Sportvereine immer unzufriedener

Flüchtlinge in einer Turnhalle

Flüchtlinge in Turnhallen

Sportvereine immer unzufriedener

Von Solveig Bader

Die Sportvereine wollen ihre gewohnten Hallen zurück. Viele stecken in der Krise. Immer noch sind zahlreiche Sportstätten wegen Sanierungsarbeiten und Flüchtlingen für den Sport tabu. Mitglieder laufen davon, Kurse fallen aus, Einnahmen fehlen.

Der Unmut bei den Sportvereinen wird größer. Und immer mehr Vorstände trauen sich, die Probleme laut auszusprechen. Viele Vereine sind es leid, in weit entfernte Hallen oder Seniorenheime auszuweichen oder Kurse ganz einzustampfen. Man habe sich zwar an die Situation gewöhnt, trotzdem dürften Turnhallen als Notunterkünfte keine Dauerlösung sein. Und danach sieht es in vielen Städten aus. Oft weiß niemand, wie lange die Turnhallen für den Sport noch geschlossen bleiben. Häufig sind es Notunterkünfte vom Land NRW und da gebe es keine verlässlichen Prognosen. Bochum ist besonders gebeutelt. In 19 Hallen leben noch Flüchtlinge, in fünf Hallen sind die Prüfungen der maroden Deckenkonstruktionen noch nicht abgeschlossen.

Sportvereine fürchten um ihre Existenz

Dem Turnverein Kuperdreh in Essen laufen immer mehr Mitglieder weg. Von einst 1800 sind es derzeit nur noch 1600. Obwohl der große Traditionsverein zwei Jugendweltmeisterinnen im Rudern vorweisen kann. "Viele Mitglieder wollen nicht in weiter entfernte Hallen zum Trainieren ausweichen, Eltern schickten ihre Kinder eben nicht zu einer alternativen Sporthalle in Gelsenkirchen", sagt der Vorsitzende Lazar Simikic. Die Turnhalle Kuperdreh ist bis mindestens Ende Februar von 150 Flüchtlingen bewohnt, so die Stadt. Doch wer weiß wirklich, wie sich die Flüchtlingssituation in diesem Jahr weiterentwickelt?

TG Witten: "Das Maß ist voll, die Situation chaotisch"

Die Turngemeine TG Witten verzichtet seit fast einem halben Jahr auf ihre Sporthallen, in denen sonst unter anderem Karate, Tischtennis, Turnen und Basketball trainiert wird. "Das Maß ist voll, die Situation chaotisch", sagt stellvertretender Vorsitzender Hartmut Kalin. Vor allem für die Basketball-Oberligisten sei das ein Problem, sie hätten keine vernünftigen Trainingsmöglichkeiten mehr. Er befürchtet nun, dass die Basketball-Abteilung ganz weggeht. In der Turngemeinde Bochum stellt sogar die Vorstandsvorsitzende den Partyraum in ihrem Privathaus zur Verfügung, um einen Kurs zu retten.

Sportvereine wichtig für die Integration

Menschen stehen Schlange, im Vordergrund ein Schild "Herzlich Willkommen in Gladbeck"

Viele Turnhallen weiterhin für Flüchtlinge reserviert

Wolfgang Rohrberg, Geschäftsführer beim Essener Sportbund, hält es für eine Gefahr, wenn Sportvereine "kaputt gehen". Viele Vereine leisteten seit teilweise mehr als 100 Jahren wichtige Arbeit für das Gemeinwohl. Wenn man ihnen den Nährboden entzieht, sei das eine Gefahr für die Integration und man nehme den Städten ein Stück Geschichte weg. "Wenn man sich kritisch äußert, wird man häufig gleich in die rechte Ecke gestellt, als Nazi abgestempelt." Vereine dürften sich das nicht gefallen lassen.

Der Landessportbund NRW sieht die Sportvereine nicht in der Krise. Pressesprecher Frank-Michael Rall lobt die Solidarität der Vereinsmitglieder den Flüchtlingen gegenüber. Viele Vereine fänden erfolgreich Lösungen und seien da sehr flexibel. Von einer Austrittswelle von Mitgliedern könne nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Im letzten Jahr hätten die Sportvereine landesweit 8560 Mitglieder mehr als im Jahr davor gewonnen. Insgesamt gebe es weit über fünf Millionen Mitglieder in NRW.

Stand: 09.01.2016, 06:00