Ein erstes "Ja"

Sanierungskonzept für Solarworld

Ein erstes "Ja"

Von Christoph Stehr

Schritt eins der Rettung ist geschafft: Anleihegläubiger des schwer angeschlagenen Solarmodulherstellers Solarworld haben am Montag (05.08.2013) dem Rettungskonzept zugestimmt. Damit verzichten sie auf über die Hälfte ihres Geldes. Am Dienstag (06.08.2013) folgt die zweite Entscheidung.

Drei Tage hintereinander hat Solarworld den Plenarsaal des ehemaligen Deutschen Bundestags in Bonn gemietet. Jeweils ab 10 Uhr treffen sich am Montag und Dienstag (05./06.08.2013) die Inhaber zweier Unternehmensanleihen sowie am Mittwoch (07.08.2013) die Aktionäre, um über das Sanierungskonzept des Vorstands abzustimmen. Ein "Ja" würde alle viel Geld kosten: Die Anleihegläubiger sollen auf 55 Prozent ihrer Forderungen verzichten und die Aktionäre praktisch 95 Prozent ihrer Anteile abgeben. Im Gegenzug will der Unternehmensgründer und Vorstandsvorsitzende Frank Asbeck rund zehn Millionen Euro aus seinem Privatvermögen zuschießen. Weitere 35 Millionen Euro sowie einen Kredit über 50 Millionen Euro hat der Joint-Venture-Partner Qatar Solar aus dem arabischen Emirat Katar in Aussicht gestellt.

Mann mit Blick auf Solarmodulfertigung

Ein mögliches Sanierungskonzept des Vorstandes soll die Insolvenz abwenden

Am Montagmittag teilte ein Firmensprecher mit, dass am Montag die Anleihegläubiger dem Rettungskonzept mit großer Mehrheit zugestimmt hätten. 99,96 Prozent der Anwesenden hätten mit Ja gestimmt. Das Anwesenheitsquorum von 25 Prozent wurde mit gut 35 Prozent deutlich übertroffen. Am Montag ging es um eine 150-Millionen-Euro-Anleihe, für Dienstag sind Gläubiger einer zweiten Anleihe des Unternehmens über 400 Millionen eingeladen.

Solarworld sitzt auf einem Schuldenberg

Es geht schlicht darum, die Insolvenz abzuwenden. Seit 2011 schreibt das Unternehmen Verluste, unter anderem weil chinesische Anbieter mit Dumping-Preisen den Markt für Photovoltaik-Module beherrschen. Solarworld sitzt auf einem Schuldenberg, der zum großen Teil aus einer 2010 herausgegebenen Anleihe über 400 Millionen Euro und einer weiteren Anleihe von 2011 über 150 Millionen Euro besteht. Verzichten nun die Investoren auf einen Teil dieser Forderungen, entlastet das die Bilanz um rund eine halbe Milliarde Euro inklusive der seit 2010 beziehungsweise 2011 aufgelaufenen Anleihezinsen. Solarworld wäre auf einen Schlag nahezu schuldenfrei und damit auch wieder kreditwürdig – der Gang zum Insolvenzgericht bliebe dem Unternehmen erspart.

"Sonnenkönig" bleibt am Ruder

Portrait von Frank Asbeck

Vorstandsvorsitzender Frank Asbeck

"Unser Restrukturierungsplan sieht vor, dass alle, die ein Interesse an der Solarworld haben, ihren Beitrag leisten, aber alle auch etwas dafür zurückbekommen", sagt Asbeck. Die Anleihegläubiger sollen für ihren Forderungsverzicht 95 Prozent der Aktien erhalten. Deren Kurs dümpelt um 50 Cent, was gemessen an den historischen Höchstständen von über 45 Euro erschreckend wenig ist. Der Tausch von Anleiheschulden gegen Unternehmensanteile geht zu Lasten der Altaktionäre, denn ihr Anteilsbesitz schrumpft auf fünf Prozent.

