Leistung auch jenseits der großen Bühne

Jahreszahl 2016, junger Mann beim Kopfball

Ausblick auf den NRW-Sport 2016

Leistung auch jenseits der großen Bühne

Von Volker Schulte

Doping und Korruption machen es nicht einfach, sich auf Sportwettbewerbe zu freuen. Warum die Zeit reif ist, über den Tellerrand zu schauen, und was im NRW-Sportjahr 2016 sonst noch spannend wird, beschreibt WDR-Autor Volker Schulte.

Spätestens nach einem Jahr wie 2015 ist klar: Systematisches Doping und Korruption sind nicht länger Vermutungen, sondern Gewissheit. Wer Spitzensport schaut, kann sich sicher sein: Es wird betrogen, und das nicht zu knapp. Warum also überhaupt noch hinsehen?

Um es positiv zu betrachten: Die jüngsten Enthüllungen zeigen, dass Betrüger nicht mit allem durchkommen - und sei ihr Verband auch noch so mächtig. Zudem hat der Krimi um Sportgrößen wie Sepp Blatter und Michel Platini auch einen gewissen Unterhaltungswert. Und nicht zuletzt haben die (hoffentlich) zahlreichen sauberen Sportler es verdient, dass ihre Leistungen gewürdigt werden - auch die Athleten aus NRW.

Talente hoffen auf Olympia

Mieke Kröger

Mieke Kröger

An Rhein und Ruhr wird es 2016 kaum außerplanmäßige Sport-Großereignisse geben, deshalb gilt der Blick der hiesigen Athleten vor allem den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vom 5. bis 21. August. In Nordrhein-Westfalen tummeln sich einige Talente, die dort zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere schon auf die ganz große Bühne hoffen dürfen - zum Beispiel Radsportlerin Mieke Kröger aus Bielefeld. Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren ist die 22-Jährige schon, Rio kann kommen.

Ob das auch schon für Julia Ritter aus Oberaden bei Bergkamen gilt? Eine Olympia-Qualifikation wäre für die 18 Jahre junge Kugelstoßerin der nächste Riesenschritt. Im Juli ist sie U18-Weltmeisterin geworden, mit einer Weite von 18,53 Metern - das sind drei Zentimeter mehr als die Olympianorm, die der Deutsche Leichtathletik-Verband einfordert.

Gina Lückenkemper

Gina Lückenkemper

Für die Soester Sprinterin Gina Lückenkemper wäre Rio die nächste logische Etappe, schließlich hat sie bei der Leichtathletik-WM in Peking mit der 4x100-Meter-Staffel schon Platz fünf erlaufen. Die 19-Jährige ist bei der NRW-Sportlerwahl zur Newcomerin des Jahres gewählt worden - Lückenkemper ist der nächste Beweis, dass Deutschlands Westen einige Talente zu bieten hat.

EM-Träume bei Hector und Sané

König Fußball hat 2016 die Europameisterschaft in Frankreich im Programm. Nach langer Zeit wird dann wohl auch der 1. FC Köln mal wieder einen Spieler zu einem großen Turnier schicken: Jonas Hector, mittlerweile Stamm-Linksverteidiger im Nationalteam. Dass Leverkusen, Schalke und vor allem Dortmund ebenfalls deutsche EM-Fahrer stellen werden, ist keine Überraschung. Spannend ist eher die Frage, ob Schalkes Leroy Sané seine Erfolgsgeschichte fortsetzt. Der 19-Jährige hat alle Anlagen, um auf hohem internationalen Niveau Akzente zu setzen. So wie er bisher alle Hürden genommen hat, dürfte er für die EM ebenfalls bereit sein. Joachim Löw kann schnelle Flügelspieler bestens gebrauchen.

Heldt und Schubert im Blickpunkt

Und wohin geht's für die NRW-Bundesligisten? Der 1. FC Köln und Bayer Leverkusen setzen auf Harmonie und Bescheidenheit, es winkt ein Jahr ohne große Aufreger. So etwas ist in Gelsenkirchen kaum denkbar: Dort muss derzeit in Horst Heldt ein Manager die Personalplanung führen, der selbst vermutlich im Sommer gehen muss.

Gladbachs Trainer Andre Schubert

Gladbachs Trainer Andre Schubert

Bei Borussia Mönchengladbach stellt sich die Frage, wie groß der Rückhalt von Trainer André Schubert ist, wenn er nicht mehr wie am Fließband gewinnt. Erst die beeindruckende Siegesserie hat die Vereinsführung auf die Idee gebracht, dass Schubert der richtige Mann für den Cheftrainerposten ist. Mittlerweile hat Schubert aber auch durch taktische Finessen Pluspunkte gesammelt. Zudem ist Sportdirektor Max Eberl nicht für Ungeduld bekannt: Er hält glaubhaft am bescheidenen Saisonziel (einstelliger Tabellenplatz) fest. Das Experiment Schubert hat also beste Voraussetzungen.

BVB trifft Klopp

Ein Duell, das einfach stattfinden muss, ist das zwischen Borussia Dortmund und dem FC Liverpool. Klar, der BVB muss in der Europa League erst einmal den FC Porto ausschalten, Liverpool den FC Augsburg - und dann muss auch das Losglück noch mitspielen. Aber Jürgen Klopps Rückkehr nach Dortmund im ersten Jahr nach der Trennung: Solche Geschichten lässt sich der Fußballgott normalerweise nicht entgehen.

Spitzensport in seiner ganzen Vielfalt

Jubel bei den Iserlohn Roosters

Jubel bei den Iserlohn Roosters

Wer nun aber doch die Nase voll hat vom Millionengeschäft Fußball, dem hat NRW trotzdem viel zu bieten: Die Düsseldorfer EG und die Iserlohn Roosters mischen in der Eishockey-Bundesliga vorne mit. Die Handballer des TBV Lemgo, des Bergischen HC und vor allem des TuS N-Lübbecke brauchen Unterstützung im Abstiegskampf. Und die Basketball-Bundesligisten aus Bonn und Hagen kämpfen um einen der begehrten Playoff-Plätze. Hinzu kommen ambitionierte NRW-Bundesligisten im Tennis, Tischtennis oder Volleyball. Wie schwierig deren Dasein abseits der großen Geldtöpfe sein kann, zeigen die Finanznöte der Ladies in Black Aachen.

Auch die Paralympics vom 7. bis 18. September in Rio bieten eine gute Gelegenheit zu verfolgen, wie begeisterte Sportler den vielleicht größten Auftritt ihrer Karrieren bestreiten. Wenn es doch Fußball sein soll, dann bieten NRW-Klubs in der dritten und vierten Liga guten Sport jenseits absurder Gehälter und Ablösesummen. Das kranke System in der Spitze darf die Sportbegeisterung nicht zerstören. Vielleicht lohnt ja auch mal wieder ein Besuch beim eigenen Heimatverein.

Stand: 31.12.2015, 06:30