"Wir wollen Licht ins Dunkel bringen"

Interview mit Dortmunder Polizei-Sprecher zur Silvesternacht

"Wir wollen Licht ins Dunkel bringen"

Auch am Hauptbahnhof in Dortmund soll es in der Silvesternacht zu sexuellen Übergriffen - ähnlich wie in Köln - gekommen sein. Auch hier kritisierten Bürger, dass die Polizei nicht vor Ort gewesen sei. Ein Interview mit Polizei-Sprecher Oliver Peiler.

WDR: Vielleicht können Sie uns noch einmal schildern, was Sie von dem Auflauf vor dem Hauptbahnhof bzw. auf der Katharinentreppe mitbekommen haben?

Oliver Peiler: Also in Kenntnis gesetzt worden sind wir von den Vorfällen in der Silvesternacht durch die Strafanzeigen, die am 5. Januar bei uns erstattet worden sind. Wir haben mittlerweile durch weitere Ermittlungen und auch durch die mediale Berichterstattung von Zeugen gehört, die uns geschildert haben, es hätte zum Teil eine aggressive, bedrückende – ich sag mal – komische Stimmung geherrscht. Das ist natürlich auch für Polizei schwer zu fassen. Es wäre gut gewesen, wenn in diesem Moment die Menschen bei uns über die Notrufnummer angerufen hätten. Also bitte keine Scheu, rufen Sie in diesen Fällen die 110 an und setzen Sie uns erstmal in solchen Vorfällen in Kenntnis und versetzen Sie uns in die Lage, auch angemessen zu reagieren.

WDR: Jetzt ist es ja so, dass ja auch die Bundespolizei in dem Gebiet aktiv ist, vor allem was das Bahnhofsgelände selbst betrifft. Gab es von den Kollegen da irgendwelche Hinweise und sich da irgendwie eine komische Stimmung breit gemacht hätte?

Peiler: Da liegen mir im Moment keine Erkenntnisse vor. Wir hatten polizeilich tatsächlich keine Kenntnis, zumindest über eine aggressive Stimmung. Dass sich dort ein größerer Bereich von Menschen aufgehalten hat, das ist auch polizeilich bekannt gewesen, aber nichts über irgendeine Stimmung. Da kann ich nur appellieren, ob an Bundespolizei oder an die Polizei Dortmund, das ist egal, nur setzen Sie uns in Kenntnis und in die Lage, als Polizei darauf zu reagieren.

WDR: Wie läuft das denn normalerweise, wenn am Bahnhofsvorplatz etwas ist: Setzt die Bundespolizei Sie dann in Kenntnis und sagt, das ist eine Aufgabe für die Landespolizei?

Peiler: Ja, da verlaufen natürlich Zuständigskeitsgrenzen und natürlich gibt es auch Informationsflüsse zwischen den Polizeien. Aber ich sag mal ganz ehrlich, man kann hier keine Zuständigkeiten nach vorne tragen, sondern letztendlich ist jede Polizei zur Verhinderung von Straftaten zuständig. Auch für Störer oder potenzielle Straftäter ist es ja nicht erkennbar, in erster Linie sind es Landespolizisten oder Bundespolizisten. Die einfache, polizeiliche Präsenz nach dem Anruf bei der Polizei hätte denke ich schon geholfen, auch eine Lage zu beruhigen. In den meisten Fällen ist es tatsächlich so, wenn wir Streifenwagen entsenden zu einem solchen Moment, dann beruhigen sich auch Lagen ganz, ganz schnell wieder.

WDR: Wie ist denn die Erkenntnislage? Was wissen Sie denn jetzt, was da überhaupt vorgefallen ist?

Peiler: Wir sind immer noch in der Ermittlungsphase. Wir haben aktuell heute einen Server eingerichtet. Wir bitten Zeugen, die Videoaufnahmen, Filme oder Fotos gemacht haben, uns diese zu übersenden. Die E-Mail-Adresse heißt silvester2015@polizei-dortmund.de. Es wäre uns ganz, ganz wichtig, egal auch welches Volumen diese Videos haben, uns diese zu übersenden. Wir wollen Licht ins Dunkeln bringen. Wir wollen uns selber auch mal ein Bild machen wie war die Stimmung in dieser Nacht? Was ist da passiert? Das ist im Moment noch relativ offen.

WDR: Aufgrund der Zeugenaussagen und der Übergriffe, die um 21 Uhr stattgefunden haben, muss ja die Stimmung über mehrere Stunden so gewesen sein. Inwiefern spielt auch die personelle Besetzung und die Einsätze der Polizei in der Nacht eine Rolle, warum man möglicherweise nicht vor Ort nachgeschaut hat?

Peiler: Die Silvesternächte sind traditionell immer sehr, sehr stark einsatzbelastet. Wir hatten in dieser Nacht weit über 500 polizeiliche Einsätze. Wir hatten einen erheblichen Übergriff von Rechtsextremisten in Dortmund-Dorstfeld. Aber das ist gar nicht der springende Punkt. Wenn Ihnen irgendetwas komisch vorkommt - und das gilt natürlich insbesondere für Opfer von Straftaten - melden Sie das unverzüglich, soweit das möglich ist, der Polizei. Wir werden immer Einsatzmittel und Streifenwagen zur Verfügung haben, zumindest da auch erstmal Aufklärung zu betreiben. Wir müssen auch erstmal als Polizei wissen, was haben wir da. Deswegen ist der Anruf bei der Polizei erstmal das Wichtigste.

WDR: Wir hatten vor zwei Jahren schon über Gruppen nordafrikanischer Jugendliche, die kriminell agiert haben, berichtet. Wie weit sind diese Strukturen noch aktiv und können das möglicherweise sogar sein?

Peiler: Wir reden in diesem Bereich über Taschendiebstahls-Delikte, auch in dem Bereich Antanz-Taschendiebstahls-Delikte, das ist ja das Phänomen was im Moment bundesweit diskutiert wird. Das ist auch in Dortmund nach wie vor ein Thema. Wir haben im Bereich Taschendiebstähle im Jahr 2014 über 4500 Delikte gehabt, auch viele davon im Bereich dieser Antanz-Masche. Ich habe das aber auch schon mehrfach gesagt, wir hatten aber bislang diese Dimension, dass auch sexuelle Handlungen vorgenommen wurden an den Opfern, in dieser Form so nicht. Ich glaube, das ist jetzt ein Thema das bundesweit erstmal virulent wird und das auch die Polizei aufarbeiten muss.

WDR: Ist es überhaupt schon einmal ein Thema gewesen am Rande von Massenveranstaltungen auch anderer Art wie Karneval oder Fußball?

Peiler: Das ist mir zumindest im Moment nicht bekannt. Von größeren Menschenmengen organisierte sexuelle Übergriffe kenne ich hier aus Dortmund im Moment nicht.

(Das Interview führten Julian Lang und Franz Altrogge).

Stand: 08.01.2016, 16:27