Gespräche mit Sterbenden

Hand hält die Hand einesm Sterbenden

Projekt zum Umgang mit dem Tod

Gespräche mit Sterbenden

Sterben und Tod gehören zu den gesellschaftlichen Tabuthemen. Wer mit einem sterbenden Menschen oder dessen Angehörigen in Kontakt kommt, fühlt sich meist hilflos. In einem Gemeinschaftsprojekt zweier NRW-Unis treffen nun 30 junge Menschen auf 30 Sterbende. Herauskommen soll dabei am Ende ein Kinofilm. Ein Gespräch mit einem der Initiatoren des Projekts.

Christian Schulz

Christian Schulz

"30 junge Menschen sprechen mit Sterbenden und ihren Angehörigen" - hinter dem Bandwurmtitel steht ein Projekt, das vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert und von der Universität Witten/Herdecke und der Uniklinik Düsseldorf gemeinsam auf die Beine gestellt wurde: Vorbereitet durch Workshops, Diskussionen und psychologische Betreuung treffen 30 junge Menschen zwischen 16 und 23 Jahren auf unheilbar Kranke, die sich mit dem Tod konfrontiert sehen. Es gehe darum, eine "Haltung zum Lebensende" zu finden, sagt Palliativmediziner Christian Schulz. Gemeinsam mit Martin Schnell, Professor für Philosophie an der Uni Witten/Herdecke, koordiniert er das Projekt.

WDR.de: Jedes Leben endet mit dem Tod. Dennoch sei das Lebensende "heutzutage kein Gegenstand der Erfahrung mehr", sagen Sie. Woran liegt das?

Christian Schulz: Sterben und Tod sind in unserer Gesellschaft mittlerweile ziemlich institutionalisiert. Über 60 Prozent der Menschen in Deutschland sterben nicht zuhause - dort, wo Umfragen zufolge die meisten gerne sterben würden -, sondern im Pflegeheim, im Krankenhaus, im Krankenwagen. Junge Menschen können sich daher heutzutage eher im Kino, im Fernsehen oder in Zeitschriften mit dem Sterben auseinandersetzen. Wer mit jemandem sprechen möchte, der betroffen ist, wird in seiner eigenen, normalen Umgebung diesem Thema kaum begegnen.

WDR.de: War das mal anders?

Hände einer Toten

"Bedingungen für Sterbebegleitung ändern sich"

Schulz: Ja. Vor 50 Jahren war das Sterben im Kreis der Familie, als Mehrgenerationen-Erfahrung, viel häufiger Normalität. Noch in den 1970er Jahren, als die Hospizidee in London aufkam, hieß es bei Kirchenverbänden in Deutschland, solche Sterbehäuser bräuchten wir nicht, weil Sterben in den Kreis der Familie gehöre. Nun hat sich der Begriff der Familie bis heute stark verändert, und damit auch die Bedingungen, unter denen Sterbebegleitung stattfindet.

WDR.de: Auch in der Medizin ist der Tod immer mehr zum erklärten Gegner geworden, den es zu verhindern gilt. Trägt das nicht auch dazu bei, dass die Auseinandersetzung mit dem Sterben kaum noch Platz hat?

Schulz: Die Grundaufgabe des Arztes ist, Leben zu erhalten, das stimmt. Durch die Entwicklung der modernen Medizin hat auch eine "Medikalisierung" des Sterbens stattgefunden. Sterben ist mehr und mehr verwissenschaftlicht worden, die Grenze zwischen den Begriffen Leben und Tod ist aufgeweicht. Das zeigt zum Beispiel die Debatte um den Begriff Hirntod. Häufig ist die Grenze zwischen dem, was medizinisch sinnvoll ist und dem, was der Patient als Lebensqualität empfindet, nicht gut gewahrt. Durch die Entwicklung der Hospiz- und Palliativmedizin in den letzten 15 Jahren ist aber eine stärkere Sensibilisierung entstanden dafür, dass Medizin nicht nur Bekämpfung von Sterben und Tod sein kann, sondern dass auch die aktive Akzeptanz des Sterbeprozesses mit zur ärztlichen Aufgabe gehört.

WDR.de: In vielen anderen Ländern scheint der Umgang mit dem Tod offener als bei uns zu sein:  Es gibt tagelange Totenwache, bei der sich Familie und Freunde von dem Verstorbenen verabschieden können, während hier eine Leiche so schnell wie möglich aus dem Blickfeld der Lebenden entfernt wird. Hinterbliebene erfahren andernorts Unterstützung, anstatt gemieden zu werden. Warum tun sich die Deutschen so schwer mit dem Thema?

Sterbende Frau liegt im Bett

Sterbend: Betreut oder alleingelassen?

Schulz: Eine Rolle spielen da sicherlich auch die traumatisierenden Erfahrungen, die hierzulande Menschen mit dem Sterben und Tod durch Kriegserlebnisse in sich tragen. Dennoch bezweifle ich, dass das ein explizit deutsches Thema ist. In südlichen Ländern haben soziale Strukturen und spirituelle Rituale oft einen größeren Stellenwert als in Deutschland. Dadurch gibt es ein größeres Sicherheitsnetz an Prozeduren, die jeder nutzen kann, um seine eigene Angst zu kanalisieren. Denn sicherlich ist es so, dass die Begegnung mit dem Tod des anderen auch eine Konfrontation mit der eigenen Todesangst ist. Rituale und Zeremonien nach dem Sterben haben keinen anderen Zweck als den, diese existenzielle Angst zu binden. Auch in Deutschland haben wir viele Rituale rund um den Tod. Aber so, wie auch andere spirituelle Fragen nach dem Sinn des Lebens in der öffentlichen Debatte in den Hintergrund getreten ist, wird auch das Sterben mehr und mehr entfernt aus dieser Kultur. Dadurch tritt das, was darunter liegt, mehr in die Wahrnehmung: Die Todesangst.

