Interview mit Handballtrainer

Handball-EM 2016, deutsche Mannschaft

"Nationalteam kann für Boom sorgen"

Interview mit Handballtrainer

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft begeistert derzeit bei der EM in Polen. "Eine große Chance für den Handball in Deutschland", findet Mathias Grasediek, Trainer beim NRW-Drittligisten TV Schalksmühle.

WDR: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft überrascht derzeit die deutschen Sportfans mit einer nicht für möglich gehaltenen Leistung bei der EM in Polen. Sind Sie auch überrascht, Herr Grasediek?

Mathias Grasediek: Ja, natürlich. Mit einem solchen Erfolg konnte man nicht rechnen. Die Begeisterung in der Handball-Szene ist entsprechend groß. Es ist ein junges Team mit einem außergewöhnlich guten Trainer, die im Moment jede Menge Werbung machen für den Handballsport in Deutschland. Das tut auch uns - einem Drittligisten - gut.

WDR: Als Trainer eines NRW-Drittligisten arbeiten sie im weitesten Sinne an der Handball-Basis. Sind Sie mit dem Stellenwert des Handballs in Deutschland zufrieden?

Grasediek: Natürlich ist auch Handball - wie viele andere Sportarten - in den letzten Jahren immer mehr in den Schatten des Fußballs gerückt. Daran gilt es zu arbeiten. In den öffentlich-rechtlichen Medien tauchen wir immer nur groß zu Events wie Olympia, WM, oder - wie jetzt - zur EM auf. Wenn wir - auch bei Sponsoren - wieder eine größere Rolle spielen wollen, sollten wir die Begeisterung, die jetzt gerade zu spüren ist, ausnutzen.

WDR: Wie könnte man aus einem solchen Höhepunkt in der Spitze des Sports Nutzen für die Breite ziehen?

Grasediek: Wir spüren schon die Begeisterung bei den Kids, wenn die Nationalmannschaft plötzlich so erfolgreich ist. Dann nehmen die Kinder plötzlich mal einen Ball in die Hand und wollen den Stars aus dem TV nacheifern. Da kommen dann auch ein paar mehr Kids in die Hallen und wollen Handball mal ausprobieren. Diesen Nachwuchs muss man möglichst an den Sport binden. Mit guten Konzepten, attraktiven Angeboten.

WDR: Wieviel Zuschauer kommen durchschnittlich zu ihren Spielen in der Dritten Liga?

Grasediek: Wir sind im sauerländischen Schalksmühle eine Marke, unser Klub ist dort sozusagen ein Traditionsverein. Handball ist im Ort seit vielen Jahren etabliert. Trotzdem haben wir im Schnitt nur 500 Zuschauer, bei Derbys auch schon mal 1.000. Das bedeutet, dass fast alle Spieler in der Dritten Liga reine Amateure sind, den Sport mit viel Aufwand neben ihren Vollzeit-Jobs betreiben. In den meisten Fällen sind die Sportler auf sehr verständnisvolle Arbeitgeber angewiesen, die ihre Leute bei dem Spagat zwischen Job und Leistungssport unterstützen. In der Zweiten Liga sieht es im übrigen ähnlich aus. Da kann ebenfalls nur der kleinste Teil der Spieler von seinem Sport leben.

WDR: Glauben Sie, dass sich das künftig mal ändern könnte?

Grasediek: Naja, mit der Professionalität ist das so eine Sache im Handball. Die Luft ist dünn. Das hat man ja zuletzt in Hamburg gesehen, wo ein erfolgreicher Profiverein nicht mehr zu finanzieren war. Man muss da Schritt für Schritt gehen. Kids in die Vereine holen, für mehr TV-Präsenz sorgen, Sponsoren aquirieren. Nichts übereilen und alles langfristig ausrichten.

WDR: Muss sich der Handballsport eventuell auch modernisieren, um wieder attraktiver zu werden?

Grasediek: Wir sind attraktiv, wie die Einschaltquoten zeigen. Trotzdem darf man sich gegenüber Änderungen nicht verschließen. Wir sollten zum Beispiel durchaus auch mal unser Regelwerk überdenken, ob das für den Zuschauer alles eindeutig genug ist. Manchmal ist unklar, warum ein Spieler eine Zwei-Minuten-Strafe erhält, wann Zeitspiel gepfiffen wird oder wann auf Stürmerfoul zu erkennen ist. Da sind die Regeln im Fußball vielleicht klarer und eindeutiger. Und damit für den Zuschauer auch attraktiver.

Das Interview führte Olaf Jansen

Stand: 29.01.2016, 07:51