrich unter das Kapitel Kinder zu ziehen, meint die 40-Jährige. Denn eigentlich glaubt sie nicht mehr daran, "dass es irgendwann doch noch funktionieren wird. Mein Mann ist da anderer Meinung". Deshalb will Sigrid Maas es noch einmal drauf ankommen lassen.

Stand: 09.12.2012, 11:00