WDR.de: Was genau ist das Ziel Ihres Projekts?

Schulz: Wir haben kein definiertes Lernziel. Es geht nicht darum, dass die jungen Menschen hier lernen sollen, wie sie "richtig denken" zum Thema Sterben und Tod. Vielmehr sollen junge Menschen die Chance haben, eine ganz eigene Haltung zum Thema Sterben und Tod zu finden, indem sie es selber erleben. Man darf in unserem Projekt auch zu dem Schluss kommen, dass man sich gar nicht mit dem Thema Sterben befassen will. Das ist auch eine Haltung, aber eine, die durch die aktive Auseinandersetzung damit entstanden ist.

WDR.de: Wie kam die Auswahl der Teilnehmer zustande?

Schulz: Wir haben die Altergrenzen auf 16 bis 23 Jahre festgelegt, weil wir festgestellt haben, dass sich Menschen in diesem Alter sehr wohl mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen. Gerade weil sie sich in dieser Phase ihres Lebens grundsätzliche Fragen stellen: Wer bin ich, wo möchte ich hin? Es wird klar, dass man nur dieses eine Leben hat, und dass es wichtig ist, für dieses eine Leben einen möglichst passenden Entwurf zu finden. Die Sterbenden sind Menschen, die relativ früh, zwischen 40 und 70 Jahren, an einer unheilbaren Krankheit sterben. Sie alle werden bei uns im Zentrum für Palliativmedizin an der Uniklinik Düsseldorf behandelt oder in teilnehmenden Hospizen.

WDR.de: Wie konnten Sie die Sterbenden vom Sinn ihrer Teilnahme an dem Projekt überzeugen?

Schulz: Martin Schnell und ich hatten im Vorfeld Sterbende, die sich als Probanden für die Ausbildung von Medizinstudenten beteiligt hatten, gefragt, ob sie anderen Sterbenden empfehlen würden, sich an solchen Gesprächen zu beteiligen. Die eindeutige Antwort war: ja. Denn, so sagten die meisten, es sei dabei etwas sehr Wichtiges passiert: Sie hätten so noch einmal für jemand anderen da sein können. Nicht nur für sie war jemand da, auch sie selber konnten Lehrende sein für einen Lernenden und sich dadurch symbolisch ein bisschen unsterblich machen, indem sie einem anderen Menschen etwas mitgeben konnten.  

WDR.de: Welche Fragen stellen die jungen Menschen den Sterbenden?

Schulz: Meistens geht es weniger um die Angst vor dem Sterben. Eher erkundigen sich die Fragenden danach, wie es sich anfühlt, so kurz vor dem Tod zu stehen: Was ist anders in diesem Zustand? Wie erlebt man die Welt auf dieser anderen Seite des Lebens? Die meisten der jungen Menschen gingen mit einem Riesenrespekt in das Gespräch. 24 der 30 Interviews sind mittlerweile geführt, und es zeigt sich, dass diese Begegnungen von einer hohen Intensität und Sensibilität und gegenseitigem Respekt geprägt sind. Auf unserer Homepage beschreiben die jungen Menschen oft, dass sie noch Wochen nach dieser Begegnung über diese Gespräche reflektieren.

WDR.de: Die Gespräche der jungen Menschen mit den Sterbenden werden per Video aufgezeichnet, daraus soll ein Kinofilm entstehen. Warum?

Schulz: Wir möchten den Diskurs über dieses Thema auf drei Feldern voranführen: Die Videoaufnahmen der Gespräche werden als Kurzfilme auf unserer Internetseite gezeigt, um darüber diskutieren zu können. Begleitend wird das gesamte Projekt in Buchform dokumentiert. Zum Abschluss wird es einen Kinofilm über das Projekt geben. Dadurch soll ein größeres Publikum eine Haltung zu diesem Thema bekommen und darüber sprechen können.

WDR.de: Sind die Gespräche mit den Sterbenden im Internet nicht schutzlos auch einem gewissen Voyeurismus ausgesetzt?

Schulz: Darüber haben wir intensiv diskutiert. Menschen am Lebensende wollen aber genauso partizipieren wie andere Menschen auch, und nicht in einen Ecke gedrängt und aus dem Blickfeld des Gesehenen herausgenommen werden. Unsere Filme zeigen jeweils eine Begegnung zweier Menschen im Gespräch, die sich tiefe philosophische Fragen des Seins stellen. Wir stellen nicht explizit das Leiden oder das Sterben dar. Dabei tritt der voyeuristische Aspekt sehr in den Hintergrund. Außerdem ist das Internet nunmal das moderne Medium der Kommunikation für junge Menschen. Es wäre ein Widerspruch, einerseits junge Menschen zur Reflexion über dieses Thema motivieren zu wollen und andererseits ein Kommunikationsmedium zu wählen, das ihnen nicht gerecht wird. Derzeit sind wir überrascht, mit welcher Ernsthaftigkeit, aber auch mit welcher Betroffenheit das Projekt auf der Internetseite kommentiert wird.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 09.07.2012, 09:58