Faktisch übernähmen damit die ehemaligen Anleihebesitzer das Ruder bei Solarworld. Asbeck, mit knapp 28 Prozent bislang Hauptaktionär, hätte sich selbst entmachtet. Doch der "Sonnenkönig" sorgt vor: Laut Sanierungskonzept müssen die neuen Eigentümer sofort wieder einen Teil ihrer Aktien verkaufen. Für die Kapitalspritze über zehn Millionen Euro bekäme Asbeck etwa 20 Prozent und Qatar Solar für ihre 35 Millionen Euro rund 29 Prozent. Beide Großaktionäre zusammen wären unbestrittener Herr im Haus. Asbeck säße so fest im Sattel wie zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung.

Bangen um Beschlussfähigkeit

Die Vertreter der Anleihegläubiger, der Unternehmensberater Frank Günther und der Rechtsanwalt Alexander Elsmann, empfehlen, dem Sanierungskonzept zuzustimmen. Bevor es dazu kommt, muss am Montagmorgen aber noch eine entscheidende Hürde genommen werden: Nur wenn 25 Prozent des Anleihekapitals vertreten sind, ist die Gläubigerversammlung beschlussfähig. Von diesem Quorum müssen 75 Prozent das Sanierungskonzept abnicken. Die Gläubigerversammlungen Anfang Juli waren nicht beschlussfähig, allerdings lag da die Latte höher, bei 50 Prozent des Anleihekapitals. Werden die jetzt erforderlichen 25 Prozent nicht erreicht, gibt es keinen dritten Versuch – dann muss Solarworld wie zuvor schon Q-Cells, Solon, Solar Millenium und Solarhybrid Insolvenz beantragen.

Arbeitsplätze in Gefahr

Rund 2.300 Arbeitsplätze, davon 1.500 in Deutschland, stehen auf dem Spiel – und der Ruf einer ganzen Branche. "Solarworld ist eines der renommiertesten Unternehmen der deutschen Solarindustrie. Eine Rettung hätte daher vor allem einen starken symbolischen Wert", sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Langfristig sieht er die Branche in einer schwierigen Lage, seit die Bundesregierung die Förderung von Solarstrom kontinuierlich herunterfährt: "Ein extrem harter internationaler Konkurrenzkampf gepaart mit politischem Gegenwind im eigenen Land ist eine tödliche Mischung, bei der kaum ein Modulhersteller in Deutschland noch eine Chance hat. Kurzfristig können sie nur in Nischenmärkten oder durch extreme Innovationen überleben."

Argument des kleineren Übels

Auf diese Karte setzt auch Solarworld. Asbeck will mit Premium-Produkten und dem Projektgeschäft, etwa Bau und Betrieb von Solarparks, punkten und so 2014 wieder Gewinn machen. Holger Fechner, Aktienanalyst der NordLB in Hannover, ist skeptisch: "Die Konzentration auf Qualität wie bei Solarworld ist alleine nicht ausreichend, da diese auch von den asiatischen Wettbewerbern geliefert werden kann."

Hinzu kommt, dass Solarworld nicht nur gegen einzelne Wettbewerber in China, sondern gegen die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Welt kämpft. "Die Herstellung von Solarzellen ist hochautomatisiert und sehr kapitalintensiv", erläutert Rolf Wüstenhagen, Professor für das Management Erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. "Der Hauptwettbewerbsvorteil der chinesischen Konkurrenz ist somit gar nicht einmal in erster Linie in den niedrigen Lohnkosten zu sehen, sondern in der Bereitstellung von zinsgünstigem Kapital durch die Regierung: Billiges Geld, nicht Billiglöhne, braucht die Photovoltaikindustrie."

Angesichts der Vielzahl und des Ausmaßes der Probleme wäre es nachvollziehbar, wenn die Gläubiger und Aktionäre von Solarworld der Mut verließe und sie das Sanierungskonzept ablehnten. Die Befürworter des Rettungsplans haben vor allem ein Argument: das des kleineren Übels. Im Falle einer Insolvenz gäbe es keine Hoffnung mehr, an die Boomjahre vor 2010 anzuknüpfen. Die meisten Gläubiger müssten Jahre warten, bis sie ein wenig Geld aus der Insolvenzmasse erhielten.

Stand: 05.08.2013, 13:16

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